Medienspiegel

Wann sich der IS zu Anschlägen „bekennt“

  • „Der IS sucht sich genau aus, welche Anschläge er für sich beansprucht. Das sagen Experten, die die Kommunikation der Terrormiliz seit langem analysieren.
  • Teil der konzertierten Propaganda des IS ist die Agentur Amaq, die direkten Zugang zu Kommandostrukturen zu haben scheint.
  • Teil der Kommunikation ist es auch, IS-Anhängern klare Anweisungen zu geben, was vor einem Angriff passieren muss.“
Von Hakan Tanriverdi, New York, und Paul-Anton Krüger, Kairo

(…) „Im Fall von Würzburg wurde binnen Stunden ein Video veröffentlicht, das den Täter zeigen soll und das von den Behörden als „authentisch“ eingestuft wird. Zu sehen ist ein Mann, der mit Messer in der Hand seine Tat ankündigt und sich als „Soldat des Kalifats“ bezeichnet.

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Geteilt wurde das Video von einer Gruppe, die sich Amaq nennt und als Nachrichtenagentur in Szene setzt, die dem IS nahesteht. „Sie versuchen zwar neutral aufzutreten, aber für mich ist Amaq zu 100 Prozent dem IS zugehörig“, sagt Barrett. Es ist eine Aussage, die sich nicht zweifelsfrei bestätigen lässt, die aber viele Analysten teilen.

Amaq war zuerst 2014 während der Kämpfe um die syrische Grenzstadt Kobanê als Medium in Erscheinung getreten, das über den IS berichtete. Bemühte sie sich zunächst um eine distanziertere Sprache, übernimmt die Gruppe inzwischen auch die Diktion und Sichtweisen des IS. So war bei früheren Anschlägen scheinbar unverfänglich von „Angreifern“ die Rede, bei den jüngsten Attacken berichtete die Gruppe allerdings von „Soldaten des Kalifats“ – genauso wie der IS seine Kämpfer in seiner Propaganda bezeichnet. Auch beruft Amaq sich immer wieder auf „Sicherheitsquellen“ – was mutmaßlich nichts anderes bedeutet, als dass die Gruppe direkten Zugang zu militärischen Kommandostrukturen des IS hat und von dort ihre Informationen erhält, vergleichbar amtlichen Medien in totalitären Staaten.

Veröffentlichung in drei Schritten

Die Rolle von Amaq ist wichtig, weil inzwischen erste Hinweise bei Anschlägen meist über diesen Kanal kommen – und nicht mehr von den offiziellen Propagandakanälen des IS, wie das früher der Fall war, etwa noch bei den Anschlägen von Paris im November, die allerdings auch von IS-Rückkehrern mit direkter Anbindung an die IS-Führung in Raqqa verübt worden waren. Damit bietet Amaq zumindest einen starken Anhaltspunkt, welche Angriffe der IS für sich in Anspruch nehmen will.“ (…)

Klare Anweisungen für Anhänger

Teil der Kommunikation ist es auch, IS-Anhängern klare Anweisungen zu geben, was vor einem Angriff passieren muss. „Der IS nimmt Angriffe für sich in Anspruch, wenn ein Individuum der Anweisung folgt, wie sie 2014 in Dabiq (ein Magazin, das der IS per Internet verbreitet; Anm. d. Red.) dargelegt wurde“, sagt Smith. Sie müssen demzufolge angeben, dass sie im Sinne des IS handeln. Wie das geschieht, bleibt den Angreifern überlassen. Per Video wie in Würzburg, per Telefon-Anruf an die Polizei, wie im Fall von Orlando.

Es ist ein Detail, viel gehört nicht dazu. Es zeigt aber, dass die Attentäter IS-Dokumente gelesen haben und dementsprechend handeln.

„Seit 2014 ruft der IS seine Anhänger dazu auf, entweder in das sogenannte Kalifat auszuwandern oder aber den Dschihad nach Hause zu bringen“, sagt Smith. Seit Mitte 2015 werden die Anhänger vor allem zu Letzterem aufgefordert. Das passiert wohl auch deshalb, da die Terroristen davon ausgehen, die Kontrolle über das von ihnen besetzte Territorium demnächst komplett zu verlieren. Anschläge im Westen sind für den IS also wirkmächtig.“ (…)

http://www.sueddeutsche.de/politik/islamischer-staat-wann-sich-der-is-zu-anschlaegen-bekennt-1.3086376

Kommentar GB:

Die IS-Motivierungs- und Organisationsmuster folgen – wie man hier lesen kann – nicht den schematischen Vorstellungen und Begrifflichkeiten westlicher Politiker und Journalisten.

Die normativ-islamische Steuerung, die vom Islam geprägte Mentalität und die durch seinen Rahmen bestimmte Denk- und Handlungsweise der Djihadisten sind für westlich sozialisierte Menschen fast immer eine black box. Was man dazu in den Medien vernehmen kann, sind ausschließlich die eigenen projizierten Vorstellungen, und schon deshalb sind sie alle falsch.

Es gibt zwar Orientalisten, die das alles ohne Rückgriff auf Projektionen oder Spekulationen realistisch und angemessen erklären könnten, aber sie werden in der medialen Öffentlichkeit ausgegrenzt. Man will, weil man sich an die Fiktion des guten Islam versus des bösen Islamismus klammert, nichts davon hören, was der Islam wirklich ist. Denn damit wäre diesbezüglich alles widerlegt, was bisher konzeptionell verfochten und was praktiziert worden ist, und dann stünde sofort die Frage nach der Verantwortung für die teils irreversiblen Fehlentscheidungen im Raum. Dann bleibt man doch lieber dabei, den Kopf in den Sand zu stecken.