Wozu Gender Studies?

Ein Forschungsfeld zwischen Feminismus und Kulturwissenschaft

Stefan Hirschauer

„Der Begriff ‚Gender ­Studies‘ wird derzeit auf mindestens drei Weisen verwendet: als Bezeichnung ­eines transdisziplinären kulturwissenschaftlichen Forschungsgebietes, als beschwichtigende Umbenennung der feministischen Geschlechterforschung und als rhetorisches Mäntelchen für bürokratische Frauenfördermaßnahmen. ­Eine kritische Bestandsaufnahme aus soziologischer Sicht.“

„In einem engen und präzisen Sinn bezeichnet Gender Studies die kulturwissenschaftliche Forschung zur Geschlechterdifferenzierung. Das wissenschaftliche Wissen über die Geschlechterdifferenz ist heute durch eine zweifache Paradigmendifferenzierung geteilt. Neben die ontologische Unterscheidung von sex und gender, die Natur- und Kulturwissenschaften trennt, ist eine epistemologische Differenz getreten: Die Geschlechterforschung verwendet Geschlecht als analytische Kategorie und empirische Variable, sie beobachtet Phänomene also mithilfe der Geschlechterunterscheidung und stellt so biologische Geschlechtsunterschiede oder soziale und sprachliche Ungleichheiten fest. Die Gender Studies dagegen beobachten diese Unterscheidung selbst als Phänomen, d.h. sie untersuchen, ob und wie eine Gesellschaft ‚Geschlechter‘ unterscheidet (wie sie es auch mit ‚Rassen’ tun oder lassen kann) – etwa in Geburtssituationen, sprachlichen Formen, Tätigkeiten, sozialen Beziehungen usw. Ihre Kernfächer sind die Geschichts- und Literaturwissenschaften, die Ethnologie und Soziologie, Erziehungswissenschaft, Linguistik und Wissenschaftsforschung. Diese Fächer haben gezeigt, dass Gender historisch und kulturell unabhängig von der biologischen Ausstattung menschlicher Männchen und Weibchen variiert – einschließlich der Zahl und des Zuschnitts von Geschlechtskategorien, die Gesellschaften vorsehen. Und sie haben eine neue grundlagentheoretische Vorstellung vom Geschlecht etabliert: Geschlecht besteht aus einer sozialen Praxis, die stattfindet oder nicht.

In der Gesellschaft stößt diese Einsicht auf tradierte alltagsweltliche Überzeugungen von der Natürlichkeit und Universalität des Geschlechtsunterschieds, die seit dem 19. Jahrhundert durch die Biologie geprägt wurden. Die Gender Studies haben deren alte Frage nach der Geschlechterdifferenzierung in eine kulturwissenschaftliche Grundlagenforschung überführt. Sie sind eine Wissenschaft von der Geschlechterunterscheidung, die mit den Naturwissenschaften um die Beantwortung der Frage konkurriert, was das Geschlecht überhaupt ist: eine natürliche Tatsache unserer Organ- und Zellstrukturen oder eine sinnhafte und historische Praxis, in die unsere Körper eingelassen sind. Was beide Unternehmungen teilen, ist die Suche nach den Grundlagen der Zweigeschlechtlichkeit – ob man sie nun in genetischen oder in kulturellen Codes sucht.

‚Geschlechter‘ bestehen in kulturwissenschaftlicher Sicht nicht bloß aus ein paar durch körperliche Tatsachen begrenzten Sozialisationseinflüssen, sondern aus einer historisch trägen Gemengelage aus Klassifikationspraktiken, kognitiven Schemata, sprachlichen Kategorien, Verhaltensgewohnheiten, Stereotypen, institutioneller Trägheit, Machtinteressen und diversen sich verstärkenden oder abschwächenden Bedingungskonstellationen. Wegen dieser Vielschichtigkeit ist diese soziale Konstruktion eine recht stabile Realität. Biologen können dem nur die Behauptung hinzufügen, dass dies auch notwendig und ewig so sein müsse. Dies ist für die Gender Studies nicht mehr als ein Datum, denn sie rekonstruieren auch biologische Forschungsergebnisse und Konzepte – nicht im Sinne von politisierender Wissenschaftskritik, sondern von empirischer Wissenschaftsforschung, die den Wandel biologischen Wissens begleitet und die Reflexivität dieser Fächer beträchtlich steigern kann.“

Zum Artikel:

http://www.forschung-und-lehre.de/wordpress/?p=17324

Zum Thema Gender Studies schreibt Ferdinand Knauß:

http://www.handelsblatt.com/technik/forschung-innovation/gender-studies-feministinnen-erforschen-sich-selbst/2863394.html

Arne Hoffmann über das neue Buch von Axel Meyer:

https://www.freitag.de/autoren/ahoffmann/adams-apfel-und-evas-erbe-1

Kommentar GB:

Meine Güte, es ist doch alles so einfach:

  1. die beiden Geschlechter – das männliche und das weibliche – haben sich evolutionär bei Säugetieren durchgesetzt, und die species homo sapiens sapiens gehört dazu.
  2. Dass in der Menschheitsgeschichte historisch variable soziale Rollen ausgebildet haben, darunter auch solche, die dem sexuellen Dimorphismus Rechnung tragen, das hat doch noch nie jemand bestritten. In der Soziologie gibt es dazu die Theorie der sozialen Rollen. Aber die sozialen Rollen basieren immer auf dem biologischen Sein, und sie werden durch Ort und Zeit näher bestimmt, was nun Kulturwissenschaftler zu Recht besonders interessieren mag.
  3. Geschlecht als biologisches Sein bestimmt nicht völlig eindeutig Geschlecht im Sinne von Verhalten, also von „gender“, denn es gibt neben dem hetero-erotischen Verhalten, dass der Sexualität entspricht, und das von ca. 95% der Bevölkerung gelebt wird, noch das biologisch sterile homo-erotische Verhalten sowie verschiedene sonstige „erotische“ Verhaltensweisen (Perversionen).
  4. „Gender“ ist auf begrifflicherEbene der Versuch, diese Minoritäten mit den Mitteln der Interessenpolitik (Hirschfeld-Eddy-Stiftung) zu normalisieren. Alles erotische Verhalten entspricht dann irgendeiner Variante des „gender“. Daher können dann beliebig viele Verhaltensvarianten ausgewiesen werden. Zu keinem anderen Zweck als zur Einebnung der Differenz zwischen biologischer Sexualität und zugehöriger Erotik und einem beliebigen sonstigen erotischen Verhalten wird eine solche Kategorie wie „gender“ überhaupt benötigt.
  5. Homosexualität (genauer: Homoerotik) wird ersatzweise „gender“ genannt. Man sagt, um nicht so unangenehm deutlich werden zu müssen: „gender“, und man meint damit im wesentlichen homoerotisches Verhalten. Und dieses soll nun, in der Regel von selbst Betroffenen, meist Lesben, kulturwissenschaftlich erforscht und vor allem politisch normalisiert werden: das ist, neben dem sehr wichtigen Abkassieren von politischen Renten im Hochschulbereich, das treibende Motiv.
  6. Es geht – ganz rational und völlig egoistisch – ausschließlich um politische und ökonomische Eigeninteressen einer kleiner Minderheit, die unter dem Etikett „Gender Mainstreaming“ in Verbindung mit allgemeiner und verfassungswidriger Frauenprivilegierung bestimmend in das Regierungshandeln eingeflossen sind.