Fragen an eine Career-Service-Leiterin

Sehr geehrte Frau Orth,

ich setze mich schon seit längerem kritisch mit der Gender-Theorie auseinander und habe mit Interesse Ihre Antwort auf die Anfrage des Journalisten Ferdinand Knauß vom Handelsblatt gelesen.

Nun würde ich Ihnen gerne ein paar Fragen dazu stellen und wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir antworten würden. Dies ist ein offener Brief, den ich auf meiner Homepage veröffentlichen werde. Ihre Antwort würde ich ebenfalls gerne publizieren.

Sie schreiben in Ihrer Stellungnahme:

„Ich nehme an, Sie sind sich unserer gesellschaftlichen Realität der vertikalen und horizontalen geschlechtlichen Segregation des Arbeitsmarktes bewusst, ebenso der historisch-politischen Ursachen, die dazu geführt haben, dass Frauen bis heute auf vielfältige Weise auf dem Berufs- und Arbeitsmarkt diskriminiert werden.“

Aus dieser Antwort entnehme ich, daß unterschiedliche Verteilungen von Männern und Frauen in den verschiedenen Berufsgruppen sowie in der Hierarchie von Unternehmen Ihrer Ansicht nach grundsätzlich auf Benachteiligungen zurückzuführen sind. Sie bezeichnen dies als „vertikale und horizontale geschlechtliche Segregation“.

Können Sie dies denn belegen? Bei der von Ihnen angesprochenen „Segregation“ handelt es sich ja zunächst nur um einen rein deskriptiven Fakt. Diese Tatsache kann auf viele Ursachen zurückgeführt werden. Zum Beispiel können Männer und Frauen unterschiedliche Neigungen, Interessen und Talente haben, so daß Frauen beispielsweise eher bestimmte Berufe bevorzugen und Männer andere. Ebenso ist es möglich, daß Frauen ein geringeres Interesse an Führungspositionen haben, weniger konkurrenz- und karriereorientiert sind, so daß sich auch auf vertikaler Ebene unterschiedliche Verteilungen von Männern und Frauen ergeben.

Wenn ich Sie richtig verstehe, setzen Sie voraus, daß die beschriebenen unterschiedlichen Anteile von Männern und Frauen nur auf Benachteiligung zurückzuführen sein können. Dies ist eine Interpretation der vorliegenden Fakten. Wie geschildert gibt es hierfür auch andere mögliche Erklärungen. Ich würde gerne nun von Ihnen wissen, wie Sie Ihre Einschätzung, daß „geschlechtliche Segregationen“ prinzipiell auf Benachteiligung zurückzuführen sind, begründen bzw. wie Sie ausschließen, daß nicht auch andere Faktoren unterschiedliche Verteilungen der Geschlechter bewirken.

Des weiteren interessiert mich, warum Sie der Ansicht sind, daß Frauen auf dem Berufs- und Arbeitsmarkt diskriminiert werden. Woran machen Sie dies fest? Wenn Sie in dieser Hinsicht anführen, daß Frauen weniger verdienen als Männer, so müssen Sie auch hier belegen, daß der allgemein geringere Verdienst von Frauen auf Benachteiligung zurückzuführen ist und nicht auf andere Faktoren wie z.B. größere Teilzeitaffinität von Frauen, Neigung zu geringer entlohnten Berufsgruppen, in denen natürlich auch Männer entsprechend weniger verdienen. In letzter Zeit wächst das Bewußtsein dafür, daß es sich bei der Behauptung, Frauen würden bei gleicher Arbeit weniger verdienen, um eine statistische Konstruktion handelt.

Mich interessiert zudem, warum Sie zum Beispiel aus einer horizontalen geschlechtlichen Segregation nicht schließen, daß Männer in gleichem Maße diskriminiert oder benachteiligt werden. Es gibt beispielsweise in Frauenberufen zum Teil sehr geringe Männeranteile. Nach Ihrer Lesart wären Männer hier benachteiligt. Sehen Sie dies so? Warum erwähnen Sie nur die Benachteiligung von Frauen?

In Ihrer Antwort an Herrn Knauß sprechen Sie auch von „patriarchalen Strukturen“ und bringen damit zum Ausdruck, daß es sich bei diesen Strukturen um illegitime Begebenheiten handelt. Können Sie die unterstellte Illegitimität der von Ihnen genannten „patriarchalen Strukturen“ darlegen? Sie müßten meines Erachtens darlegen, inwiefern bestimmte Sachverhalte Frauen benachteiligen oder Ausdruck von Ungerechtigkeit sind.

Wie ich oben beschrieben habe, können die von Ihnen kritisierten Sachverhalte auch auf andere legitime Faktoren zurückgeführt werden. Deshalb würde mich interessieren, was Sie genau mit dem Begriff „patriarchale Strukturen“ meinen und wie Sie deren Illegitimität begründen. Meiner Ansicht nach handelt es sich um einen denunziativen Begriff, der mittels einer bloßen Zuschreibung bestimmte Sachverhalte pauschal stigmatisiert.

Zum Schluß habe ich noch einige Fragen zu dem letzten Absatz in Ihrer Antwort. Sie bemängeln dort den „fehlenden geschlechtergerechten Sprachgebrauch“ auf der Homepage des Handelsblatts und meinen damit die allgemein übliche Verwendung des generischen Maskulinums.

Können Sie mir plausibel erklären, warum sich diese angeblich „geschlechtergerechte“ Sprache bei Frauen nicht durchgesetzt hat und diese sich in keiner Weise durch die Verwendung des generischen Maskulinums diskriminiert fühlen? Ebenso fühlen sich auch Männer durch dessen Verwendung nicht bevorteilt. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird von der Geschlechtlichkeit abstrahiert, da sie in den meisten Zusammenhängen keine Rolle spielt.

Ich erlebe sogar häufig Frauen, die bei Selbstbezeichnungen das generische Maskulinum verwenden, obwohl es sich ja um eine konkrete Frau handelt, die bezeichnet wird, und eine weibliche Form durchaus dem Sprachempfinden entspräche. Wie erklären Sie sich dies? Warum fühlen sich diese Frauen nicht diskriminiert, wenn sie Sätze sagen wie „Ich bin Student.“ oder „Ich bin Nichtraucher.“? Meines Erachtens handelt es sich bei der Kritik am generischen Maskulinum und der sogenannten „geschlechtergerechten Sprache“ um eine willkürliche ideologische Konstruktion, die von der Realität widerlegt wird.

Am Ende Ihrer Antwort kritisieren Sie den Frauenanteil in der Geschäftsführung und der Chefredaktion des Handelsblattes. Können Sie begründen, warum dies ein illegitimer oder kritikwürdiger Zustand ist, der also auf Benachteiligung oder ähnliches zurückzuführen ist? Ein geringer Frauenanteil als solcher bedeutet ja noch nichts. Eine mögliche Benachteiligung von Frauen muß nachgewiesen werden. Ihre Ausführungen sind meines Erachtens eine pauschale Konstruktion von Benachteiligung von Frauen, die als solche unseriös ist, selbst wenn sich nach einer Überprüfung herausstellen sollte, daß hier Frauen tatsächlich benachteiligt werden sollten.

Gleichheitssexismus

Es ist Ihnen sicherlich aufgefallen, daß die weitverbreiteten Feststellungen, die sie tätigen, alle nach dem gleichen Muster ablaufen. Es handelt sich hierbei ausschließlich um neutrale Fakten, die als solche nichts bedeuten, denen aber eine negative Bedeutung hinzugedichtet wird. Diese „Dichtung“ entspricht einer allgemeinen Mode, die ihren Anhängern eine gewisse Belohnung verheißt. Man wähnt sich in dem Glauben, für eine gute Sache zu handeln und sich gegen vermeintliche Mißstände zu engagieren. Die Belohnung besteht also darin, sich als „guter Mensch“ fühlen zu können, und in einer gewissen Geborgenheit in allgemein sanktionierten moralischen Vorstellungen.

Diese Vorstellungen sind allerdings ein Selbstzweck bzw. Teil einer Ideologie, so daß blind neutrale Fakten in die immer gleiche Richtung interpretiert werden, eine bestimmte Erklärungsmöglichkeit den Charakter eines Fetischs bekommt und andere dieser Ideologie zuwiderlaufende Interpretationsmöglichkeiten nicht ernstgenommen und von vornherein ausgeschlossen werden. Es besteht also ein Zustand der allgemeinen Kritiklosigkeit und des Opportunismus, welchen ich sehr bedenklich finde. Es mangelt an Zivilcourage und an Menschen, die den Mut aufbringen, das scheinbar Selbstverständliche und allgemein Gepriesene zu hinterfragen und den Mund aufzumachen.

Abschließend würde ich mich sehr über eine Antwort von Ihnen freuen, da ich immer wieder verwundert darüber bin, mit welcher Leichtigkeit im Kontext von „Gender-Theorie“, Feminismus und „Gender-Mainstreaming“ ideologische Behauptungen aufgestellt werden, die jeder Grundlage entbehren. Da Sie eine Frau in verantwortlicher Position sind und aus Ihrem Schreiben hervorgeht, daß Sie offenbar über gewisse Kenntnisse auf dem angesprochenen Gebiet verfügen, wäre ich über eine Antwort dankbar. Ich schreibe Ihnen auch, weil ich als Bürger darüber besorgt bin, daß in unserer Gesellschaft Entscheidungen in erheblichem finanziellen Rahmen und mit großer Auswirkung auf das Klima des Zusammenlebens zwischen Männern und Frauen getroffen werden, die meiner Ansicht nach auf einer gewissen Eigendynamik ideologischer Vorstellungen basieren, die keiner seriösen Überprüfung standhalten.

Mit freundlichen Grüßen

Sebastian Wiemann

Hervorhebung: GB  –  Quelle:

http://www.gender-ideologie.de/briefe/fragen-an-eine-career-service-leiterin.html

Kommentar GB:

Frau Orth hat diesen Brief wie folgt nicht beantwortet:

“ Sehr geehrter Herr Wiemann,

das Mentoringprogramm für Frauen an der Viadrina ist ein Baustein eines Gesamt-Brandenburgischen Programms, das vor einigen Jahren vor allem als eine Maßnahme der Brandenburgischen Regierung initiiert wurde, um die dramatische Abwanderung junger, qualifizierter Frauen aus Brandenburg zu stoppen. Falls Sie hierzu weitere Fragen haben, wenden Sie sich bitte direkt an das MWFK in Potsdam.

Mit freundlichen Grüßen

Susanne Orth
Leitung Fundraising, Alumni und Karriere
Europa-Universität Viadrina
Große Scharrnstrasse 59
15230 Frankfurt (Oder)
Tel. 0335 – 5534 2458
www.europa-uni.de “

Kommentar GB:

Man sieht: wenn es ernst wird mit einer kritischen Nachfrage, dann folgt der intellektuelle Offenbarungseid.