Gender Forschung in Baden-Württemberg

Redaktion: Maja S. Maier, Elisabeth Cheauré, Dagmar Höppel, Marion Mangelsdorf
Rundbrief des VBWW 27/2006 – ISSN 1432-4059 Herausgebende:
Geschlechtergerechtigkeit in Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft e.V.
Hochschulartenübergreifendes Kompetenzzentrum für Genderforschung und Bildungsfragen in der Informationsgesellschaft (KGBI)
Landeskonferenz der Gleichstellungsbeauftragten an den Wissenschaftlichen Hochschulen in Baden-Württemberg (LaKoG)
Sozialwissenschaftliches Frauenforschungsinstitut e.V. (SoFFI K.)
Tübinger Institut für frauenpolitische Sozialforschung e.V. (tifs)
Verband Baden-Württembergischer Wissenschaftlerinnen (VBWW)
Zentrum für Anthropologie und Gender Studies an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg (ZAG)
Anmerkung GB:
Dass es angeblich eine „strukturelle Diskriminierung“ (synomym für: „Patriarchat“; GB) geben soll, die durch Frauen- und Geschlechter-forschung erkannt werden solle (s. 8), das ist das ideologisch-dogmatische Vorurteil. Das Erkenntnisziel wird somit vorausgesetzt. Es geht nur noch darum, das Vorausgesetzte zu bestätigen. Das ist eine unwissenschaftliche Herangehensweise. Wissenschaft ist prinzipiell ergebnisoffen, und um Wissenschaft würde es sich dann handeln, wenn danach gefragt würde, ob es eine vermutete oder behauptete „strukturelle Diskriminierung“ von Frauen überhaupt gibt, und unter welchen Voraussetzungen von einer solchen überhaupt gesprochen werden könnte. Denn dass z. B. der Begriff „Patriarchat“ nicht tragfähig ist, das hat die Forschung inzwischen geklärt:
und da ersatzweise hierfür der Begriff der „strukturellen Diskriminierung“ verwendet wird, gilt diese Kritik am Patriarchats-Begriff ebenso für diesen. Nicht-Wissenschaft aber darf keinen Ort haben an Wissenschaftlichen Hochschulen.
Zum Text:

http://www.lakog.uni-stuttgart.de/menue_links/service_fuer_wissenschaftlerinnen/frauen_und_geschlechterforschung/gender_forschung/gender04_1.pdf

Kommentar GB:

Was Paula-Irene Villa unter Gender Studies versteht, das lesen Sie im Auszug hier:

„Geschlecht ist nichts anderes als andauernde prozesshafte Konstruktion“

Reinhard Jellen 02.06.2013

Paula-Irene Villa über Gender Studies. Teil 2

Für die einen hinterfragen die Gender Studies den naturgegebenen Charakter scheinbar natürlich gegebener Kategorien wie Geschlecht und sind somit unabdingbarer Bestandteil wissenschaftlichen Forschens. Für die anderen sind sie eine akademische Mode und poststrukturalistisches Larifari. Telepolis hat bei der Soziologin Paula-Irene Villa nachgefragt („Wer hat die Grenzziehung zwischen Männern und Frauen wie gemacht?“). Teil 2 des Gesprächs.

Welches sind die wichtigsten wissenschaftlichen Resultate der Gender Studies?

Paula-Irene Villa: Ich würde zunächst mal kontraintuitiv sagen, eine der ganz wichtigen Einsichten ist, dass es Geschlecht so nicht gibt. Das meint zum einen, dass wir immer nicht genau wissen können, was eigentlich Geschlecht jeweils heißt. In einer raum-zeitlich-spezifischen Konstellation kann das vieles Verschiedenes bedeuten, und insofern sollte man nie zu sicher sein, dass man zuvor immer schon weiß, was Geschlecht heißt. Zumal, wenn man gute Wissenschaft machen will, man ja mit der doxa des Alltags brechen und noch unsicherer werden muss, mit dem, was Leute eigentlich meinen, wenn sie meinen zu wissen, was Geschlecht ist. Das ist eine wichtige Einsicht.

Ich würde es da durchaus mit Derrida halten: Geschlecht ist eine metaphysische Präsenz, so eine Chiffre, von der alle immer meinen, sie wüssten, was das heißt, ohne das wirklich präzisieren zu müssen oder zu können. Dass das konstruiert ist, ist eine wichtige Einsicht. Geschlecht ist nichts anderes als andauernde prozesshafte Konstruktion – innerhalb konstitutierender Verhältnisse. Dabei haben wird es nicht nur mit Geschlecht allein oder „an sich“ zu tun, sondern dies ist immer vermischt mit Klasse, Race, Begehren, Alter etcetera.

Manche arbeiten hier mit bis zu vierzehn Kategorien, manchen reichen die zentralen drei: Class, race und gender. Dass es Geschlecht so nicht gibt, dass diese Kategorie nie alleine daherkommt, sind also ganz wichtige Einsichten, wie auch, dass Geschlecht im Alltag omnipräsent ist und auf allen Stufen und in allen Bereichen des Gesellschaftlichen irgendwie eine Rolle spielt.

Es muss nicht immer die beherrschende, dramatische, alles übertünchende Rolle spielen, oft ist es eine Dimension neben anderen. Und auch wenn mir andere vielleicht widersprechen, würde ich noch eine weitere wichtige Einsicht hinzufügen: Man kann vom Geschlecht in der sozialen Wirklichkeit nicht absehen. Es ist unmöglich zu handeln, Praxis zu betreiben und gesellschaftlich wahrzunehmen, ohne Geschlecht mit wahrzunehmen. Was aber dies heißt, ist ausgesprochen variabel.

„Es ist nicht so, dass es etwas ganz klar von der Natur aus gibt und dann macht die Gesellschaft etwas daraus“

DAS IST GENDER – FORSCHUNG.

Aber, ist eben doch so, dass „es etwas ganz klar von der Natur aus gibt und dann macht die Gesellschaft etwas daraus“:

1. Es gibt biologisch zwei Geschlechter (Adam & Eva).

2. Und es gibt auf dieser biologischen Grundlage historisch wandelbare soziale Rollen für beide Geschlechter.

Und alles Gerede ändert daran gar nichts.