Die biologische Klasse und die Auflösung von Klasseninteressen

Von Roberto J. Lapuente

„Das große Geld hat der Unterklasse so lange eingeflüstert, dass es so etwas wie Klasseninteressen gar nicht gibt, bis die es geglaubt hat. Das an sich war schon durchtrieben. Sie hat alsdann neue Klassen eingeführt, die nicht auf ökonomische Prämissen zurückzuführen sind, sondern auf biologische Gemeinsamkeiten.

Diese biologisch konzipierten Klassen anstelle eines ökonomisch verstandenen Klassenbegriffes nehmen dem Sozialabbau, der Entrechtung, der Vereinsamung und Zersparung der öffentlichen Hand das Wind aus den Segeln. Wenn sich Menschen plötzlich nicht mehr als nahestehend begreifen, weil sie in denselben Prekärbeschäftigungen verarscht werden, sondern weil sie zum Beispiel beide weiblich sind, dann zieht man die Verantwortlichen für die soziale Schieflage aus der Schusslinie.

Die Biologisierung des Klassenbegriffes unterschlägt die ökonomischen Ungleichheit

Schwarze sind nicht gleich Schwarze. Obamas Kinder und die Kinder eines afroamerikanischen McDonalds-Angestellten aus Harlem haben nicht dieselben Probleme.

Während ökonomisch privilegierte Frauen um die „Gleichberechtigung von Frauen in Führungspositionen“ (so schrieb es die taz) kämpfen, zählt die Wartefrau jenen Teil ihres Lohnes, der der Willkür der Stehpinkler geschuldet ist, auch Trinkgeld genannt.“   –

Zum Artikel:

https://frankfurter-erklaerung.de/wp-admin/post-new.php

Kommentar GB:

Die Linke (im weiten Sinne) weist gern auf die Verderblichkeiten des europäischen Rechtspopulismus hin.

Aber sie macht dabei immer wieder zentrale Fehler, die bleischwer auf sie selbst zurückfallen.

1. verkennt die Linke i. w. S., dass hinter politischen Kampagnen und Erfolgen rechtspopulistischer Parteien sehr reale Probleme stecken, die von der Linken (i. w. S.) bagatellisiert oder gänzlich verleugnet werden, und es ist gerade diese Verleugnung, die zwangsläufig zu einer weiteren Stärkung der Rechtspopulisten führt. Die Linke (und nicht nur sie) müsste allererst bereit, nicht über, sondern von den Problemen zu sprechen, und zwar ohne irgendwelche ideologischen Vorurteile, und sie müßte bereit sein, über die Probleme mit offenem Ergebnis zu diskutieren. Anders ist eine rationale öffentliche gesellschaftliche Debatte nicht möglich.

2. bemerkt die Linke i. w. S. nicht, dass sie aufgrund falscher Bündnisse, zum Beispiel mit dem Feminismus und mit der Homosexuellenbewegung, selbst einen Populismus ausgebildet hat, den sie, wenn auch mit inhaltlich anderen Akzenten, der bekämpften anderen Seite vorwirft.

http://le-bohemien.net/2012/11/29/die-biologische-klasse-und-die-auflosung-von-klasseninteressen/

 

Falsch sind diese Bündnisse, weil sie einer gesellschaftstheoretisch begründbaren linken Politik nichts zu tun haben – im Gegenteil!

https://www.freitag.de/autoren/guenterbuchholz/von-der-frauenemanzipation-zur-frauenprivilegierung

Die Taktik, um eines etwas größeren politischen Gewichtes willen wissentlich falsche Bündnisse einzugehen, ist aber zum Scheitern verurteilt, weil das, was an der Zielsetzung und der Strategie richtig, durch faule taktische Kompromisse konterkariert und falsch wird. Das Ergebnis ist mindestens Stagnation, oder wachsende Unglaubwürdigkeit, Parteiaustritt und Wählerwechsel.

Von außen betrachtet wirkt es übrigens ziemlich lächerlich, wenn Linkspopulisten Rechtspopulisten Populismus vorwerfen – und ebenso, wenn das umgekehrt stattfindet: der populistische Populismus-Vorwurf von Leuten, die allesamt populistisch wichtige Teile der realen Probleme verleugnen.

3. Das Falsche dieses Populismus findet bei Links- wie bei Rechtspopulisten seinen Ausdruck in der Tendenz, bestimmte Probleme zu thematisieren und in der öffentlichen Diskussion zuzulassen, andere – sehr reale Probleme – aber nicht.

Es bildet sich hier wie dort ein differentes falsches Bewusstsein (Ideologie), das in der Tendenz seinen Ausdruck findet, die vermeintlichen Nicht-Probleme zu bagatellisieren, zu verleugnen und im schlechtesten Sinne moralisierend abzuhandeln.

Und das alles findet in einem übergreifenden, bestimmenden und nach wie vor recht stabilen neoliberalen Rahmen statt – das ist das Pikante dabei. In der Griechenland – Krise wird dieser Rahmen und sein Wirkungsweise direkt sichtbar.

http://www.nachdenkseiten.de/?s=Griechenland&Submit.x=0&Submit.y=0