Medienspiegel

Eine ganze Generation früh gestörter Kinder

Interview von Reinhard Jellen mit Günter Buchholz (Teil 1; Auszug):

„Wenn das Hauptaugenmerk der Motivation der Frauen nicht auf der familiären, sondern auf der beruflichen Seite liegt, dann erscheint das Kind als Hemmnis, Begrenzung und Last, die abgewälzt werden muss, und zwar entweder – innerhalb der Familie – auf andere Familienmitglieder, oder, wenn diese fehlen, außerhalb der Familie, auf gesellschaftliche Betreuungseinrichtungen.

Ein Kind, das – zwar nicht nur, aber eben doch – als eine Last erlebt und empfunden wird, ist aber in keiner beneidenswerten psychischen Ausgangslage. Und die kollektive Betreuung von Kindern durch Fremde unter der Randbedingung entfremdeter Lohnarbeit lässt auch wenig Gutes erwarten, und das gilt selbst dann, wenn die Betreuungseinrichtungen sachlich und personell sehr gut ausgestattet wären, wovon real keinesfalls ausgegangen werden kann.

R. J.: Sie stehen also der öffentlichen Kinderbetreuung kritisch gegenüber?

G. B.: Einen Moment. Erst will ich noch einen weiteren Gedanken anbringen: Die Schärfe der Problematik wird überhaupt erst deutlich, wenn berücksichtigt wird, dass das Hirn des Neugeborenen im ersten Lebensjahr noch unreif und besonders plastisch ist. Dass bedeutet, dass das Urvertrauen von einer gelingenden Interaktion vorrangig mit der Mutter während der Stillzeit und danach und der sich daraus ergebende Bindung abhängig ist. Ferner ist wesentlich, dass die charakterliche, das gesamte spätere Leben bestimmende Prägung der Psyche sich in den ersten sechs Lebensjahren vollzieht.

Wenn sich diese so unerhört wichtige Lebensphase nun in gesellschaftlichen Betreuungseinrichtungen fragwürdiger oder ungewisser Qualität, in jedem Fall aber unter Bedingungen entfremdeter Lohnarbeit vollzieht, dann ist ziemlich klar, was erwartet werden muss: eine ganze Generation früh gestörter Kinder nämlich, denen die Chance zu einer gedeihlichen Persönlichkeitsentwicklung von Anfang an entzogen wurde. Und das nur deshalb, weil die Verfügbarkeit weiblicher Arbeitskraft subjektiv und objektiv und in kurzfristiger Perspektive als wichtiger behandelt worden ist. Aber dieser störende Aspekt wird in der gesellschaftlichen und medialen Debatte völlig unterschlagen und verdrängt, und zwar deswegen, weil die ebenso ökonomistisch wie egoistisch verursachte tiefe Inhumanität, die sich hier Bahn bricht, nicht erkennbar werden soll.“- Hier weiterlesen:

http://www.heise.de/tp/artikel/38/38844/1.html