Medienspiegel

Akute Aufklärungs­unverträglichkeit

Interview mit Herfried Münkler

„Die von den europäischen Aufklärern hart erkämpften Freiheiten gelten im Hörsaal oft wenig. Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler über Meinungsfreiheit an deutschen Universitäten

Michael Wiederstein: Herr Münkler, Wilhelm von Humboldt ließ sich 1792 wie folgt vernehmen: „Der wahre Zweck des Menschen (…) ist die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen. Zu dieser Bildung ist Freiheit die erste und unerlässliche Bedingung.“ Welche Freiheit ist hier gemeint?

Herfried Münkler: Es handelt sich hier um die aufklärerische Vorstellung, dass die Freiheit des vernünftigen Argumentierens ein Element des Fortschritts bei der Selbstzivilisierung der Menschheit sei. Darin zeigt sich ein großes Vertrauen in den individuellen „Zwang zur Vernunft“, der mit einer Ausweitung der Meinungs- und Meinungsäußerungsfreiheit im Preußen des achtzehnten Jahrhunderts einhergeht. Mit dieser Freiheit ist nicht politische Partizipation gemeint, sondern die damals spektakuläre Idee, dass sich Individuen in Diskussionen frei austauschen sollten – um der Wahrheit diskursiv näher zu kommen, sprich: sich zu bilden.

Meinungsäußerungsfreiheit nicht um ihrer selbst willen, sondern zur Zivilisierung der Menschheit durch Bildung.

So in etwa, ja. Von Immanuel Kant bis zum 1792 noch recht jungen Humboldt zog dieses Ideal in Preußen immer weitere Kreise. Es gipfelte schließlich in einer Alternative zu Umsturz und Revolution in Frankreich: dort fand die Revolution nicht mehr in den Köpfen und im Saale statt, sondern auf der Straße.

In Frankreich wurden „Revolutionsfeinde“ nicht zum intellektuellen Tischgespräch gebeten, sondern eingesperrt oder ermordet – neu gewonnene Freiheiten verkehrten sich in Terror. Welchen Einfluss hatte das auf Humboldts Position?

Humboldt setzte diesem Treiben die Idee eines selbstreformerischen Prozesses durch die Freiheit des Räsonierens entgegen. Es ging dabei um die Öffentlichwerdung des Arguments, also um „Publizität als einziges Palladium der Freiheit“, wie Kant das nennt. Sprich: das Recht, Argumente und Kritik öffentlich darlegen zu dürfen, ohne mit Sanktionen rechnen zu müssen. Humboldts Idee: Wer sich mit den Argumenten des Gegners ernsthaft beschäftigt, wird dadurch selbst stärker – sogar dann, wenn er dabei die eigene Position aufgeben muss.

Allerdings: das aufklärerische Ideal gefiel nicht allen – vor allem nicht den Kirchen.

Wahrheiten, die nicht mehr feststehen, sondern ausdiskutiert werden, sind für Institutionen, die sich der Wahrheitsverkündigung verschrieben haben, eine Gefahr. Für die Kirchen oder den Adel war das eine bedrohliche Konkurrenzveranstaltung! Deren Prinzip war damals wie heute: Einer spricht, die anderen hören zu. Das erwies sich als mit dem dialogischen Prinzip aufklärerischer Wahrheitssuche inkompatibel.“ (…)

https://www.novo-argumente.com/artikel/akute_aufklaerungsunvertraeglichkeit