Leere ist Form, Form ist Leere

Kyoto feiert den Zen-Buddhismus   – 
von Daniela Tan   –   5.7.2016

„Die Frühlingssonne, die durch das frische Grün der Ahornblätter scheint, wirft ein Muster aus Licht und Schatten auf den steinernen Boden. Die Äste schwanken im Wind, und mit jedem Moment wandelt sich die Gestalt des luftigen Daches. Wir befinden uns in Higashiyama im Osten von Kyoto, der alten Hauptstadt Japans, wo die historischen Tempelbauten auch von der Geschichte des japanischen Buddhismus erzählen. Seit 552 unserer Zeit entstanden über die Jahrhunderte eine Vielzahl von Schulen und Richtungen, geprägt von unterschiedlichen Überlieferungen vom Festland und geformt von synkretistischen Verschmelzungen mit den indigenen religiösen Formen des animistischen Shintoismus.

Schriftrollen und Tee

Über einen verwinkelten Innenhof gegenüber vom Kodaiji-Tempel gelangen wir zu einer Treppe, die in einen abgedunkelten Raum mit Tuschmalereien und Gebrauchsgegenständen aus dem Zen-Kloster führt. Allein in Kyoto zeigen zurzeit über sechzig Tempel Kunstwerke, die sonst vor den Augen der Öffentlichkeit verborgen sind. Anlass für die Ausstellung bilden die Gedenkfeiern für den Patriarchen Linji Yixuan (japanisch: Rinzai Gigen, verstorben 866) und den Künstler Hakuin Ekaku (1685–1768), der als Erneuerer des Zen in Japan gilt.

Die Geschichte des gemeinhin mit Japan assoziierten Zen-Buddhismus beginnt in Indien, von wo der Mönch Bodhidharma die Lehre nach China brachte. Dort entstand unter dem Namen Chan bald eine eigene Lehrtradition, die immer direkt von Lehrer zu Schüler weitergegeben werden musste. Diese Methode soll auf den historischen Buddha zurückgehen, dessen Lehre nicht rein mit dem Intellekt erfasst werden konnte. Daher kommt den Patriarchen im Zen-Buddhismus, und insbesondere dem Bodhidharma, grosse Bedeutung zu. Darstellungen zeigen einen grimmig blickenden, kräftigen Mann mit über den Kopf gelegter Mönchskutte, grossen Ohrringen, markanter Nase und wachem Blick.“ (…)

http://www.nzz.ch/feuilleton/schauplatz/kyoto-feiert-den-zen-buddhismus-leere-ist-form-form-ist-leere-ld.104052