Medienspiegel

„In jedem Einwanderungsland entstehen Enklaven“

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Interview mit Wolfgang Streeck

von Ferdinand Knauß

Die Integrationsprobleme werden hier nicht geringer als in Frankreich, fürchtet Soziologe Wolfgang Streeck. Ein Gespräch über Einwanderer als Unternehmer, undankbare Sozialtransferempfänger und die Notwendigkeit von Grenzen.

WirtschaftsWoche: Herr Streeck, bei unserem letzten Interview sprachen wir über die Schuldenkrise und das bevorstehende Ende des Kapitalismus als soziale Ordnung. Das war vor der so genannten Flüchtlingskrise. Gibt es da einen ursächlichen Zusammenhang?

Wolfgang Streeck: Nicht unmittelbar. Aber der allgemeine Zusammenhang ist die Erschöpfung des kapitalistischen Wachstumsmodells mitsamt den dadurch ausgelösten globalen Verwerfungen. In Deutschland zeigt sich diese Erschöpfung noch nicht, aber im gesamten Mittelmeerraum, den Vereinigten Staaten und dem Krisenbogen von Westafrika über die arabischen Länder bis nach Pakistan, Teile von Indien, in anderer Form auch Japan. Daran ändern auch die verzweifelten Bemühungen der Zentralbanken nichts, die Inflation und das Wachstum anzutreiben. Es bewegt sich nichts. Das Geld, das in Europa, Japan und den USA neu geschaffen wird, bleibt oben hängen, im Finanzsektor. Wie die Amerikaner sich fühlen, kann man daran sehen, wen sie in den Vorwahlen wählen.

Die Flüchtlinge sind eine Folge des Scheiterns des westlich-kapitalistischen Entwicklungsmodells der Nachkriegszeit an der Peripherie der modernen Gesellschaft. Dazu gehörten säkulare Staaten, die ihre Gesellschaften allmählich auf den westlichen Entwicklungsstand bringen sollten. Die amerikanische Gesellschaft wurden zum Vorbild der Entwicklung der „Dritten Welt“ erklärt. Modernisierung war das Stichwort. Das hielt man unter Ökonomen und Soziologen in den Nachkriegsjahrzehnten für einen unumkehrbaren Prozess. (…)

http://www.wiwo.de/politik/deutschland/wolfgang-streeck-in-jedem-einwanderungsland-entstehen-enklaven/13304226-all.html