Medienspiegel

„Es gibt keinen liberalen Islam“

2. Juni 2013

CT-Interview mit Hartmut Krauss über Islamkonferenzen in Deutschland, Partizipation und Integration (Teil 1)

Hartmut Krauss ist einer der profiliertesten Kritiker der islamischen Herrschaftsideologie. Der Sozialwissenschaftler, der sich gerne als Neomarxist bezeichnen lässt, verfasste mehrere Bücher zum Thema und beschäftigt sich insbesondere mit der Frage nach zulässigen und sinnvollen Formen der Islamdebatte. Für Citizen Times sprach Felix Strüning mit dem Autor und Verleger über die Deutsche Islam Konferenz (DIK), ihr zivilgesellschaftliches Gegenstück KIK und darüber, ob man lieber von Integration oder Teilhabe sprechen sollte (siehe auch der zweite Teil des Interviews).

„Herr Krauss, Sie fordern die Abschaffung der Deutschen Islam Konferenz. Warum?

Hartmut Krauss: Ja, ebenso wie der Zentralrat der Ex-Muslime fordere ich die Abschaffung der DIK. Und zwar aus folgenden Gründen:

Erstens: Die von staatlicher Seite verkündeten Zielsetzungen, die zugleich als Legitimation für die Einrichtung dieser Konferenz angeführt wurden, sind nicht erreicht worden. So konnte weder eine Radikalisierung relevanter Teilgruppen der Muslime in Deutschland verhindert werden – von den Salafisten sprach zum Beispiel 2006 noch kaum jemand –, noch gelang es, die beteiligten Islamverbände auf die freiheitlich-demokratische Grundordnung zu verpflichten. Zudem repräsentieren die Islamverbände nur einen Bruchteil, nämlich weniger als ein Viertel der Muslime in Deutschland. Damit wurde auch das zentrale Ansinnen verfehlt, repräsentative Ansprechpartner als Voraussetzung für die Hereinnahme des Islam in das überholte deutsche Staatskirchenrecht zu erzeugen.

Zweitens: Tatsächlich hat die DIK nur zu einer Aufwertung und politischen Einflussverstärkung des orthodoxen Verbandsislam geführt und den Prozess der Etablierung reaktionärer islamischer Herrschaftskultur in Deutschland beschleunigt. Schaut man sich die 20. These der „Islamischen Charta“ des Zentralrates der Muslime an, dann kann man sehr gut erkennen, wie die DIK als institutionelles Instrument fungiert hat, um das Islamisierungsprogramm hinter dem Rücken der nichtmuslimischen Bevölkerungsmehrheit und Steuerzahler zunächst abzustimmen und dann von den Regierungsinstitutionen in Bund und Ländern Stück für Stück umzusetzen.“ (…)

„Ich begrüße es, wenn in Europa lebende Menschen aus islamischen Ländern sich von den grund- und menschenrechtswidrigen Dogmen und Handlungsanweisungen des Islam lösen und stattdessen die Grundprinzipien der kulturellen Moderne wie zum Beispiel die Trennung von Religion einerseits und Politik, Staat, Recht andererseits, die Gleichberechtigung, die negative Religionsfreiheit, die Vorrangigkeit der Menschenrechte, das Recht auf freie Partnerwahl und sexuelle Selbstbestimmung etc. übernehmen.

Für mich sind diese dann aber liberale Menschen aus islamischen Ländern, die mit grundlegenden Dogmen des Islam gebrochen haben – und keine „Muslime“. Sitzt man nämlich der Bezeichnung „liberale Muslime“ auf, so impliziert das die Unterstellung, dass es auch objektiv einen „liberalen Islam“ gäbe. Das ist aber nicht der Fall. Denn man kann die objektiv-dogmatischen („identitären“) Grundlagen des Islam nicht subjektiv willkürlich und gewissermaßen „grenzenlos“ soweit umdeuten bzw. außer Kraft setzen, dass dann Etwas übrig bliebe, das zugleich „Islam“ und „liberal“ ist. Man braucht ja nur mal ernsthaft durchdeklinieren, was vom Islam wirklich übrig bleibt, damit er grund- und menschenrechtskompatibel ist.

Dass sich Menschen, die sich von den islamischen Dogmen wegbewegen, dennoch als „Muslime“ bezeichnen, resultiert m. E. aus folgenden Umständen: Gemäß dem islamischen Dogma ist jeder Mensch aufgrund seiner von Allah verliehenen Natur ein Muslim. Erst widrige Lebensumstände machen aus ihm einen Nichtmuslim bzw. „Ungläubigen“. Zweitens existiert im islamischen Herrschaftsraum bis hinunter ins islamisch geprägte Lebensmilieu keine alternative weltanschauliche Wahlmöglichkeit. Der Islam herrscht „monokratisch“ als unhinterfragbare Deutungs- und Normierungsmacht. Drittens kennt der Islam kein Recht auf freien und sanktionslosen „Religionsaustritt“. Man kann also nicht so einfach wie zum Beispiel ich als evangelisch Getaufter und Konfirmierter später sagen: „Tschüss, das war’s.“ Erst Religionsunterricht und dann Kirchensteuer ade. Demgegenüber erscheint das Muslim-Sein als ontologisch unentrinnbarer Zustand.“ (…)  (Hervorhebung GB)

http://www.citizentimes.eu/2013/06/02/es-gibt-keinen-liberalen-islam/

Kommentar GB:

Das Recht auf Austritt aus einem religiösen Irrationalismus ist ein elementares Freiheitsrecht und zugleich Ausdruck negativer Religionsfreiheit, weil die Selbstbestimmung von Individuen anders nicht existieren kann. Und die negative Religionsfreiheit muß ausdrücklich und allererst gesichert werden. Sie muß ggf. gesetzlich ermöglicht und durchgesetzt werden.

„Nationalsozialismus, Stalinismus und Islam sind Varianten totaler Herrschaft“

    –   4. Juni 2013

CT-Interview mit Hartmut Krauss über Islam und Islamismus sowie Gemeinsamkeiten und Gegensätze zum linken Gedankengut (Teil 2)

„Kritik am Vormarsch des Islams und der mangelnden Integration vieler Muslime in Deutschland kommt typischer Weise aus eher konservativen Kreisen. Doch auch eine dezidiert linke, neomarxistische Perspektive hat vieles an der Herrschaftsideologie des Islams auszusetzen. Ihr prominentester deutschsprachiger Vertreter ist der Sozialwissenschaftler Hartmut Krauss. Im Interview mit Citizen Times erläutert er, warum es nicht die Achtundsechziger sind, die bzgl. Der fortschreitenden Islamisierung Deutschlands versagt haben, sondern die folgende Generation der Grün-Alternativen (siehe auch der erste Teil des Interviews).“

„Herr Krauss, die Debatten über den Islam und die Integration von Muslimen kreisen immer wieder um das Spannungsverhältnis von Islam und Islamismus. Auch Sie greifen in Ihren Büchern dieses Begriffspaar auf oder sprechen von einem „orthodoxen und radikal aktualisierten“ Islam. Muslimische Gelehrte des Nahen und Mittleren Ostens würden eine solche Unterscheidung jedoch zurückweisen. Was also unterscheidet den Islamismus vom Islam – oder ist doch letzterer an sich das Problem?

Hartmut Krauss: Im Hinblick auf die dogmatischen Grundinhalte, wie sie im Koran, den Hadithen und den Festlegungen der sunnitischen und schiitischen Rechtsschulen objektiv vorliegen, gibt es keinen Wesensunterschied zwischen dem orthodoxen Islam und seinen „islamistischen“ Aktualisierungen. Deshalb ist auch der Mythos „Guter Islam, böser Islamismus“ als gefährliche Irreführung klar zurückzuweisen.

Allerdings gibt es eine handlungsstrategische und operative Differenzierung innerhalb des islamischen Herrschaftsraumes und seiner Akteure als Folge der Konfrontation mit der säkularen westlichen und „realsozialistisch“-atheistischen Moderne. Entscheidend war und ist hierbei die unterschiedliche Reaktion auf die verstörende Erfahrung der Andersartigkeit, Gegensätzlichkeit und (ökonomisch-technologisch-militärischen) Überlegenheit der säkularen (kapitalistischen und „realsozialistischen“) Moderne als „Kultur der Ungläubigen“. Für die „Gemeinschaft der rechtgläubigen Muslime“ (Umma), die sich als beste Gemeinde, die unter den Menschen entstanden ist, sieht (Koran 3, 110) und aus diesem Offenbarungssegment ihren globalen Herrschaftsanspruch ableitet, ist diese Erfahrung natürlich ein schwerer Schlag bzw. eine extreme Kränkung.

Wie aber wird nun diese Kränkungserfahrung subjektiv verarbeitet? Zum einen in Form eines defensiv-reaktionären Handlungsmodus, der darauf abzielt, die orthodox-islamischen Traditionen zu bewahren und sich gegenüber den modernen bzw. „unislamischen“ Einflüssen so weit wie möglich abzuschotten bzw. sich von diesen fernzuhalten.

Die andere „islamistische“ Verarbeitungsvariante besteht darin, die modernen (säkularen und „unislamischen“) Einflüsse aktiv-militant zu bekämpfen und zurückzudrängen und in diesem Kontext die dschihadistischen Bedeutungspotenziale der islamischen Quellen für den aktualisierten Kampf gegen die übermächtig gewordenen Ungläubigen „aufzuladen“.

Wobei von den Dschihadisten aber gerne die technischen Errungenschaften des Westens genutzt werden!

Krauss: Ja, kennzeichnend für diese aktiv-offensive („islamistische“) Form der Widerspruchsverarbeitung sind tatsächlich zwei Merkmale: Einerseits die Aneignung und Nutzung moderner operativer Hilfsmittel und Verfahren (Waffentechnik, Kommunikationstechnik, Internet etc.) bei gleichzeitiger militanter Bekämpfung der kulturellen Moderne.

Andererseits die ideologische Islamisierung moderner Begriffe und Konzepte. So werden zum Beispiel die Menschenrechte in der Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam unter Scharia-Vorbehalt gestellt und damit de facto negiert. Oder aber das moderne Prinzip der demokratischen Volkssouveränität wird durch das Gegenmodell der „Gottessouveränität“ konterkariert, etwa durch die „islamistischen“ Theoretiker Sayyid Qutb und Sayyid Maududi. Während der orthodoxe Islam keine explizite Herrschafts- und Regierungslehre hervorgebracht hat, reagierte der iranische Revolutionsführer Ayatollah Khomeini auf die moderne Politiktheorie mit seiner Konzeption des islamischen Staates, in der nachdrücklich der Islam als durch und durch „politische Religion“ dargestellt wird, die eine untrennbare Einheit von Gesellschaftlichem, Religiösem und Staatlichem aufweist.

Es ist also m. E. durchaus sinnvoll, aus kritisch-wissenschaftlicher Perspektive zwischen Islam und Islamismus zu differenzieren, wenn man sich dabei gleichzeitig klar macht, dass es sich hier um eine verarbeitungs- und handlungsstrategische, aber nicht um eine substanzielle Unterscheidung im Hinblick auf die grundlegenden weltanschaulich-ideologischen Inhalte handelt.

Als falsch und irreführend ist jedenfalls die politische und mediale Standard- und Beruhigungsfloskel zurückzuweisen, wonach die islamistischen Muslime den Islam „missbrauchten.“ Tatsächlich handelt es sich bei diesen aktivistischen Akteuren keineswegs um vorsätzliche Betrüger, die ihre religiöse Weltanschauung bewusst verfälschen oder zweckentfremden. Vielmehr sehen wir hier Menschen am Werk, die subjektiv zutiefst vom Islam überzeugt sind und ihre Glaubensform für die einzig wahre halten. Das gern Verleugnete, aber objektiv Reale und Verhängnisvolle besteht nun darin, dass sich sehr wohl aus Koran und Sunna Aussagen, Vorbilder und Handlungsmodelle „herausholen“ lassen, die ihr „islamistisches“ Tun begründen und rechtfertigen.

Als bekennender Linker kritisieren Sie aber auch allgemeine Strukturen des Islams. Insbesondere stößt Ihnen auf, dass eine „Herrschaftsordnung“ und ein „archaischer Patriarchalismus“ religiös aufgeladen und legitimiert werden. Wie meinen Sie das? Was davon widerspricht explizit linkem Gedankengut?

Krauss: Die Bezeichnung „bekennender Linker“ muss ich zunächst mal gerade rücken bzw. in dieser undifferenzierten Zuschreibung zurückweisen. Denn die erdrückende Mehrheit derjenigen, die sich heute als „links“ etikettieren und deshalb in einer oberflächlichen Mediengesellschaft von außen auch so „angerufen“ werden, haben mit dem klassischen herrschaftskritisch-emanzipatorischen Wissenschaftskonzept, das auf Marx zurückgeht und dann von vielen Köpfen im 20. Jahrhundert außerhalb des vulgarisierten „Parteimarxismus“ weiterentwickelt wurde, im Grunde nichts mehr zu tun.

Ich kann das hier jetzt nicht näher ausführen. Aber von Marx‘ kategorischem Imperativ, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“, führt jedenfalls nicht nur ein gerader, sondern ein kategorial-methodisch klar strukturierter Weg zur Islamkritik sowie zur Zurückweisung aller Formen der Islamapologetik.

Analysiert man aus dieser Perspektive die Entstehung sowie die Inhalte des Islam, so entpuppt er sich als religiös-weltanschauliche Begründungs- und Legitimationsideologie eines kulturspezifischen Systems zwischenmenschlicher Herrschaftsbeziehungen sowie eines expansiven mittelalterlichen Imperialismus. Wobei sich dieses ideologische System als „göttliche Offenbarung“ ausgibt und einen räumlich und zeitlich absoluten Gültigkeitsanspruch für sich reklamiert. Damit aber werden die diesem System unterworfenen Individuen (auch nach dem Zusammenbruch des osmanischen Kalifats) in einer frühmittelalterlichen Normativität gefangen gehalten, was bei dialektischer Koexistenz mit der säkularen Moderne zu massiven Kollisionen führen muss und zunehmend führen wird. Man kann zwar dialektische Widersprüche eine Zeit lang verleugnen. Aber nur um den Preis, dass man von ihnen später umso heftiger und katastrophaler getroffen wird.“ (…) (Hervorhebung GB)

„Der von Ihnen angesprochenen islamkritischen Szene außerhalb des von mir vertretenen [linken, GB] Spektrums würde ich deshalb dringend raten, ihren pauschal „antilinken“ Affekt zu überdenken bzw. zu korrigieren. Die islamophilen Sozialdemokraten und Grünen sind keine „Linken“, sondern Protektionisten einer durch und durch reaktionären Herrschaftskultur.“

http://www.citizentimes.eu/2013/06/04/nationalsozialismus-stalinismus-und-islam-sind-varianten-totaler-herrschaft/