Medienspiegel

Rezension: Sachbuch Von Gott zu Allah?

Hans-Peter Raddatz: Von Gott zu Allah? Christentum und Islam in der liberalen Fortschrittsgesellschaft. Herbig Verlag, München 2001. 528 Seiten, 69,90 Mark.

Der Rezensent hat das Buch gewissermaßen dialektisch gelesen. Als Antithese und lehrreiches Widerspiel diente ihm Juan Goytisolos „Kibla – Reisen in die Welt des Islam“.

15.10.2001

(…) „Westlich-christliche und islamische Welt haben sich entschieden auseinanderentwickelt. Der Autor zeichnet das Werden des Abendlandes über die philosophische Trias von Platon, Aristoteles und Sokrates über die christliche Verkündigung („Die Wahrheit wird euch frei machen“) und ihre Vergesellschaftung in der mittelalterlichen Kirche bis hin zum Rationalismus, der Aufklärung, der Moderne und der sogenannten Postmoderne. Deren Maßstab der Beliebigkeit ist gar keiner mehr, an dem sich irgendetwas noch messen, gar unterscheiden ließe. Das gilt vor allem für die Religion, deren Fremdheit von den „kosmopolitischen“, religiös gleichgültigen bis ablehnenden und metaphysisch uninteressierten westlichen Eliten gar nicht mehr erwogen werden kann. Der Westen ist bei einer „profanen Kurzzeitidentität“ angelangt, die in Politik, Religion und Wertesystem ebenso gilt wie in der Wissenschaft. Vom „hypetheses non fingo“ Newtons sind nichts als Hypothesen übriggeblieben, die im gesellschaftlichen Diskurs immer schneller wechseln, ja sogar in der Wissenschaft.

Dem stellt Raddatz entgegen, was er die „sakrale Langzeitidentität des Islams“ nennt. Man kann es auch einfacher ausdrücken: die Muslime glauben noch immer, daß ihre Religion wahr ist und nicht zu einer – wenn überhaupt noch – privaten, aber unverbindlichen Gottsuche degradiert. Anhand der islamischen Geschichte und Frühgeschichte arbeitet der Autor heraus, daß der Frühislam mit dem „Modell von Medina“ seine bis heute gültige Gestalt fand, die sich bis jetzt durchgehalten und allen Versuchen einer Veränderung widerstanden hat.

Die Grundlagen des islamischen Systems sind eine „umfassende Sakralisierung und Reglementierung des gesellschaftlichen und individuellen Lebens unter geistig-politischer Rückbindung (religio) an die Allmacht Allahs und die Urgemeinde“. Diese „beschränken die autonome Handlungsfreiheit und offene, aktive Zukunftsgestaltung auf eine geschlossene, reaktive Gegenwartsgestaltung und kanalisieren die individuelle Glaubenserfahrung in geregelte Zugänge zur Spiritualität ihres Verkünders“. Raddatz zeigt, wie alle Versuche eines islamischen Rationalismus in Gestalt der großen islamischen Denker des Mittelalters, dieses Modell aufzubrechen, an der Orthodoxie scheiterten – anders als in der westlichen Welt, wo christlich-kirchliche Weltauslegung am Ende in die Selbstreflexivität der Vernunft mündete.“ (…)

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