Medienspiegel

Wer „ja“ sagt, ist keine Dame

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Rechtsanwalt und Fachanwalt für Strafrecht Christoph NEBGEN

„Stellen Sie sich eine Frau vor, die „nein“ sagt. Nun stellen Sie sich dieselbe Frau vor, die einige Momente später „ja“ sagt. Was gilt denn nun? Das ist das eigentliche Problem, und die Verfechter der Bewegung mit dem Slogan „Nein heißt nein“ verleugnen es hartnäckig. Nach deren Willen – und mutmaßlich auch dem des Gesetzgebers – soll jede „nicht einvernehmliche“ sexuelle Handlung strafbar sein. Das hört sich so nachvollziehbar an und ist doch so realitätsfern.

Denn man wird das (fehlende) Einvernehmen vor Gericht feststellen müssen. Ich habe andernorts bereits darauf hingewiesen, dass das eigentliche Ziel der „Nein-heißt-nein“-Bewegung mir daher zu sein scheint, genau diese Beweispflicht abzuschaffen. Das wäre ein schwerwiegender Eingriff in den demokratischen Rechtsstaat, der der Abschaffung der Unschuldsvermutung gleichkäme. Sabine Rückert hat es in der ZEIT sehr schön dargestellt. [Hervorhebung GB]

Was die Sache zusätzlich problematisiert: Der Mensch kommuniziert eben nicht nur mit Sprache. Ein Großteil jeder Kommunikation geschieht nonverbal. Man kann „nein“ sagen, aber nonverbal doch „ja“ kommunizieren. Das geht auch nacheinander, so wie in dem eingangs gewählten Beispiel. Jeder erlebt dies tagtäglich an sich und anderen. Umso unverständlicher ist es, das diejenigen, die lauthals „Nein heißt nein“ schreien, sich dessen in keiner Weise bewusst zu sein scheinen.

Nein heißt nein“ suggeriert Eindeutigkeit. Gerade in der Anbahnung sexueller Beziehungen ist Eindeutigkeit aber Gift. Erotische Anziehung lebt von Unsicherheit oder Ambiguität. Das „ja“ wird häufig eben nicht ausgesprochen, sondern anders kommuniziert. Denken Sie an das alte Bonmot mit der Dame, die „vielleicht“ sagt, aber „nein“ meint, und „nein“ sagt wenn sie „ja“ meint.

Wenn sie „ja“ verbal kommunizieren würde, wäre sie nach dem alten Spruch keine Dame, sondern: eine Prostituierte.

Und das wollen Sie, meine Damen und (wenige) Herren, allen Damen zukünftig zumuten? Wie stellen Sie sich diese Form des Zusammenlebens der Geschlechter eigentlich vor? Mit Dating-Regeln, wie sie das berüchtigte Antioch-College in den späten siebziger Jahren aufgestellt hat? Jeder Annäherung hat deren verbale Ankündigung mit ausdrücklich erteilter Genehmigung voranzugehen? „Darf ich Dir jetzt den Slip ausziehen?“ als Einleitung des anschließenden Koitus? Dieser Regelkatalog ist aus guten Gründen schnell wieder in der Versenkung verschwunden und wird mittlerweile als „Treppenwitz der Universitätsgeschichte“ bezeichnet.

Das soll jetzt also – in Gesetzesform – wieder eingeführt werden? Damit jedem Geschlechtsakt ein verbalisierter Händel vorausgeht? Meine Damen und (wenigen) Herren, Sie gedenken offenbar, jede Frau zur Prostituierten und jeden Mann zum Freier zu erklären. Das ist entwürdigend für alle.

Denken Sie darüber nach, aber bitte schnell.“   –  Quelle:

http://www.jurablogs.com/go/wer-ja-sagt-ist-keine-dame/3?utm_source=JB+TOP+NL&utm_medium=email