Medienspiegel

Über eine Falle am Hauptbahnhof

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Harald Martenstein

„Mein Vater hat Straßenmusikern und Bettlern fast immer etwas gegeben. Das hat auf mich abgefärbt. „Fast immer“, was heißt das, wann gebe ich, wann nicht? Es ist eine Gefühlssache. Leuten, die aggressiv auftreten, gebe ich zum Beispiel nichts. Ich mag keine aggressiven Leute, generell.

Die junge Frau, die mich mittags auf der Tiefebene des Frankfurter Hauptbahnhofs angesprochen hat, war höflich. Sie trug eine orientalische Tracht und sagte, in fast akzentfreiem Deutsch, sie sei aus Afghanistan. Sie wolle nach Zürich, dort habe sie einen Studienplatz. Ihr fehlten 14 Euro für den Fahrschein. Ich wusste, dass dies ein beliebter Trick ist. Die Geschichte klang auch irgendwie seltsam. Aber eine Stimme in mir sagte, dass sie nicht lügt, sie wirkte ehrlich und sympathisch. Und wenn die Geschichte nicht stimmt, dachte ich, was soll’s, auch egal. Ich gab ihr einen 10-Euro-Schein. Die Frau sagte, sie brauche aber 14 Euro, sie habe in meiner Brieftasche doch noch andere Scheine gesehen. „Ich kann wechseln, gib mir einen Zwanziger“, sagte sie. „Eil dich, mein Zug geht in sieben Minuten.“ „

http://www.zeit.de/zeit-magazin/2016/26/harald-martenstein-bettler-betrug-falle