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Was ist die „Aufklärung“ des Islams?

Von Dr. Abdel-Hakim Ourghi am 18. Juli 2016 auf http://hpd.de/
BERLIN. (hpd)
„Warum sind die Muslime technisch und kulturell gegenüber Europas zurückgeblieben?
Diese herausfordernde Frage stellt sich heute mehr denn je. Sie hat nichts von ihrer Aktualität verloren, denn auch heute erleben der Islam und die Muslime eine Sinnkrise. Das begründet der Islamwissenschaftler und Koran-Experte Abdel-Hakim Ourghi in einem längeren Text.“
„Seit der napoleonischen Invasion Ägyptens (1798-1801), die als Wendepunkt im kollektiven Bewusstsein der Muslime haften blieb, spürten einige Gelehrte die Notwendigkeit den Islam zu erneuern. Die koloniale Invasion war ihnen ein Zeichen dafür, dass sich nicht nur die islamische Welt und ihre Gesellschaften, sondern auch der Islam in Stagnation befanden, während gleichzeitig Europas Stärke und Macht durch technische und industrielle Entwicklungen weiter zunahmen. Diese historische
Begegnung der islamischen Kultur mit der westlichen Zivilisation intensivierte die Ideenkrise und das Unbehagen hinsichtlich der kulturellen Identität. Ganze Jahrhunderte arabischer und islamischer Geschichte schienen auf einmal „funktionslos und inhaltsleer“.1 (…)
(…) „Wahrlich wehren sich seit Jahrhunderten viele Muslime gegen jeden Versuch zur Aufklärung des Islams. Aus unbegründeter Angst lehnt man die Reformierbarkeit des Islams vehement ab. Die Autonomie des Selbst in der eigenen Religion scheint etwas Fremdes zu sein, das tatsächlich in einen Zustand der Unmündigkeit führt, in dem sie sich selbst verschuldet befinden. Durch den Verzicht auf individuelles Räsonieren bleibt nur der Gehorsam gegenüber veralteten Denksystemen und der Autorität der Gelehrten. Die Furcht vor dem Neuen in der eigenen Religion scheint unermesslich zu sein. Historische Fesseln prägen die kollektive Identität. Jeglicher Kritik des Islams wurden im Laufe der Geschichte die Wege versperrt, sei es durch die politisch Herrschenden, die konservativen Gelehrten oder die Laien. Diese drei Mächte bestimmen bis heute den Ablauf der Geschichte des Islams.16
Und jeder, der gegen den Strom schwimmt, wird bedroht oder bezahlt sogar mit dem Leben. Die Geschichte des Islams ist eine Geschichte der Unmündigkeit, denn die Menschen waren bis heute darauf bedacht, sowohl im Privaten als auch im Öffentlichen zu gehorchen.“ (…)
(…) „Abschließend kann gesagt werden, wenn die historische Autorität der islamischen Klerus, die in anderen Zeiten entstanden ist, bis heute als die Wahrheit des Islams angesehen wird, dann besteht die Gefahr einer Abwehretablierung im kollektiven Bewusstsein gegen jeglichen Versuch, die islamische Religion gemäß der jetzigen Situation zu verstehen.
Hierbei konstituiert sich die systematische Ablehnung der Selbstkritik bzw. der Islamkritik. Der herkömmliche historische Diskurs wird hierbei hagiographisch dogmatisiert. Er konkurriert heutzutage nicht nur mit den kanonischen Quellen (Korantext und Tradition des Propheten), sondern versperrt jegliche neuen Wege für eine humanistische Islamkritik. Die Existenz der Menschen mit ihrer jeweiligen und weltlichen Situation scheint dadurch funktionslos und inhaltsleer zu sein.
Und somit wird ständig alles daran gesetzt, dass eine Berührung mit der Moderne und der Kultur des Westens vehement abgelehnt wird. Die Angst vor dem Verlust der eigenen kulturellen und religiösen Identität führt dazu, dass man abgeschirmt von fremden Einflüssen unter sich bleiben will. Ein Beispiel sind die so genannten „Parallelgesellschaft“, die mit dem Rechtsstaat konkurrieren.25
Anhand der kritischen Vernunft wird nicht nur der Kontext des Islam von seiner hagiographischen Dogmatisierung befreit. Nicht nur der Korantext und die Tradition des Propheten, sondern auch die klassische Wissenstradition können der kritischen Vernunft unterworfen werden. Und somit kann der islamische Glaube innerhalb der Grenzen des individuellen Räsonierens durchdacht werden. Der Islam, besonders im westlichen Kontext, darf nicht vor der kritischen Infragestellung bewahrt werden.
Die Islamkritik als beweglicher Aufklärungsprozess lehnt bewusst ab, dass der Korantext, die Tradition
des Propheten und ihre historische Rezeption in verschiedenen Diskursfeldern zum religiösen und sozialen Konsum degradiert werden. Denn diese drei Religionsinstanzen lassen sich gemäß der jetzigen Situation erforschen und überdenken. Ohne eine Islamkritik wird der islamische Glaube zu
einer gefährlichen Religion, besonders wenn die religiöse Wahrheit als absolut, unantastbar und unveränderlich dargestellt wird.
Deshalb muss jegliche Rede von Wahrheitsbesitz innerhalb aller Religionen relativiert werden.Keine muslimische Konfession bzw. keine Religion ist im Besitz der exklusiven Wahrheit.“

http://www.atheisten-info.at/downloads/Ourghi.pdf

Kommentar GB:

Dieser Text ist all jenen besonders zu empfehlen, die bezüglich muslimischer Immigranten gedankenlos etwas von „Integration“ daherreden, ohne auch nur die geringste Ahnung vom Islam zu haben. In der Politik und in den Medien geschieht das täglich vielfach.

Im journalistischen Tätigkeitsfeld genügt es häufig offenbar, nichts zu wissen, und statt dessen einfach schnell zu reden. Und zwar immer mit dem Strom, dann  fällt das fast nie auf.