Medienspiegel

Ich verstehe jeden, der sich der Realität verweigert

Wir müssen uns auf die Flüchtlinge einlassen, heißt es. All die Messerstecher und Axtschwinger, das seien traumatisierte Einzeltäter. Wieso müssen? Sind all unsere Probleme jetzt Bewährungsproben?

Die hohe Schule der Realitätsumwandlung

(…) „Und da es kein Theaterstück ist, das man umschreiben und dessen Finale der Gemütslage der Zuschauer anpassen kann, muss eine Zauberformel her, die das Sinnlose mit Sinn erfüllt. Sie lautet: Wir haben es nicht mit einer Krise zu tun, sondern mit einer „Bewährungsprobe historischen Ausmaßes“; es ist also etwas Positives, das uns weiterbringt, eine Art Reifeprüfung für alle.

Und wir sollten dem Schicksal, der Vorsehung oder wem auch immer dankbar sein, dass uns eine solche „Bewährungsprobe“ auferlegt wurde. Die Freude darüber, dass wir jetzt „plötzlich Menschen geschenkt“ bekommen, mit denen wir „das Zusammenleben täglich neu“ werden aushandeln müssen, darf durch keine Zwischenfrage getrübt werden, ob wir das überhaupt wollen. „Alle müssen sich darauf einlassen und die Veränderungen annehmen.“

So redet das neue Jakobinertum. Alle müssen. Und wenn sich einige weigern, werden wir sie nicht für ihre Zivilcourage auszeichnen, sondern zwingen, die Veränderungen anzunehmen. Zum Wohle der Gesellschaft und auch ihrem eigenen Vorteil. Houellebecq nennt das „Unterwerfung“.

Für die Technik, eine als negativ empfundene Situation in ihr positives Gegenteil zu verkehren, gibt es bestimmt einen psychologischen Fachbegriff. Ich vermute, es ist eine Art Hypnose, die hohe Schule der Realitätsumwandlung.“ (…)   –   (Hervorhebung GB)

http://www.welt.de/debatte/henryk-m-broder/article157531197/Ich-verstehe-jeden-der-sich-der-Realitaet-verweigert.html