Medienspiegel

Funktionen und Kritik des islamischen Kopftuchs

als Antwort auf djadmoros:
@Miria & Leszek: Auch viele russisch-orthodoxe Frauen tragen Kopftücher (allerdings meistens aus der älteren Generation). Ich sehe das Problem beim Kopftuch auch nicht. Das gehört zum Entscheidungsspielraum von Frauen, wieviel »Reize« sie zeigen möchten. Wie bei Rock oder Hose, oder kurzer Rock oder langer Rock. Oder Stöckelschuhe. Wir sind kulturell auf Beine und Ausschnitt konditioniert, […]
 
@ djadmoros
„Ich sehe das Problem beim Kopftuch auch nicht“
O.K., dann will ich versuchen noch einmal zu erklären, warum ich hier anderer Meinung bin.
Das liegt nicht daran, dass ich allgemein dazu neigen würde Kleidungsvorschriften zu machen, Schuluniformen lehne ich z.B. ab, aber beim islamischen Kopftuch sehe ich das anders.
Das islamische Kopftuch kann m.E. nicht einfach als irgendein x-beliebiges Kleidungsstück aus einer anderen Kultur gesehen werden, dass eine Frau eben tragen kann oder auch nicht und auch nicht als ein harmloses religiöses Symbol.
Das islamische Kopftuch ist ein wichtiges Symbol des radikalen Islam, des politischen Islam sowie der autoritären orthodox-konservativ-islamischen Geschlechterrollensozialisation im Hinblick auf die der Frau zugewiesenen Geschlechterrolle und das islamische Kopftuch wirkt sich m.E. integrationsbehindernd aus, gerade auch auf die Muslime, die tatsächlich stärker integrationswillig sind.
Ich gehe die genannten Aspekte mal im Einzelnen durch.
1. Das Kopftuch ist ein Symbol für diejenigen prämodernen Varianten des Islams, in denen Religion, Privatleben, Recht und Politik nicht getrennt sind, nämlich des orthodox-konservativen Islams und des Islamismus. Diese Varianten des Islams sind in ihrem konkreten ideologischen Gehalt mit einer an Aufklärung, Menschenrechten und Demokratie orientierten Gesellschaft nicht vereinbar, es handelt sich um prämoderne voraufklärerische Islam-Interpretationen, die in zentralen Inhalten einen autoritären und menschenrechtswidrigen Charakter aufweisen.
Ich bin der Ansicht, dass die Politik in Deutschland dem Grundsatz folgen sollte: Ein moderner, aufgeklärter Islam, der mit Aufklärung, Menschenrechten und Demokratie vereinbar ist, kann gerne zu Deutschland gehören, ein unaufgeklärter, prämoderner, reaktionärer Islam aber nicht.
In der Vergangenheit war die Modernisierung innerhalb der islamischen Welt schon weiter vorangeschritten gewesen als heute. Dass sich diese positive Tendenz nicht weiter fortgesetzt hat, liegt für sunnitisch-islamische Kontexte wesentlich daran, dass die saudi-arabischen Herrschaftseliten mit ihren Öleinnahmen fundamentalistische Islam-Interpretationen fördern:
„Um sich die Folgen dieser unheiligen Verbindung von Petrodollars und radikalem Gedankengut klarzumachen, stelle man sich vor, der Ku-Klux-Klan habe in Texas die absolute Macht übernommen und missioniere nun mit den Ölgeldern, schrieb der renommierte Historiker Bernard Lewis. Und der algerische Schriftsteller Kamel Daoud mahnte: Durch die Macht der Satellitenschüsseln und des Internets habe sich das enge Weltbild der Ultrakonservativen bereits auf grosse Teile der islamischen Gesellschaften, vor allem auf ihre schwächsten Glieder, übertragen. Man müsse selber in der muslimischen Welt leben, um diese stetige Transformation zu begreifen. Dass dies der geistige Nährboden sei, auf dem auch der Extremismus gedeihe, sei offensichtlich.“
Da die Herrschaftseliten von Saudi Arabien ein enger Partner der politischen und ökonomischen Eliten der USA sind
kann wohl davon ausgegangen werden, dass die US-amerikanischen Herrschaftseliten kein Interesse an der Zurückdrängung der Islamisierung in der Welt haben.
Für schiitische kulturelle Kontexte hingegen war die islamische Revolution 1979 im Iran und die Errichtung eines islamischen Gottesstaates entscheidend für die wieder zunehmende Verbreitung erzkonservativer Islam-Interpretationen.
Diese kulturelle Regression in der islamischen Welt ging einher mit einer Verbreitung der islamischen Verschleierung, welche zuvor in vielen islamischen Ländern wesentlich seltener war als heute.
Aus einem Artikel zum Thema:
„In der arabisch-islamischen Welt jedoch waren verhüllte Frauen lange Zeit die Ausnahme. Es ist kaum zu glauben, doch bis in die frühen 1990er-Jahre waren die meisten Algerierinnen nicht verschleiert. Am 13. Mai 1958 rissen Dutzende von Frauen auf dem Place du Gouvernement in Algier ihre Schleier runter. Miniröcke eroberten die Straßen. Irans Revolution kehrte diesen Trend um: Im Zuge des Aufstiegs der islamischen Bewegung tauchten in Algeriens Universitäten und in den ärmlichen Stadtvierteln Anfang der 1980er-Jahre die ersten Kopftücher auf. Die Hijabs wurden von der iranischen Botschaft in Algier verteilt. 1990 stand Algerien am Beginn einer langen Ära von Tod und Angst: ein Bürgerkrieg (100.000 Tote) mit dem Schreckgespenst eines Durchmarschs der Islamisten. Die Leute erkannten, dass etwas Schreckliches vor sich ging, wenn sie die Zahl der Schleier in den Straßen zählten. Das erste Opfer des islamistischen Kriegs in Algerien war Katia Bengana, ein Mädchen, das sich weigerte, den Schleier zu tragen. Sie verteidigte ihre Entscheidung selbst dann noch, als ihr die Henker die Pistole an den Kopf hielten. 1994 erwachte die Stadt Algiers buchstäblich eines Morgens und fand Wände voller Plakate vor, auf denen die Hinrichtung unverschleierter Frauen angekündigt wurde. Heutzutage wagen nur noch sehr wenige Frauen, das Haus ohne einen Hijab oder Tschador zu verlassen. Schaut man sich Fotos aus Kabul in den 1960er-, 70er- und 80er-Jahren an, sieht man viele unverschleierte Frauen. Dann kamen die Taliban und verhüllten sie. Die Emanzipation in Marokko wurde von Prinzessin Lalla Aicha ausgelöst, der Tochter von Sultan Mohammed Ben Yusuf, der bei der Verkündung der Unabhängigkeit seines Landes den Titel des Königs annahm. Als Prinzessin Lalla Aicha im April 1947 eine Rede in Tanger hielt, lauschten die Bürger gebannt und erstaunt den Worten jenes unverschleierten Mädchens. Innerhalb weniger Wochen lehnten Frauen überall im Land es ab, das Kopftuch zu tragen. (…) Im Ägypten der 1950er-Jahre trat Präsident Gamal Abdel Nasser im Fernsehen auf, um sich über die von der Muslimbruderschaft erhobene Forderung nach einer Verschleierung von Frauen lustig zu machen. Seine Frau Tahia trug kein Kopftuch, noch nicht einmal auf offiziellen Fotos. Heute sind laut der Wissenschaftlerin Mona Abaza 80 Prozent der Ägypterinnen verschleiert. Dabei kam die strikte wahabitische Version des Islam erst in den 1990er-Jahren nach Ägypten, dadurch, dass Millionen von Ägyptern in Saudi-Arabien und anderen Golfstaaten arbeiteten. Gleichzeitig gewann die islamistische politische Bewegung an Boden. Dann fingen ägyptische Frauen an, den Schleier zur Schau zu stellen. Im Iran überfiel der traditionelle schwarze Schleier, der iranische Frauen vom Kopf bis zu den Knöcheln bedeckt, das Land unter Ajatollah Khomeini. Der Tschador sei das „Banner der Revolution“, erklärte er, und zwang ihn allen Frauen auf. 50 Jahre zuvor, im Jahr 1926, hatte Reza Shah Polizeischutz für alle Frauen angeordnet, die sich entschieden, den Schleier abzulehnen. Am 7. Januar 1936 befahl der Schah allen Lehrerinnen sowie den Ehefrauen der Minister und Regierungsbeamten, „in europäischer Kleidung aufzutreten“. Auch seine eigene Frau und seine Töchter schickte der Schah unverschleiert in die Öffentlichkeit. In der Türkei hielt Mustafa Kemal Ataturk vor Frauenversammlungen leidenschaftliche Reden, in denen er die Frauen dazu aufrief, mit gutem Beispiel voranzugehen: Den Schleier abzunehmen bedeutete, die notwendige Annäherung der Türkei und der westlichen Zivilisation zu beschleunigen. 50 Jahre lang lehnte die Türkei den Schleier ab – bis 1997, als die Regierung unter dem Islamisten Necmettin Erbakan das Verbot der Verschleierung an öffentlichen Orten abschaffte. Später benutzte der türkische Präsident Erdogan den Schleier, um die zügig voranschreitende Islamisierung der Gesellschaft zu unterstützen. Im Gegensatz dazu erließ der tunesische Präsident Habib Bourguiba seinerzeit ein Verbot des Tragens des Hijab in Schulen und Ämtern. Er nannte den Schleier einen „abscheulichen Fetzen“ und stärkte die Rolle seines Landes als der aufgeklärtesten unter allen arabischen Nationen. Nicht nur, dass die muslimische Welt dieses Symbol lange Zeit abgelehnt hat – auch den Minirock, ein Symbol der westlichen Kultur, sah man vor der Ausbreitung des radikalen Islam überall im Nahen Osten. Es gibt viele Fotos, die uns an diese lange währende Periode erinnern: die unverschleierte und einen Rock tragende Stewardess von Afghan Airlines (welch eine Ironie, dass Air France heute ihre Stewardessen verschleiern will); der Schönheitswettbewerb, den König Hussein von Jordanien im Hotel Philadelphia veranstaltete; die irakische Fußballnationalmannschaft der Frauen; die syrische Athletin Silvana Shahin; unverschleierte Libyerinnen, die auf der Straße marschieren; die Studentinnen an der palästinensischen Birzeit-Universität oder ägyptische Mädchen am Strand (zu jener Zeit wäre ein Burkini als Käfig abgelehnt worden). Dann, Mitte der 1980er-Jahre änderte sich plötzlich alles: In vielen Ländern wurde das Schariarecht eingeführt, Frauen im Nahen Osten wurden in eine Art mobiles Gefängnis gesteckt, und in Europa kam das Kopftuch wieder auf, als Mittel, um die „Identität“ zurückzugewinnen; dies bedeutete die Ablehnung der Assimilation an westliche Werte und die Islamisierung vieler europäischer Städte. Zuerst wurde Frauen der Schleier aufgezwungen, dann begannen die Islamisten ihren Dschihad gegen den Westen.“
Islamische Verschleierung, einschließlich des islamischen Kopftuchs ist also nichts Harmloses, sondern ein wesentliches Symbol des radikalen Islam und es breitete sich mit diesem zusammen aus.
2. Das islamische Kopftuch ist ein Symbol für die orthodox-konservativ-islamische weibliche Geschlechterrolle. In der orthodox-konservativ-islamischen Geschlechterrollensozialisation wird Frauen unter anderem die Rolle zugewiesen „sexuell rein“, „keusch“ und „gehorsam“ zu sein und Männern wird die Verteidigung der archaischen orthodox-konservativ-islamischen Begriffe von Ehre aufgebürdet, sie haben die „männliche Ehre“ zu verteidigen, die „Familienehre“, die „Ehre des Islams“.
Jungen und Mädchen, die sich in orthodox-konservativ-islamischen Familien gegen diese Geschlechterrollensozialisation versuchen zu wehren, werden Manipulation und Repression ausgesetzt.
Weichen die Töchter oder Söhne später zu stark von den archaischen traditionellen Geschlechterrollen ab, z.B. Sex der Tochter vor der Ehe oder ein offen schwuler Sohn kann im schlimmsten Fall die Gefahr von Ehrenmorden bestehen.
Den Jungen und Mädchen wird die islamische religiöse Ideologie einschließlich der damit verbundenen Rollenzuweisungen also von klein auf in den Kopf gesetzt, so dass es verständlich ist, dass es vielen niemals gelingt sich davon zu befreien. Entsprechend bedeutet es gar nichts, wenn viele Kopftuchträgerinnen das islamische Kopftuch „freiwillig“ tragen. Eine solche „Freiwilligkeit“ ist oft das Produkt von autoritärer Erziehung von klein auf.
Eine Bekannte von mir berichtete mir kürzlich von ihrer Schwester, die einen konservativen Muslim geheiratet hatte und eine Tochter bekommen hatte, dass ihre Schwester zunehmend frustriert sei, weil die konservative islamische Familie versuche ihre Tochter in die traditionelle islamische Geschlechterrolle hinein zu sozialisieren, sie bekäme u.a. häufiger gesagt, dass sie in die Hölle käme, wenn sie sich nicht wie ein anständiges Mädchen verhalten würde.
Nicht alle Frauen, die orthodox-konservativ erzogen wurden und entsprechende Einstellungen verinnerlicht haben, tragen ein Kopftuch, gerade in Deutschland gibt es auch konservative Musliminnen, die kein Kopftuch tragen, aber bei der Mehrheit derjenigen Männer und Frauen, die auf das Tragen eines Kopftuchs Wert legen, handelt es sich um Personen aus dem orthodox-konservativen oder islamisch-fundamentalistischen Spektrum. Das Kopftuch ist ein Symbol für die orthodox-konservativ-islamische weibliche Geschlechterrolle, deren wesentliche Werte „sexuelle Reinheit“ und „Gehorsam“ sind.
Diejenigen Feministinnen, die im islamischen Kopftuch ein Symbol weiblicher Unterdrückung im Islam sehen, haben also mit dieser Position Recht und diejenigen politisch korrekten Feministinnen, die heutzutage im islamischen Kopftuch ein Symbol weiblicher Emanzipation sehen haben m.E. einen an der Klatsche.
Wo jene Feministinnen, die das islamische Kopftuch zu Recht kritisieren, oft mal wieder versagen, ist allerdings eine Kritik an der orthodox-konservativen Geschlechterrollensozialisation zu entwickeln, die die Nachteile der traditionellen islamischen Geschlechterrollen für beide Geschlechter berücksichtigt. Wie so oft bleiben sie bei einer einseitigen Mann-Täter-Frau-Opfer-Perspektive stehen und übersehen dabei die zentrale Rolle orthodox-konservativ-islamischer Frauen bei der Erziehung genauso wie die Nachteile der traditionell-islamischen Geschlechterrolle für Männer, kurz: sie sind oft nicht dazu in der Lage zu erkennen, dass Frauen im orthodox-konservativen Islam nicht nur Opfer sind sondern oft auch Täterinnen und dass orthodox-konservativ-islamisch-sozialisierte Männer nicht nur Täter sind sondern ebenfalls Opfer der autoritären Werte und Normen des orthodox-konservativen Islams. Aber das wäre ein anderes Thema.
3. Das islamische Kopftuch erfüllt für die orthodox-konservativ-islamischen und islamisch-fundamentalistischen Strömungen in modernen westlichen Gesellschaften mehrere pragmatische Funktionen. Die konkrete Kopftuchträgerin muss sich dieser Funktionen nicht bewusst sein, aber jene Muslime, die im Kontext orthodox-konservativ-islamischer Organisationen oder islamistischer Gruppen eine Verbreitung und Ausdehnung des Islams anstreben sind sich dieser pragmatischen Funktionen sicherlich oft bewusst:
a) Demonstrations- und Propagandafunktion: das islamische Kopftuch ist ein Symbol des orthodox-konservativen Islams oder des Islamismus als religiös-politischer autoritärer Ideologien und repräsentiert diese in der Öffentlichkeit.
b) Abgrenzungsfunktion: das islamische Kopftuch erfüllt außerdem eine Abgrenzungsfunktion von der säkular-demokratischen westlichen Mehrheitsgesellschaft. In diesem Sinne vermittelt es die Zurückweisung der Werte der kulturellen Moderne und die Weigerung sich in eine moderne westliche Gesellschaft zu integrieren.
c) Appell- und Vorwurfsfunktion: das islamische Kopftuch erfüllt außerdem eine Appellfunktion an alle Muslime sich an die archaischen Werte und Normen des orthodox-konservativen Islams zu halten sowie eine Vorwurfsfunktion gegenüber islamischen Frauen, die unverschleiert sind. Es erfüllt in diesem Sinne also die Funktion psychischen Druck gerade auf solche Muslime auszuüben, die integrationswillig sind. Je mehr solche Muslime, die tatsächlich integrationswillig sind, in der Öffentlichkeit ständig islamischen Kopftüchern begegnen, desto mehr wird der Wille und Mut zur Integration tendenziell geschwächt. Das islamische Kopftuch ist in dieser Hinsicht also auch ein psychisches Druckmittel reaktionärer Muslime um moderate Muslime daran zu erinnern, was ihre „islamischen Pflichten“ seien und dass dem orthodox-konservativen Islam nicht zu entkommen ist.
Wie gesagt sind diese genannten pragmatischen Funktionen konkreten Kopftuchträgerinnen sicherlich oft gar nicht bewusst, was aber nicht heißt, dass diese Funktionen deshalb nicht wirksam wären.

Burkaverbot: Ja oder nein

Die Sichtweise einer bekannten deutschen Konvertitin soll hier nicht ausgespart bleiben:

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/verschleierungs-debatte-warum-ein-burka-verbot-falsch-ist-14415351.html