Das Böse hat kein Geschlecht

 

NZZ am Sonntag von Nicole Althaus  / 14.12.2015

„Beate Zschäpe, Hasna Aït Boulahcen – sobald Frauen kriminell werden, entfaltet sich in den Medien eine tückische Art von Sexismus. Das kann fatal sein.“

„Frauen werden unterschätzt. Im Guten wie im Bösen. Aber vielleicht zeigt die weibliche Bosheit noch deutlicher, welchen Stereotypen wir aufsitzen. Vorab wenn die Bosheit, wie in den letzten Wochen, Konjunktur hat, wenn Frauen morden und zu Terroristinnen mutieren. Oder mit faschistischen Parolen um sich werfen.“

Zum Artikel:

http://www.nzz.ch/nzzas/nzz-am-sonntag/das-boese-hat-kein-geschlecht-ld.3639

Kommentar GB:

Ein Rückblick auf die RAF, in der Frauen bekanntlich eine sehr große, sogar eine führende Rolle spielten (Modell der Doppelspitze?), zeigt, dass diese Frauen in keiner Weise gesellschaftlich infantilisiert wurden, und dass sie sich nicht auf ein Opfer-Abo zurückziehen konnten – und es ganz sicher auch nicht wollten. Diese Frauen waren vollständig emanzipiert und frei in ihren Entscheidungen, daher auch für diese verantwortlich. Mir ist nicht erinnerlich, dass das jemals von irgend jemand in Frage gestellt worden wäre. Es wäre auch allen Beteiligten als absurd erschienen.

Dass heutzutage ein Verteidiger überhaupt, aber plausiblerweise, auf die Idee kommen kann, das infantilisierende Opfer-Abo für Frauen für sein Verteidigungungsstrategie zu nutzen, das markiert genau die feministisch bedingte Differenz zu den RAF-Zeiten. Wenn die Beurteilungen der RAF-Frauen durch die Gerichte analog auf Frau Zschäpe übertragen würden, wenn also bei der Urteilsfindung das Opfer-Abo ausgeblendet bliebe, dann dürfte die Angeklagte zu einer sehr hohen Strafe verurteilt werden, unter Umständen bis hin zu einer Sicherungsverwahrung. Der Abstand zum tatsächlichen zukünftigen Urteil wird das Maß für die Wirksamkeit das Opfer-Abos heute sein.