Im Kulturkampf II: Frauen als Faustpfand

Bassam Tibi   /   27. Mai 2016

[Bassam Tibi (Jg. 1944) war von 1973 bis 2009 Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Göttingen.]

„Der deutsch-syrische Politologe Bassam Tibi ist mit 18 Jahren nach Deutschland gekommen. Er plädiert seit langem für einen aufgeklärten „Euro-Islam“. Die jüngeren Entwicklungen allerdings stimmen ihn nicht optimistisch. Ein Plädoyer für mehr Realitätssinn.“

„Es stellt sich für mich als Syrer die Frage: Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Ereignissen in Köln und in Syrien? Die Antwort lautet: Ja, diesen Zusammenhang gibt es, und zu dem gemeinsamen Nenner gehört die Gewalt gegen Frauen. Viele meiner Gesprächspartner scheinen die Gewalt, die in der Tradition einer orientalisch-patriarchalischen Kultur gegen Frauen steht, nicht zu verstehen. Im Orient gilt die Frau nicht als Subjekt, sondern als Gegenstand der Ehre eines Mannes. Die Schändung einer Frau wird nicht so sehr als Sexhandlung und Verbrechen an der Frau selbst betrachtet, sondern eher als ein Akt der Demütigung des Mannes, dem sie gehört.“ (…)

Der Syrien-Konflikt ist beispielhaft für einen laufenden Prozess des Staatszerfalls in Nahost. Dieser Staatszerfall findet gegenwärtig auch im Irak, in Libyen und im Jemen statt. Die Folge hiervon wird sein, dass in den nächsten Jahren gewaltige demografische Lawinen auf Europa zukommen. Deutschland gilt dank der Einladung von Kanzlerin Merkel als Hauptziel der Flüchtlinge. Die anderen Europäer machen nicht mit, noch nicht einmal Frankreich. Der Kinderstreit zwischen allen deutschen Parteien über Obergrenze und Limitierung der Zahl belegt, dass deutsche Politikerinnen und Politiker die Dimension der Probleme nicht verstehen. Kanzlerin Merkel hat sich Anfang 2015 nach den Morden in Paris an einer öffentli- chen Demonstration in Berlin Schulter an Schulter mit Islamfunktionären beteiligt, die einen europäischen Islam heftig bekämpfen – und sie weiß noch nicht einmal, was sie da tut. Ihre Syrien- und Flüchtlingspolitik liegt auf dieser Linie. Während deutsche Politiker und deutsche Gutmenschen „in einem deutschen Pathos des Absoluten“ (Adorno) über Toleranz und Elend der Flüchtlinge reden, lachen viele Islamisten verächtlich und nennen diese Debatten „byzantinisches Geschwätz“.

Der Ursprung des Begriffs ist aufschlussreich: Im Jahre 1453 wurde die byzantinische Hauptstadt Konstantinopel von einer islamisch-osmanischen Armee belagert. Während dieser Belagerung erschöpften sich Byzantiner und christliche Mönche trotz des Ernstes der Lage in Debatten über magische und religiöse Formeln. Im selben Jahr, 1453, eroberte der islamische Sultan Mehmed II. mit seinen Truppen erfolgreich Konstantinopel und verwandelte die Stadt in ein islamisches Istanbul. Islamische Historiker nennen solche Debatten darum seit jener Zeit „byzantinisches Geschwätz“. (…)

„Als Syrer aus Damaskus lebe ich seit 1962 in Deutschland, und ich weiß: Patriarchalisch gesinnte Männer aus einer frauenfeindlichen Kultur lassen sich nicht integrieren. Ein europäischer ziviler Islam, den die Islamfunktionäre in Deutschland als Euro-Islam ablehnen, wäre die Alternative. Zurzeit ist dies chancenlos. Mein Lehrer Max Horkheimer hat Europa als „Insel der Freiheit im Ozean der Gewaltherrschaft“ bezeichnet. Diese Freiheit sehe ich heute gefährdet. (Bassam Tibi, 27.5.2016)“ –

http://derstandard.at/2000037771158/Im-Kulturkampf-II-Frauen-als-Faustpfand

Kommentar GB:

Man lese diesen außerordentlich wichtigen Artikel, von jemandem, der wirklich sachkundig ist und zahlreiche wichtige und empfehlenswerte Bücher zu diesem Themenkreis veröffentlicht hat.

Insbesondere Politikern, Kardinälen, Bischöfen, Pastoren, grünen und sonstigen Flüchtlingsidealisten müssen gerade wegen ihrer Realitätsblindheit zur Kenntnis nehmen, was Prof. Bassam Tibi hier schreibt und wovor er dringend warnt.

Siehe hierzu vertiefend:

http://www.hintergrund-verlag.de/texte-rezensionen-bat-yeor-europa-und-das-kommende-kalifat-der-islam-und-die-radikalisierung-der%20demokratie.html