Medienspiegel

Offener Brief an den Grazer Bürgermeister

Univ.Prof. Dr. Gerhard Amendt

Bürgermeister der Stadt Graz 17. Februar 2016

Sehr geehrter Herr Nagl,

wenige Tage nach dem Attentat auf die Grazer Bürger 2015 habe ich Ihnen einen Internationalen Kongress zu familiärer und elterlicher Gewalt mit internationalen Spitzenwissenschaftlern der Forschung und Praxis angeboten. Ihrem entschlossenen „Ja,“ im Juli „den Kongress machen wir, gegebenenfalls auch selber“, folgt nun nach einigen Monatendes Zögerns die Absage des Kongresses. Der Grund: es mangele an Räumlichkeiten. Diese Entscheidung lässt sich nur als erschütternd beschreiben. In unserem sehr offenen Gesprächhabe ich Sie damals auf die Wahrscheinlichkeit von politischer Opposition auf Grund meiner Erfahrungen im In-und Ausland hingewiesen. Sie geht vor allem von Frauenhäusern aus, diesich gegen Wissenschaft und Ansätze stemmen, die der eigenen Ideologie widersprechen. Professionelle Hilfe und Frauenhauspolitik stehen zweifellos in einem schwierigen Verhältnis zueinander! Offensichtlich wollen Sie sich gegen diese Opposition nicht durchsetzen.

Wenn ich daran denke, dass Gewalthandlungen wie in „Köln“ und in Flüchtlingsunterkünften
nicht nur polizeilicher Zugriffe, sondern auch professioneller Hilfen für Betroffene bedarf, dann
frage ich mich schon, wie viel mehr Tote und Verletzter es bedarf, bis diese Organisationenbereit sind, Abschied von ihren Feindbildern zu nehmen und sich der Professionalisierung derBeratungsarbeit zuzuwenden. Allein die Professionalisierung auf den Stand der ausländischenForschung und Praxis zu bringen, hätte der Stadt Graz eine herausragende Antwort auf das Attentat ermöglicht, das weltweit mit Entsetzen aufgenommen wurde. Aber offensichtlich sinddrei Tote, dreißig Verletzte und lebenslang von dem Attentat Gezeichnete nicht genug, um ein Umdenken der Lobbygruppe einzuleiten. Zumal deren Finanzierung an keinerlei Nachweis von Effektivität gebunden zu sein scheint, so dass sie die Entwicklung neuer Ansätze folgenlosignorieren können. Zum Nachteil der Öffentlichkeit und Betroffener, die ein Recht auf den fortgeschrittenen Stand professioneller Hilfe haben und nicht gezwungen sein sollten, sich mit ideologisch Hausgemachten abzufinden. Solches dient der ideologischen Befriedigung der Organisationen, aber nicht der Hilfe für Geschädigte und ist deshalb grob gesellschaftsgefährdend.

Sehr zu meinem Bedauern haben Sie das angekündigte Signal nicht gesetzt, das Graz zu einemVorbild für Einrichtungen gemacht hätte, die sich mit Gewalt in Familien und Ethnien auseinandersetzen. Auf Gewalt darf nicht mit Feindbildern, Ideologie und handgestrickten Methoden sondern allein mit Professionalität reagiert werden. Das zeigt nicht nur das neue Handbuch Familiäre Gewalt im Fokus Fakten–Behandlungsmethoden– Prävention von John Hamel und Tonia Nicholls, sondern gerade auch österreichische Forschung aus dem Jahre 2013, wonach Gewalt in ethnischen Gruppen sowohl von Männern wie Frauen häufiger anzutreffen ist als unter Österreichern. Nicht von allen Parteien hätte ich die überfällige Professionalisierung erwartet. Von Ihrer Partei allerdings schon.

Mit freundlichen Grüßen
Gerhard Amendt

amendt@uni-bremen.de