Wissenschaftsfreiheit – Witz oder Wirklichkeit?

Von Michael Klein

„Wenn man zum ersten Mal Thomas Kuhns “Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen” liest, mutet seine Vorstellung, dass ein Wissenschaftler den Übergang von einem Paradigma in ein anderes Paradigma nur durch eine Konversion, die Kuhn mit einer plötzlichen Erleuchtung und ähnlich einer religiösen Konversion beschreibt (vor allem in seinem Beitrag “Reflections on my Critics” im von Lakatos und Musgrave herausgegebenen Band: Criticism and the Growth of Knowledge hat er diese Idee weiter ausgearbeitet) schaffen können soll. doch eher seltsam und fremd an.

In der Regel ist man jung, wenn man Kuhns “Struktur wissenschaftlicher Revolutionen” liest.

KuhnEin Paradigma, das zur Erinnerung, ist für Kuhn so etwas wie ein autoritärer Erzieher, der den Wissenschaftlern, die ihm folgen, nicht nur sagt, wie sie die Welt betrachten sollen, er gibt ihnen auch Rätsel auf und stellt die Lösungen bereit. Weil Wissenschaftler sich nicht so gerne als Abhängige darstellen, sprechen sie lieber von einer Theorie, nicht so gerne von einem autoritären Erzieher.

Ein Paradigma ist jedoch mehr. Es ist nicht nur Theorie in Satzform, es ist auch Weltsicht und Methode, d.h. wer in einem Paradigma lebt, der sieht die Welt aus der Perspektive des Paradigmas, er nutzt Methoden, die im Paradigma zur Verfügung gestellt werden, und die Forschungsfragen, die er beantwortet, finden sich ausschließlich im Rahmen seines Paradigmas.

Wenn Archäologen oder Ägyptologen eine Pyramide sehen, dann sehen sie automatisch das Grab eines Pharaohs. Sie können gar nicht anders, denn in ihrem Paradigma sind Pyramiden Gräber. Andere, die sich außerhalb des Paradigmas befinden, sehen etwas Anderes, ein Kraftwerk, eine Sternwarte uvm. Und alle versuchen sie die Sichtweise, die ihnen ihr Paradigma vorgibt, mit Funden zu belegen.“

http://sciencefiles.org/2015/04/13/wissenschaftsfreiheit-witz-oder-wirklichkeit/

Kommentar GB:

Wissenschaftsfreiheit ist eine Norm, die der realen Tendenz der Indienstnahme meist für kommerzielle Interessen entgegengestellt ist.

Der Staat soll – eigentlich – die Einhaltung dieser Norm absichern. Wenn er das nicht (mehr) tut, dann setzen sich diese Interessen durch, und die Hochschulen werden institutionell und finanziell (z. B. Drittmittel) von den kommerziellen und sonstigen Interessen abhängig. Hierzu:

http://f4.hs-hannover.de/fileadmin/media/doc/f4/Aktivitaeten/Veroeffentlichungen/2007/176.pdf

Kuhn beschrieb die naturwissenschaftliche Wissenschaftsentwicklung empirisch, als IST. Das bedeutet: eine Norm, ein SOLLEN, eine Verfahrensweise, eine wissenschaftliche Methode (wie z.B. die des Kritischen Rationalismus), ist daraus nicht ableitbar, weil jedes Sollen, gerade auch das moralische, aus sich heraus und nicht von einem Sein her zu begründen ist. Deshalb kann Kuhn nicht als Widerlegung von Popper interpretiert werden: das wäre ein Denkfehler – der aber gleichwohl vorkommt. Dass etwas anders ist als es sein soll, kann nicht als Widerlegung der Norm oder der Regel vorgebracht werden, weil sonst – etwa in Süditalien – die praktischen Methoden der Mafia Anspruch darauf hätten, zur Norm erhoben zu werden, und das ist offensichtlich absurd. Aber mit genau dieser Argumentationsfigur wurde in den 70er Jahren gegen den §218 StGB agitiert.

Dass bestimmte Theorien, wenn sie sich geschichtlich als Paradigma konstituiert haben, gewissermaßen eine Trägheit entwickeln, die Veränderungen erschwert, dass ist das eine, dass sie zugleich wahrnehmungspsychologisch gesehen als bestimmte Gestalten erscheinen, die sprunghaft einer Wahrnehmungsveränderung, einem sprunghaften Wandel ausgesetzt sein können, das ist das andere.

In den Sozialwissenschaften spielen aber insbesondere soziale Interessen eine wesentliche und steuernde Rolle im Hinblick auf die Begünstigung oder die Verdrängung von Theorien, weil die sozialwissenschaftliche Akteure selbst Teil dessen sind, was sie analysieren. Sie hätten dies selbstreflexiv zu berücksichtigen und zu bedenken.

Aber einfacher ist es natürlich, sich an dem zu orientieren, was derzeit als sozial erwünscht gilt. Denn dann bleibt der Futternapf gefüllt. Und wenn die Arbeitsresultate dann junk science sind – egal, das macht gar nichts: Hauptsache, das Einkommen fließt weiterhin.