Cives Academici

Von Gunnar Kunz   –   Auszug:

„Und wir wollen bitte nicht vergessen, dass es Studenten waren, die 1933 in eigener Regie die Bücherverbrennungen in ganz Deutschland vorbereiteten, organisierten und durchführten, beginnend mit der Plakataktion „Wider den deutschen Ungeist“ bis zu den rituellen „Feuersprüchen“. Man muss sich das klarmachen: Studenten, die angetreten waren, das Wissen ihrer Zeit zu studieren, errichteten für eben dieses Wissen einen Scheiterhaufen.

Dies alles taten sie, weil sie wussten, dass sie mit dem Zeitgeist schwammen und der herrschenden Ideologie das Wort redeten. Weil sie sich der Rückendeckung durch Professoren, einen großen Teil der Medien und die „feineren Kreise“ der Gesellschaft sicher sein konnten.

Dabei – und das lernt man bedauerlicherweise nicht im Geschichtsunterricht in der Schule – sahen sie sich keineswegs als reaktionär, im Gegenteil: Sie fühlten sich als Revolutionäre. Hatten sie doch nicht die Rückkehr des Kaisers im Sinn, sondern wollten die alte Ordnung hinwegfegen, die schwerfällige Weimarer Demokratie und die Andersdenkenden, die der erhofften neuen Welt im Wege standen.

Nur mit diesem Wissen im Hinterkopf lässt sich verstehen, was augenblicklich an deutschen Hochschulen abläuft.

Etwa wenn Studenten an der Humboldt-Uni Berlin Gesinnungskontrolle ausüben und einen unliebsamen Professor im Internet stalken (anonym natürlich), weil er Machiavelli ihrer Meinung nach „mit sehr viel Sympathie behandelt“ („Münkler-Watch“). Wenn eine Professorin öffentlich zu Straftaten aufruft, beispielsweise unliebsame Seiten aus Büchern herauszureißen oder Veranstaltungen, die einem nicht passen, kollektiv zu stören. Wenn eine Dozentin der Technischen Universität Berlin einen Studenten zwingen will, „in gendersensibler Sprache“ zu schreiben, andernfalls erhalte er Punktabzug. Wenn Studenten tumultartige Szenen veranstalten, weil sie Hegel, Rousseau oder Kant nicht im Unterricht behandelt wissen möchten, weil es einfacher ist, etwas aufgrund von aufgeschnappten Vorurteilen zu verdammen, statt sich kritisch damit auseinanderzusetzen. Kurz: Wenn Genderindustrie und Gutmenschentum die ehemaligen Tempel des Wissens dominieren.

Es handelt sich dabei erneut um eine totalitäre, antidemokratische und wissenschaftsfeindliche Bewegung, die sich selbst als revolutionär und progressiv begreift. Es handelt sich um dasselbe feige Mitläufertum, das nur in einem Umfeld gedeihen kann, das solche Demagogie schützt und ermuntert.

„Zensoren und Bücherverbrenner beanspruchen hohe Ideale für sich und geben sich als Hüter von Moral und Tugend. (…) Daran hat sich auch in unserer Gegenwart wenig verändert, nur dass sich unsere Definitionen von Tugend oder Moral verändert haben“, schreibt der Historiker Hans J. Hillerbrand in dem Buch Verfemt und verboten.
Und eben weil ich mich ausgiebig mit der Weimarer Republik beschäftige und daher weiß, welche Konsequenzen es beispielsweise für Albert Einstein hatte, wenn feindlich gesinnte Kollegen seine Arbeit als „jüdische Physik“ denunzierten, gruselt es mich, wenn heute dieselbe Sorte Scharlatane in den akademischen Zirkeln von „männlicher Wissenschaft“ schwafeln.“   –

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http://pfuetzenfische.blogspot.de/2015/08/cives-academici.html