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Europa steht vor dem Selbstmord

von Michel Houellebecq 27.9.2016

„Der französische Schriftsteller Michel Houellebecq ist in Berlin mit dem Frank-Schirrmacher-Preis ausgezeichnet worden. In seiner Dankesrede diagnostiziert er westliche Müdigkeit und prognostiziert Europas Untergang.“

(…) „Es stimmt, «Soumission» («Unterwerfung») ist in Frankreich am Tag der Anschläge auf «Charlie Hebdo» erschienen. Weniger bekannt ist, dass ich der «New York Times» ein Interview über «Plattform» gegeben hatte – ein Interview, in dem der Journalist übrigens fand, ich übertreibe wahrscheinlich die islamistische Gefahr. Nun – dieses Interview ist in der «New York Times» vom 11. September 2001 erschienen. Kurzum, es scheint, dass Gott (oder das Schicksal oder eine andere grausame Gottheit) sich damit amüsiert, unter Benutzung meiner Bücher tragische Koinzidenzen hervorzubringen.“ (…)

„Dann – und da ist seine Prophezeiung wirklich fulminant, denn er hat das vor allen anderen kommen sehen: das Auftreten des Jihadismus. Das Wiedererscheinen eines angreifenden, gewalttätigen Islam, angetrieben von Welteroberungsplänen, eines Islam, der Attentate durchführt und die ganze Welt mit Bürgerkrieg überzieht. Was hat Dantec in den Stand versetzt, diese unglaubliche Intuition zu entwickeln? Unbestreitbar die Tatsache, dass er während des Balkankrieges nach Bosnien gegangen ist – nach Bosnien, das eines der ersten Länder war, in denen der internationale Jihadismus seine Leute ausbildete. Das war es, Maurice Dantec ist nach Bosnien gefahren, und er hat verstanden, was dort gerade geschah. Er war der Einzige.“ (…)

„Maurice Dantec selbst definiert sich als «gläubigen und zionistischen Kämpfer». Von uns im Westen verlangt er, wieder die zu werden, als die uns die Jihadisten zu Unrecht beschreiben: uns wieder in Gekreuzigte zu verwandeln. Einzig eine spirituelle Macht wie das Christentum oder das Judentum wäre seiner Meinung nach imstande, mit einer anderen spirituellen Macht wie dem Islam zu kämpfen.“ (…)

Aber bevor ich über Philippe Muray spreche, möchte ich Ihnen eine berühmte Stelle von Tocqueville vorlesen, schon rein zum Vergnügen, denn es ist immer ein Vergnügen, so viel Intelligenz gepaart zu sehen mit einer solchen stilistischen Eleganz. «Ich will mir vorstellen, unter welchen neuen Merkmalen der Despotismus in der Welt auftreten könnte: Ich erblicke eine Menge einander ähnlicher und gleichgestellter Menschen, die sich rastlos im Kreise drehen, um sich kleine und gewöhnliche Vergnügungen zu verschaffen, die ihr Gemüt ausfüllen.

Jeder steht in seiner Vereinzelung dem Schicksal aller andern fremd gegenüber: Seine Kinder und seine persönlichen Freunde verkörpern für ihn das ganze Menschengeschlecht; was die übrigen Mitbürger angeht, so steht er neben ihnen, aber er sieht sie nicht; er berührt sie, und er fühlt sie nicht; er ist nur in sich und für sich allein vorhanden, und bleibt ihm noch eine Familie, so kann man zumindest sagen, dass er kein Vaterland mehr hat.

Der erste Feind, den unsere westliche Gesellschaft auszurotten versucht, ist das männliche Zeitalter, ist die Männlichkeit selbst.

Über diesen erhebt sich eine gewaltige, bevormundende Macht, die allein dafür sorgt, ihre Genüsse zu sichern und ihr Schicksal zu überwachen. Sie ist unumschränkt, ins Einzelne gehend, regelmässig, vorsorglich und mild. Sie wäre der väterlichen Gewalt gleich, wenn sie wie diese das Ziel verfolgte, die Menschen auf das reife Alter vorzubereiten; stattdessen aber sucht sie bloss, sie unwiderruflich im Zustand der Kindheit festzuhalten; es ist ihr recht, dass die Bürger sich vergnügen, vorausgesetzt, dass sie nichts anderes im Sinne haben, als sich zu belustigen.

Sie arbeitet gerne für deren Wohl; sie will aber dessen alleiniger Förderer und einziger Richter sein; sie sorgt für ihre Sicherheit, ermisst und sichert ihren Bedarf, erleichtert ihre Vergnügungen, führt ihre wichtigsten Geschäfte, lenkt ihre Industrie, ordnet ihre Erbschaften, teilt ihren Nachlass; könnte sie ihnen nicht auch die Sorge des Nachdenkens und die Mühe des Lebens ganz abnehmen?»

Das wurde 1840 veröffentlicht, im zweiten Teil von Tocquevilles Meisterwerk «Über die Demokratie in Amerika». Das ist schwindelerregend. Was die Ideen betrifft, so enthält diese Passage praktisch mein gesamtes geschriebenes Werk. Ich habe dem nur eines hinzuzufügen gehabt, und das ist, dass das Individuum, welches bei Tocqueville noch Freunde und eine Familie hat, sie bei mir nicht mehr hat. Der Prozess der Vereinzelung ist abgeschlossen.“ (…)

http://www.nzz.ch/feuilleton/zeitgeschehen/michel-houellebecq-europa-steht-vor-dem-selbstmord-ld.118845

Kommentar GB:

Diese m. W. nicht in Deutschland, sondern nur in der Schweiz publizierte Rede ist insgesamt lesenswert und diskussionswürdig. Sie könnte und sollte m. E. weitere Reflexionen anregen. Ich halte das für wesentlich wichtiger als Zeit und Mühe für die Auseinandersetzung mit lächerlichen Feministinnen zu vergeuden.

 

 

 

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