Feminismus am Ende

von Wilfried Müller

„Eigentlich heißt die Zeit Zeit, aber wenn’s heiß ist, heißt sie Saure-Gurken-Zeit? Das könnte man meinen, wenn man den dreiteiligen Kulturartikel vom 7.8. liest, Gender Studies – Schafft doch gleich die Geisteswissenschaften ab!

Gender Studies seien Wahn, nicht Wissenschaft, heißt es häufig. Bisher verweigern die meisten Geistes- und Sozialwissenschaften ihnen die Solidarität. Das findet die Autorin Marion Detjen gefährlich. Sie scheibt gegen die Legitimationsprobleme der Genderwissenschaften an (Bild: mikegi, pixabay).

Gentleman & Macho

Sie verortet den Widerstand gegen die Geschlechterfreiheit einmal beim aussterbenden Gentleman (Erklärungsansatz männlicher Narzissmus und Misogynie) und dann noch im groben, unfreundlichen Antifeminismus der Machos (Schwäche, Egoismus,  Gleichgültigkeit, Überheblichkeit, Mangel an Souveränität und Erziehung – aber nicht Mangel an Bildung).

Letzteres findet sie eher uninteressant. Schlimmer sei die Gentleman-Frauenfeindlichkeit („nicht Anti-, sondern nur A-Feminismus“), dagegen müsse man politisch kämpfen, denn zunächst entziehe sie sich dem feministischen Aktivismus. Wie gut also, dass es die Gender Studies gibt, wo sowas aufgeklärt wird.

Leider gebe es nicht erst seit heute absurde, unfaire Verschwörungstheorien, in denen die Gender Studies als Popanz für die  Begründung und Durchsetzung eines angeblichen „Staatsfeminismus“ fungieren. Wegen ein paar Fehlentwicklungen (z.B. Nur noch „Professorinnen“ an der Uni Leipzig, Beispiel von wb nachgetragen) werde dem Fach die Existenzberechtigung abgesprochen, unschön, aber so isses eben.

Staatsfeminismus

Doch es wird schlimmer. Der Evolutionsbiologe und Lehrstuhlinhaber Ulrich K. habe versucht, einen Aufschlag zu landen, indem er die Gender Studies als unwissenschaftlich diffamierte. Nicht weiter erwähnenswert, die  persönliche Ressentiments des K. (gekürzelt von der Autorin) lugten allzu offenkundig unter dem evolutionsbiologischen Mäntelchen hervor. Aber es gebe Klärungsbedarf.

Gender Studies waren mal feministisch, jetzt nicht mehr. Es geht laut Autorin um 4 Punkte:

  1. Die Geschlechterverhältnisse, also auch die  geschlechtlichen Identitäten, incl. Sex sind sozial konstruiert und nicht durch Gene zwangsläufig festgelegt.
  2. Wenn sie sozial gemacht sind, liegt die Entscheidung an den Menschen selbst, wie sie sein sollen oder die eklatanten vergeschlechtlichten Ungleichgewichte verändert werden müssen.
  3. Die Politik spielt immer mit, die Geschlechterforschung (alle 15 Lehrstühle) verdankt ihre Existenz wie alle anderen Forschungen letztlich politischen Entscheidungen.
  4. Auch die Sprache ist das Ergebnis sozialer Prozesse, und sie ist leider männerlastig ausgeprägt. Das weibliche sei sekundär und müsse extra markiert werden, um überhaupt zur Sprache zu kommen. Dieser tragische Mißstand ließe sich auch durch feministische Linguistik beheben, nur hervorheben.

Grundannahme

Die RadikalfeministInnen sind damit nicht zufrieden, zumal unsere Verhältnisse ganz allgemein nicht naturwüchsig existieren, sondern sozial konstruiert und veränderbar sind. Das ist die Grundannahme der Geistes- und Sozialwissenschaften. Unterstützung von der Biologie gibt’s allerdings nicht, wie die Autorin bedauert. Auch sonst stehen die Gender Studies weitgehend alleine und erfahren kaum Solidarität (Sexismus ist ein politischer Kampfbegriff, so der Name von Teil 2).

Da gebe es den Schulterschluss der Sexisten, die der Artikel nicht so explizit bezeichnet, gegen die er gleichwohl ein wenig akademisches Hickhack anstrengt. Tenor (so heißt der 3. Teil): treibt die Geisteswissenschaftler die Angst in die falsche Solidarität?

Warum solidarisieren die sich gegen die Gender Studies? Nicht aus Antipathie gegen Geschlechterstudien, nicht aus Frauenfeindlichkeit, sondern aus Angst.

Ängste

Weiterhin wird über die Art der Ängste spekuliert, vor Wandel und Machtverschiebungen, vor überschießenden Gefühlen, vor ungezügelten Ressentiments und letztlich um um die eigene akademische Existenz. Überhaupt sei der Mittelbau der  Universitäten nur noch ein Schatten seiner selbst. Die Forschungsgelder fließen zu den Naturwissenschaften und den Wirtschaftswissenschaften und weg von den Geisteswissenschaften.

Die Bedrohungsszenarios werden noch ausgemalt, dabei seien Gender Studies doch so wichtig. Wer solle anderen sonst erklären, warum Sex eine soziale Konstruktion ist, und wenn das nicht passiert, wie sollen sie dann erklären, warum Nation, Volk, Geschichte, Gesellschaft sozial konstruiert sind? Morbide Gedanken bis zum Grab der Geistes- und Sozialwissenschaften, das durch den Mittelentzug geschaufelt werde.

Und am Ende dienen sie höchstens noch als Herrschaftslegitimation der Oligarchien und Diktaturen. Man braucht die Gender Studies, meint die Autorin. Sollen die Ökonomen doch mal anfangen, zu begründen, warum wir sie brauchen, wo die Wirtschaftswissenschaft doch weder Wirtschaft noch Wissenschaft seien – soweit der Artikel.

Kritik

So also redet man/frau miteinander. Gender ist Wahn, nicht Wissenschaft, Wirtschaftswissenschaft ist weder Wirtschaft noch Wissenschaft. Und die Angst herrscht bei den Gender-Gegnern.

Aber bei den Gender-Leuten vielleicht nicht? Man fragt sich verblüfft, warum verlieren die GenderInnen die echten Machos aus den Augen, die in großer Zahl ins Land kamen und kommen?  Vielleicht stehen die Gender-ForscherInnen so alleine, weil sie an den echten Anti-Feministen einfach vorbeischauen?

Wäre es nicht die wichtigste Aufgabe der Integration, die sozialen Prozesse aufzuzeigen, von denen die neuen eklatanten vergeschlechtlichten Ungleichgewichte konstruiert werden? Und Methoden zu ihrer Verbesserung zu ersinnen? Viel wichtiger als feministische Linguistik zu treiben? Und wäre das nicht neue Forschungsmittel wert?

Früher war das Genre mal feministisch, jetzt ist es nur noch minimalistisch feministisch. Oder einäugig, das können sie sich aussuchen. Wenn sie am dringendsten Bedarf vorbeiforschen, sind sie kaum unterstützenswert. Dann lautet das bessere Credo, schafft doch gleich die Gender Studies ab.“   –   Hervorhebung: GB   –

Quelle:

http://www.wissenbloggt.de/?p=29023&cpage=1

sowie die Anmerkungen auf:

http://cuncti.net/geschlechterdebatte/852-deutung-statt-erklaerung

Kommentar GB:

http://cuncti.net/wissenschaft/510-braucht-unsere-gesellschaft-gender-studies

http://serwiss.bib.hs-hannover.de/frontdoor/index/index/docId/405

Wer wissen will, wieviel Gender Lehrstühle mit voller oder teilweiser Denomination tatsächlich gibt, der zähle hier nach:

http://www.gender-studies.org/

Die Zahl ist deutlich größer als 15.