Deutschlands moralische Selbstüberschätzung

Es ist ein Irrglaube zu meinen, wir seien bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise dazu berufen, weltweit das Gute zu verwirklichen – gegebenenfalls auch im Alleingang. Er darf nicht zu unserer Lebenslüge werden. Ein Gastbeitrag.

30.09.2015, von Heinrich August Winkler     –     Auszug:

„Ähnlich unvorbereitet trifft die Deutschen nun die Migrationskrise. Dass dem so ist, haben alle Parteien mitzuverantworten.

Seit langem hätte im Bundestag mit rückhaltloser Offenheit darüber gesprochen werden müssen, was in unserer Macht steht, um zu verhindern, dass der Satz „Politisch Verfolgte genießen Asylrecht“ weiterhin massenhaft falsch interpretiert wird. Da Deutschland nicht alle politisch Verfolgten dieser Welt aufnehmen kann, wäre es unsere Pflicht gewesen, einer solchen, inzwischen weltweit verbreiteten, gefährlichen Deutung so wirksam wie möglich entgegenzutreten, also gewissermaßen „antizyklisch“ vorzugehen. Getan haben wir parteiübergreifend das Gegenteil: Wir haben uns „prozyklisch“ verhalten.

Mehrere Äußerungen und Entscheidungen der Bundeskanzlerin waren dazu angetan, den Zustrom, den es einzudämmen galt, weiter anschwellen zu lassen. Vom sozialdemokratischen Koalitionspartner war kaum etwas zu vernehmen, was nicht in dieselbe Richtung deutete, von den beiden Oppositionsfraktionen erst recht nicht.“ (Hervorhebungen: GB)     –

Zum Artikel:

http://www.faz.net/aktuell/politik/fluechtlingskrise/gastbeitrag-deutschlands-moralische-selbstueberschaetzung-13826534-p5.html?printPagedArticle=true#pageIndex_5

Kommentar GB:

Das ist die treffende Identifikation des Fehlers, der uns allen jetzt auf die Füße fällt.

Anfang Januar 2015 schrieb ich zu diesem Thema:

http://le-bohemien.net/2015/01/09/immigration-aufklaerung-statt-diffamierung/

Es ist weitaus heftiger gekommen, als ich mir das damals vorgestellt habe.

Bei den Deutschen habe ich manchmal den Verdacht, dass so etwas wie eine bipolare Störung vorliegen könnte, so begeistert und extremistisch fällt man hierzulande von einem Extrem in das Entgegengesetzte, anstatt maßvoll, moderat und abgewogen praktische Vernunft walten zu lassen, um auf einem mittleren Weg zu bleiben, der anderen zumeist mehr oder oder weniger selbstverständlich ist.

Wie angenehm wirkt doch nüchterner, sachlicher Realismus in Kontrast zu jener nervtötend aufgeplusterten Gesinnungsethik, die höchst fragwürdige Pflichten konstruiert und die auf die Folgen des Handelns, das sie aggressiv einfordert, lässig pfeift. Vor allem sie wirkt in diesem Zusammenhang intellektuell unterkomplex und zugleich neurotisch, als ob hier etwas Schuldhaftes, was es ja wirklich gibt, überkompensiert werden müßte, etwas, wozu man in Wahrheit eben kein angemessenes Verhältnis gefunden hat. Das ist kein Wunder, denn das ist tatsächlich sehr schwer oder sogar unmöglich. Aber es wäre doch gut, wenn unsere Gesinnungsethiker einfach Demut entwickelten, und wenn sie also endlich schwiegen, denn das wäre eine Wohltat für alle.