Frauenpolitik und Karrierismus – oder: Wie die Linken auf ihre Ideale verzichten

Dr. Alexander Ulfig

„Früher haben große Teile der Linken Karriere abgelehnt. Sie wurde als Ausdruck der Entfremdung angesehen und galt als Inbegriff von Geldgier, hierarchischen Strukturen, Konkurrenz und Ellenbogenmentalität, kurz: als Inbegriff des falschen Lebens. Seit geraumer Zeit beobachten wir eine Rehabilitierung des Karrierismus, und zwar insbesondere in der sich als links begreifenden Frauenbewegung. Doch welche Gründe gibt es für diesen Sinneswandel?“ (…)

„Ich möchte hier einen weiteren Grund für die Rehabilitierung des Karrierismus erläutern: Den Einfluss der Postmoderne auf die linksalternative Bewegung, insbesondere auf die Frauenbewegung. Während Karl Marx und die Repräsentanten der Kritischen Theorie die Ideale des Humanismus und der Aufklärung wie die besondere Stellung des Menschen, personale Unabhängigkeit, Selbstbestimmung (Autonomie), Emanzipation (Befreiung von allem, was den Menschen behindert) und Vernunft mit ihren allgemeingültigen Maßstäben des Denkens und Handelns vertreten, werden sie von den Denkern der Postmoderne wie Michel Foucault, Jacques Derrida, Jacques Lacan u.a. abgelehnt. Für Foucault, den prominentesten Denker der Postmoderne, sind die genannten Ideale Mythen, die es zu überwinden gilt. Er spricht sogar vom „Ende des Menschen“.(27) Der Mensch steht somit nicht im Mittelpunkt der Welt und der Geschichte. Er ist bloß eine soziale Konstruktion. Foucault weist in diesem Zusammenhang nicht nur die Annahme eines erkennenden Subjekts im inne des cartesianischen cogito, sondern auch die eines praktischen Subjekts, das z.B. Emanzipationsansprüche erhebt, zurück.

Ihm zufolge kann es kein allgemeingültiges Wissen geben; jegliches ist relativ zum sozio-kulturellen und geschichtlichen Kontext. Es ist außerdem immer machtgeleitet und parteiisch. Macht durchdringt nach Foucault die ganze soziale Welt und hat eine positive Funktion. Dabei lässt es sich nicht zwischen legitimer und illegitimer Macht, zwischen „guter“ und „schlechter“ macht unterscheiden, denn Foucault lehnt die humanistischen und aufklärerischen Werte, die eine solche Unterscheidung ermöglichten, ab. Mit Hilfe seiner Position lässt sich daher eine nihilistische, skrupellose Machtpolitik leicht rechtfertigen. Der Karrierismus ist ein integraler Teil dieser Politik.

Auch in der linksalternativen Frauenbewegung ist der Einfluss der Postmoderne deutlich zu sehen. Judith Butler, die Begründerin der GenderTheorie, knüpft an postmoderne Philosophen, insbesondere an Michel Foucault und Jacques Derrida, an. Geschlecht wird von ihr als eine soziale Konstruktion aufgefasst, und zwar nicht nur das soziale Geschlecht (gender), sondern auch das biologische (sex).(28) Geschlecht wird durch „Machtformationen“ kulturell konstruiert, und zwar im Rahmen von „Diskursen“, durch „diskursive Praktiken“. Was konstruiert werden kann, kann auch dekonstruiert werden. In Anlehnung an den Begriff „Dekonstruktion“ von Jacques Derrida ist Butler daran interessiert, die Zweigeschlechtlichkeit (Mann-Frau), die sie ebenfalls als eine soziale Konstruktion auffasst, zu dekonstruieren.

Die Konsequenz davon ist ein „postmodernes Ein-Geschlecht-Modell“: „Frauen sind Männer, bloß anders“.(29) In anderen Worten: Frauen sollen so wie Männer sein, so wie Männer handeln und arbeiten; sie sollen in die Arbeitswelt gedrängt werden und dort Karriere machen. Trotz aller Reden über Lockerung der Zweigeschlechtlichkeit, Flexi-Identitäten und Diversity werden Geschlechter uniformiert, um sie marktkonform zu machen.“ (…)

Zum – sehr lesenswerten – Artikel:

http://cuncti.net/geschlechterdebatte/864-frauenpolitik-und-karrierismus