Medienspiegel

Putschversuch in der Türkei

„Bundesregierung zweifelt an Beteiligung der Gülen-Bewegung“

Von

(…) „Deutsche Geheimdienste gehen von kleinem Putschisten-Kreis aus

Die genauen Hintergründe des Aufruhrs sind für die deutschen Geheimdienste noch unklar. In Sicherheitskreisen hieß es am Samstag, offensichtlich habe eine kleine Gruppe von Oberisten und Majoren aus den Landstreitkräften, die dem säkularen Kemalismus anhängen, den Putsch-Versuch gestartet.

Von Beginn an sei die Generalität der Armee, die von Erdogan in den vergangenen Jahren sukzessive von politischen Gegnern bereinigt worden war, jedoch nicht in den Vorstoß eingebunden gewesen und habe stattdessen zu Erdogan gehalten. Ähnlich sehe es bei der Luftwaffe aus.

Wegen des fehlenden Rückhalts der Putschisten sei der Versuch deshalb zum Scheitern verurteilt gewesen, hieß es weiter. Demnach hätten die Anführer wohl gehofft, dass sich der Rest der Armee und vor allem die Bevölkerung nach der Besetzung des Flughafens und einiger Knotenpunkte in Istanbul und Ankara den Umsturzplänen anschließen.

Als dieses Kalkül nicht aufging, sei das Vorhaben recht schnell in sich zusammengebrochen. Militärs sprachen von „poor planning“: Mit einer so kleinen Gruppe sei ein Putsch kaum zu stemmen, zumal der Rest der Sicherheitsbehörden Erdogan ebenfalls unterstützt.“ (…)

http://www.spiegel.de/politik/ausland/tuerkei-putsch-bundesregierung-zweifelt-an-beteiligung-der-guelen-bewegung-a-1103355.html

und

http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-07/unruhen-tuerkei-putsch-guelen-kemal

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2016/07/17/tuerkische-wirtschaft-geraet-in-den-sog-der-politischen-instabilitaet/?nlid=b76115fc4d

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2016/07/17/usa-weisen-beteiligung-am-putsch-gegen-erdogan-zurueck/?nlid=b76115fc4d

http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2016/07/17/tausende-bei-demos-erdogan-kann-in-deutschland-massen-mobilisieren/?nlid=b76115fc4d

Kommentar GB:

Die Einschätzung der deutschen Dienste dürfte zutreffend sein.

Kemal Pascha Atatürk war nach Beendigung des osmanischen Sultanats der Begründer der modernen Türkei, was sich in einer islamrestriktiven Politik ausdrückte (Beispiel: Kopftuchverbot).

Diese Modernisierung und Europäisierung steht mit Bezug auf den Islam durch die AKP mit Erdogan an der Spitze vor ihrem Ende. Der gescheiterte Putsch bedeutet auch, daß nicht nur keine weitere Säkularisierung stattfinden kann, sondern daß umgekehrt die Reislaminisierung der Türkei vorangetrieben werden wird. Die Türkei war einmal ein semimoderner Staat, und dieser wird nun aller Voraussicht nach in den vormodernen Zustand einer orientalischen Despotie (Karl August Wittfogel) zurückentwickelt. Diese scheint überhaupt die über Jahrtausende ungebrochen stabile Herrschaftsform dieser Großregion zu sein.

Demokratie war bekanntlich eine griechische Erfindung.

Erdogan ist ein antikemalistischer Erzreaktionär, der dabei ist, eine „konservative Revolution“ zu verwirklichen und der dafür Beifall von der EU und von Washington bekommt, wenn auch wohl nicht aus diesem Grunde, sondern aus geopolitischen Erwägungen (NATO etc.). Geht Erdogan erfolgreich seinen rückschrittlichen Weg voran, dann wird sich der Westen womöglich noch einmal bedauernd an den einstigen Kemalismus erinnern.

Spätestens eine reislamisierte Türkei ist jedenfalls mit der EU inkommensurabel.