Medienspiegel

Bildungsverfall als Ausdruck soziokultureller Krisenentwicklung. Ein Überblick

Hartmut Krauss

„Einleitung: Unbildung im Gewand aufstiegsideologischer Bildungspropaganda

Landauf, landab verkünden die Funktionäre der politischen Klasse die Parole „Bildung, Bildung, Bildung“ als Allheilmittel der angestauten sozialen Widersprüche. Das klingt oberflächlich gut, aber hinter dem schönen Schein verbirgt sich folgende reale Problemkonstellation:

Die Orientierung auf individuellen Aufstieg durch Bildung (vom „Arbeiterkind“ zum gehobenen Mittelschichtangehörigen oder „Besserverdiener“) wird als ego-strategische Alternative zur Veränderung sozial ungerechter Strukturen und Einkommensverhältnisse sowie dysfunktionaler Hierarchien dargeboten. In dieser Form als angebliches Aufstiegsinstrument im Rahmen der bestehenden, strukturell unveränderten Verhältnisse fungiert die Propagierung von „Bildung“ (besser: formaler Bildungsabschluss) zunächst einmal als manipulatives Ablenkungsmittel zur politischen Ruhigstellung und Passivhaltung breiter Teile der Lohnabhängigen.

Da aber die Zahl begehrter Arbeitsplätze und gut dotierter Berufspositionen stagniert oder gar sinkt, während gleichzeitig prekäre Beschäftigungsformen zunehmen, führt der Anstieg höherer formaler Bildungszertifikate für die konkreten Einzelnen eben gerade nicht zum geplanten Aufstieg. Vielmehr kommt es zur Inflation bzw. tendenziellen Entwertung insbesondere auch höherer Bildungstitel/Schulabschlüsse, die aufgrund ihres Überangebots keinesfalls mehr Garantiescheine für gehobene und einkommensstarke Karrieren sind[1].

Zudem ist zu beachten, dass der aufstiegsideologische Bildungsbegriff ein rein instrumentalistischer ist, der im Grunde nichts mehr mit dem emanzipatorischen Bildungsbegriff Humboldtscher Prägung zu tun hat. Letzterer ist im Anschluss an die Philosophie der Aufklärung auf die allseitige Entwicklung der Persönlichkeit hin zum mündigen, politisch partizipations- und kritisch reflexionsfähigen Weltbürger ausgerichtet, der sich für die Optimierung des demokratisch regulierte Gemeinwesens einsetzt und dessen Werte verteidigt. Der aufstiegsideologische Bildungsbegriff hingegen zerschneidet diese Verbindung von Allgemeininteresse und Individualinteresse und bezieht sich auf formal zertifizierte kapitalfunktionale Qualifikation als Mittel zum Zweck einer rein individualistisch-utilitaristisch abgekapselten Lebensführung unter fremdbestimmten Bedingungen[2]. Dabei fehlt dem heute in den Bildungsinstitutionen vermittelten (kapital-)funktionalen Wissen jede synthetisierende und persönlichkeitsbildende Kraft. „Es bleibt, was es sein soll, Stückwerk – rasch herstellbar, schnell anzueignen und leicht wieder zu vergessen“ (Liessmann 2012, S. 8). Daraus resultiert dann, forciert noch durch den EU-weiten Angleichungsprozess der Hochschulausbildung (Bologna-Prozess), nicht „Halbbildung“, wie sie noch Adorno konstatierte, sondern „Unbildung“ aufgrund der Abwesenheit jeder normativen Idee von Bildung. Unbildung, d. h. subjektabstrakte Vermittlung von funktionalen Wissenskomponenten jenseits jeder Idee von Bildung, ist die notwendige Konsequenz der umfassenden Ökonomisierung der Bildungsinstitutionen und der dadurch bedingten Kapitalisierung des Geistes.“

Zum Artikel:

http://www.hintergrund-verlag.de/texte-kapitalismus-krauss-bildungsverfall-als-ausdruck-soziokultureller-krisenentwicklung.html

und

http://www.hintergrund-verlag.de/texte-kapitalismus-krauss-zuwanderung-und-bildung.html