Medienspiegel

Political Correctness: „Sprechen ist auch ein anarchistischer Akt“

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Interview mit Jan Fleichhauer  – ein kurzer Auszug:

„Auch ohne den Einfluss politisch korrekter Sprachpuritaner wäre Sprache natürlich immer einem gewissen Wandel unterworfen. Wie stehen Sie dazu?“

„Interessant finde ich hier ein Missverständnis in der Schulbuch-Diskussion. Einige Kolumnisten wie ich oder Harald Martenstein von der Zeit haben sich darüber lustig gemacht, dass nun in den Büchern von Otfried Preußler die Verkleidungen der Kinder als Chinesen, Türkenmädchen oder Neger, wie es dort noch unbedacht heißt, geändert werden müssen. Manche auf der anderen Seite saßen danach dem Missverständnis auf, Leute wie ich wollten nun das in Ungnade gefallene Wort im allgemeinen Sprachgebrauch retten, nach dem trotzigen Motto: „Das lassen wir uns doch von den Linken nicht nehmen, dieses schöne Wort ‚Neger‘.“

Großer Unsinn! Ich würde niemals jemandem gegenüber ein Wort benutzen, das er als diffamierend empfindet, es sei denn, ich will ihn beleidigen. Da kann ich tausendmal sagen, das sei doch noch in den sechziger Jahren völlig unproblematisch gewesen: Wenn es das heute nicht mehr ist, habe ich das zur Kenntnis zu nehmen. Und wenn morgen das Wort „schwarz“ als diskriminierend gilt, dann werde ich dieser Bedeutungsverschiebung in meinem Alltag ebenfalls Rechnung tragen.

Angegriffen habe ich vielmehr die irrige Hoffnung, wenn wir die Sprache verändern, müsste das automatisch auf die Wirklichkeit zurückwirken. Das heißt, nur weil wir jetzt ein Wort benutzen, das angeblich nicht mehr abwertend ist, soll sich gleich das Los der sich durch dieses Wort diskriminiert fühlenden Minderheit ändern. An dieser reinsten Form von Idealismus verblüfft mich vor allem, dass sie von Linken vorgetragen wird. Denn gegen den Idealismus hat Karl Marx sein Leben lang angeschrieben. Dass man den Linken ausgerechnet Marx wieder näher bringen muss, ist eine ironische Wendung in der Sprachdebatte.“  –  Weiterlesen:

Kommentar GB: Jan Fleichhauer zeigt sich in diesem Interview als ein wirklich heller Kopf. Allerdings muss man sagen, dass sich diejenigen, die sich selbst heute für „Linke“ halten, für diese Selbsteinschätzung längst keine Grundlage mehr haben.

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