Das Unbehagen in der Gleichheit

Auswege aus der Gender-Sackgasse

Von Susanne Kummer

„Zusammenfassung

Feministische Theorien gewannen im Laufe der Jahre an Schärfe und radikalisierten sich. Zu ihnen zählt die konstruktivistische Gender-Theorie. Ihre Grundthese, dass nichts Natur ist, sondern alles Konstrukt, löst inzwischen auch unter Feministinnen Unbehagen aus. Denn die menschliche Identität ist leibgebunden. Niemand kann sein Geschlecht abwählen, noch erfährt er es als bloße Rolle. Der Leib ist Vorgabe und Aufgabe. Die Identität von Frau und Mann muss sowohl von ihren biologischen Fakten als auch anthropologischen Daten her neu definiert werden. Der Begriff „Gender“ muss dafür klar eingegrenzt werden.

1 Einleitung

Gleichheitsideologien fordern ihren Tribut. Die Geschichte über Prokrustes, den Unhold aus der griechischen Mythologie, erzählt davon. In der Gegend lebten Riesen und Nicht-Riesen. Die Ungleichheit führte zu Unterdrückung. Nur Gleichheit bringt Gerechtigkeit. Die Riesen sollten das Recht haben, Nicht-Riesen, und die Nicht-Riesen das Recht haben, Riesen zu sein, überlegte Prokrustes und machte sich ans Werk. Der Unhold ging sein Vorhaben nicht zimperlich an. Der Maßstab für das Ideal war sein Bett. Waren die Menschen zu groß für das Bett, hackte Prokrustes ihnen die Füße und andere überschüssige Gliedmaßen ab, waren sie zu klein, hämmerte und streckte er sie zur Größe der Riesen aus. Die Auswirkungen der Behandlung durch den Folterer waren schmerzhaft. Zwar war das Ziel erreicht – die genormten Menschen waren endlich alle gleich –, doch sie waren verstümmelt. „Ist das nicht vernünftig?“, wandte sich Prokrustes an Pallas Athene, die sich selbst ein Bild über seine eigenwilligen Ideen über Gleichheit und Gerechtigkeit machen wollte. Sie kehrte kopfschüttelnd um. Prokrustes’ Argumentation hatte ihr die Sprache verschlagen. „Es war das erste Mal, dass sie als Göttin eine ideologische Rede vernommen hatte, und sie fand keine Entgegnung“, konstatiert Friedrich Dürrenmatt (1980) in seiner literarischen Nacherzählung des Prokrustes-Mythos1.

Der Gedanke fasziniert bis heute: Ist der Leib als Medium des Subjekts erst einmal entgrenzt, von seinen natürlichen Vorgaben befreit und sind körperliche Unterschiede, namentlich das Geschlecht für obsolet erklärt, weil Frau- und Mann-Sein als körperliche Hülle entlarvt und jeder dazu erzogen ist, beliebig in die (Geschlechts)Rolle des anderen zu schlüpfen, dann ist das eigentliche gesellschaftliche Ziel in Reichweite: die Gleichheit unter den Menschen und damit die herrschaftsfreie, chancengleiche Beziehung unter den Geschlechtern. Soweit die Theorie der post-feministischen sex-gender-Debatte. Sie durchzieht – einmal mehr, einmal weniger radikal zu Ende gedacht – politische Aktionsprogramme seit den Neunzigerjahren und steuert nationale und internationale Geldflüsse. Politisch wurde die Her- und Sicherstellung der „Gleichheit von Männer(n) und Frauen“2 in allen Lebensbereichen von der EU als gesamteuropäisches Ziel festgeschrieben. Bleibt die Frage: Hält die Theorie der Geschlechter-Gleichheit, was sie verspricht? Und wenn ja, auf wessen Kosten? Wird sie den verschiedenen Bedürfnissen von Frau- und Mann-Sein gerecht? Oder zwingt sie in neue Prokrustes-Betten? Was passiert, wenn einmal alle Geschlecht-Ungleichheiten beseitigt sind? Herrscht dann Gerechtigkeit? Gibt es noch Verschiedenheit? Oder nur noch „fließende Identitäten“? Und: Spiegeln die in den Gender-Codices geförderten politischen Programmen die echten Probleme von „Frau und Mann“ im 21. Jahrhundert wider?

Im folgenden Beitrag soll ein kurzer Überblick über die Durchsetzung des Gender-Begriffs gebracht werden (Kapitel 2); kritische Einwände gegen den konstruktivistischen Gender-Begriff vorgebracht werden, in erster Linie jene, die aus der innerfeministischen Debatte selbst stammen (Kapitel 3); die Frage nach den anthropologischen Koordinaten von realen Frauen und Männern erörtert werden sowie die Rolle des Leibes für ein adäquates Selbstverständnis (Kapitel 4). Abschließend werden Ansätze zum Ausweg aus der jetzigen Gender-Sackgasse aufgezeigt (Kapitel 5).“  (…)

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