Medienspiegel

Dhimmitum und Marcionismus*

Von Bat Ye’or         [Original: Dhimmitude and Marcionism]

http://www.dhimmitude.org/archive/by_dhimmitude_marcionism_en.pdf

„Scheik Yussef al-Qaradawi, geistiger Führer der Muslim-Bruderschaft, erklärte im Dezember 1977 in einem Interview, dass das islamische Gesetz die Völker des Buches – Juden und Christen – in drei Kategorien teilt: nicht muslimische Geschützte, die Dhimmis, die in islamischen Ländern leben (dar al-islam); Nicht-Muslime, die in Ländern vorüber gehender Waffenstillstände leben; und Nicht-Muslime, die im Land des Krieges (harbis) leben.

In der Erklärung, dass das islamische Gesetz für jede dieser Kategorien andere Regeln hat,1 fasste der Scheik in wenigen Worten die Theorie des „Jihad“ zusammen, der die Beziehungen zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen beherrscht.
Jihad

Nach der Theorie des Jihad sind Einwohner des Landes des Krieges (dar al-harb) Ungläubige, die bekämpft werden müssen, weil sie gegen die Errichtung des islamischen Gesetzes in ihren Ländern sind. Als Feinde Allahs haben sie keine Rechte: Sie selbst und ihr Eigentum werden für alle Muslime „mubah“ – d.h., wenn sich die Gelegenheit ergibt, können sie als Sklaven genommen, zur Einforderung von Lösegeld entführt, beraubt oder getötet werden, ohne dass die Täter mit Strafe rechnen müssen. Gegen sie wird Krieg geführt, um ihre Gebiete zu islamisieren, die nach dem Willen Allahs der islamischen Gemeinschaft zugehören müssen. Wenn sie sich wehren, dann erlaubt das islamische Recht ihre Deportation oder die Männer zu massakrieren und die Frauen und Kinder zu versklaven. (Hervorhebung GB)

Ungläubige im Land des Waffenstillstands befinden sich in einem Aufschub zwischen Kriegen. Prinzipiell darf der Waffenstillstand nicht mehr als zehn Jahre dauern, wonach der „Jihad“ wieder aufgenommen werden soll. Zwei Gründe können dazu motivieren, den Ungläubigen durch die islamische Autorität einen Waffenstillstand zu gewähren:

1) Die Muslime sind zu schwach, um die Ungläubigen zu besiegen und der Waffenstillstand erlaubt es ihnen stärker zu werden.

2) Die Staaten der Ungläubigen zahlen den Muslimen einen Tribut oder leisten zahlreiche Dienste, die der Verbreitung des Islam dienen.

Mit anderen Worten: Der Waffenstillstand ist nur genehmigt, wenn er die Lage der Muslime verbessert und die der Ungläubigen schwächt. Ein Waffenstillstand ist kein Normalzustand; er wird mit Tribut erkauft. Wenn die Ungläubigen nicht für wirtschaftlichen Vorteile im Tausch für den Waffenstillstand sorgen können, werden die Feindseligkeiten wieder aufgenommen. Weiterhin sind nur Verträge gültig, die mit den Vorschriften des Islam überein stimmen; werden diese Bedingungen nicht erfüllt, ist der Vertrag wertlos.

Beschützte Ungläubige, Dhimmis, in muslimischen Ländern sind ehemalige „harbis“, die widerstandslos ihr Gebiet im Tausch gegen Frieden unter islamischem „Schutz“ (dhimma) aufgegeben haben. Dies sollte als Schutz gegen die permanenten Gesetze des Jihad verstanden werden, von dem sie bedroht sind, wenn sie rebellieren. Das nenne ich „Dhimmitum“: die unterworfen-beschützte Lage der Ungläubigen, die durch die Übergabe ihrer Gebiete an die islamische Autorität eingenommen wird. Unterwerfung, weil Ungläubige ihr eigenes Land dem islamischen Gesetz unterordnen, das sie enteignet; und Schutz, weil dasselbe Gesetz sie vor dem Jihad beschützt und ihre Rechte garantiert. Dhimmitum ist die direkte Folge des Jihad.

Westler wissen wenig oder nichts über den Jihad, den islamischen Eroberungskrieg. In einigen progressiven Kreisen wird Jihad als exotischer Begriff betrachtet, der manchmal mit einer angenehmen Bedeutung verziert wird. Von offensichtlichen Ähnlichkeiten fehl geleitet verwechseln Intellektuelle den Jihad mit den Kreuzzügen. Fakt ist, dass der erste Kreuzzug 1096 begann; der Jihad begann 624. Der ersten Phase, dem Proto-Jihad des 7. Jahrhunderts, folgte die theologische, theoretische und rechtliche Konzeptualisierung, die im 8. Jahrhundert begann. Die erste Phase umfasste Mohammeds militärische Aktivitäten, nachdem er 622 nach Medina emigrierte, sowie den Eintrag dieser Heldentaten in Form von Kommentaren und Geboten in den Koran. Die zweite Phase beginnt nach Mohammeds Tod 632, als die arabischen Armeen sich aufmachten Asien und das christliche Mittelmeer-Reich zu erobern. Es war in dieser zweiten Phase (8./9. Jahrhundert), dass muslimische Rechtsberater das theologische Konzept des Jihad und seiner Institutionen ausführlich berieten; die Grundlage dafür war das Beispiel Mohammeds, seine Biographien (die im 8./9. Jahrhundert geschrieben wurden) und die ihm zugeschriebenen Worte und Taten (Hadithe), die von angenommenen Zeitzeugen aufgezeichnet wurden. Die Unterscheidung dieser beiden Perioden zeigt, dass der Jihad, als er sich entwickelte, nicht Mohammed zugeschrieben werden kann, da seine Institutionen nach seinem Tod geschaffen wurden.

Es gibt viele Unterschiede zwischen den Konzepten des Jihad und den Kreuzzügen, da sie aus zwei entschieden unterschiedlichen Religionen und Zivilisationen hervor gingen. Wir können hier nur wenige anführen. (…)

Dhimmitum

Dhimmitum ist die Art Existenz, die von nicht muslimischen Bevölkerungen und Zivilisationen entwickelt wurde, die einem besonderen Status unter dem islamischen Gesetz – der Scharia – unterworfen waren, wenn ihr Land über Jihad erobert wurde. Der uniforme Status für Juden wie Christen gibt der Zivilisation des Dhimmitums eine strukturierte, homogene Typologie, die durch besondere Merkmale gekennzeichnet ist. Durch Jihad islamisierte Gebiete erstreckten sich von Spanien bis zum Indus und vom Sudan bis Ungarn. Wir werden uns hier auf das Dhimmitum der Juden und Christen beschränken, die als „Völker des Buchs“ (ahl al-khitab), der Bibel, definiert sind.

Die von der Scharia verfügten Gesetze für diese Bevölkerungen sind zahlreich und berühren alle Existenzbereiche. Wie wir gesehen haben, war der Dhimmi vormals ein „harbi“, ein Bewohner eines Landes des Krieges und daher aller Rechte entledigt. Es ist die islamische Herrschaft, die religiöse und zivile Rechte und Sicherheit verleiht, wenn der Harbi ein Dhimmi wird. Daher ist es allein das islamische Recht, das die Rechte definiert und garantiert, die Nichtmuslimen einzig kraft des im Dhimmitum liegenden Schutzes gewährt werden. Diese von muslimischen Juristen und Theologen akribisch weiter gegebenen Rechte und Verantwortlichkeiten definieren den Status des Dhimmi; wir werden uns auf eine kurze Zusammenfassung beschränken. Dieser Status wird bestimmt von militärischen und religiösen Überlegungen: militärisch, weil der Dhimmi im Krieg besiegt wurde, religiöse, weil es sich um einen von Gott befohlenen Krieg handelte. Diese beiden Achsen bestimmen die Lebensbedingungen des Dhimmi total.

Der militärische Aspekt ist den Kriegsbräuchen der arabischen Stämme entnommen, von denen manche durch die ersten Kalifen nach der Eroberung eines riesigen Reichs abgeändert wurden. Die Dhimmis wurden z.B. nicht alle versklavt und verteilt, wie es von verschiedenen Stämmen gefordert wurde, sondern ihre Länder wurden in den dar al-Islam integriert und sie wurden kollektiv enteignet. So wurden die Dhimmis als Beute (fay) betrachtet, die der islamischen Gemeinschaft gehörten und vom Kalifen gemanagt werden. Landbesitz war Nichtmuslimen verboten, allerdings ebenso eingewanderten muslimischen Kolonisten in den Beuteländern. Der Kalif konnte jedoch zeitlich begrenzt Grundbesitz an Militär-Chefs verschenken, die Truppen für den Jihand ausrüsten und zur Verfügung stellen mussten. Diese im siebten Jahrhundert eingeführten Bedingungen blieben bis in das ottomanische Reich unverändert, als Mitte des 19. Jahrhunderts Agrar-Reformen verkündet wurden, wurden aber selten angewendet. Christliche Dhimmis in den ottomanischen Balkan-Provinzen konnten in ihren eigenen Ländern kein Land besitzen, bis sie ihre Unabhängigkeit zurückgewannen.“ (…)

http://www.nicht-mit-uns.com/nahost-infos/texte/0dhimmitum.html