Medienspiegel

Turkislam und Leitkartell

Ein düsteres Bild der „modernen Türkei“ und ihrer Leitkultur

25.10.2004

WOLFGANG GÜNTER LERCH / Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.10.2004, Nr. 249 / Seite 8

Hans-Peter Raddatz: Die türkische Gefahr? Risiken und Chancen. Herbig-Verlag, München 2004. 287 Seiten, 22,90 €.

„Ob jemand ein Glas als halbvoll oder halbleer bezeichnet, wird allgemein als Maßstab dafür genommen, ob er Optimist oder Pessimist sei. Ob Hans-Peter Raddatz Optimist oder Pessimist ist, kann zumindest hinsichtlich der Frage, wie „europareif“ die Türkei ist, eindeutig beantwortet werden: Er sieht in diesem Fall das Glas als halbleer an – bestenfalls. Raddatz, der zuvor schon drei Bücher über den Islam publiziert hat, wird sich auch mit seinem Band „Die türkische Gefahr?“ bei den Befürwortern eines EU-Beitritts Ankaras kaum Freunde machen, und bei den meisten Türken erst recht nicht. Der Orientalist und Systemanalytiker kennt die Region nicht nur theoretisch, sondern aus konkreter Anschauung und alltäglicher Lebenswirklichkeit. Auch in der Türkei hat er gelebt und gearbeitet. So mag es ihm leichter fallen, aus Alltagserfahrungen Anspruch und Wirklichkeit dieses Staates und seiner vorwiegend islamischen Bevölkerung „schonungslos“ zu beleuchten. Das Buch formuliert griffig, bisweilen sogar polemisch. Es wird damit türkische Polemiken herausfordern. Dieselbe Schonungslosigkeit wendet er allerdings auch auf die eigenen Eliten in Europa, in Deutschland zumal, an, die längst – unter amerikanisch-geostrategischem Druck – beschlossen haben, der Türkei den von ihr gewünschten vorgeblichen Platz an der Sonne zuzugestehen, und zwar gegen erhebliche Bedenken eines nicht geringen Teils der europäischen Bevölkerungen und gegen religiöse und kulturelle Hindernisse, deren Höhe von den Eliten völlig falsch eingeschätzt werde. Der Autor sieht da eine längerfristige und gefährliche Deformation des demokratischen Systems am Werk.

Raddatz glaubt nicht, daß die Türkei hier und heute eine wirkliche Demokratie ist; noch hält er für erwiesen, daß sie in jenem Maße verweltlicht sei, wie es die allgemein zu hörenden Stereotype bis hinein in die Wissenschaft vorgeben. Er glaubt auch nicht, daß sich die Verhältnisse wesentlich ändern werden, wenn die Beitrittsgespräche einmal laufen. Weder werde die spezifische Form des in einer langen Geschichte wurzelnden „Turkislam“, die der Staatsräson trotz allen Geredes über den Laizismus zugrunde liege, aufgegeben sein, noch werde die türkische Gesellschaft ihre wichtigsten Probleme auch nur im Ansatz gelöst haben: Kurdenfrage, traditionelle Strukturschwäche der türkischen (islamischen) Wirtschaft, Autoritarismus, traditionelle Verflechtung der Elite mit zumindest dunklen, bisweilen sogar mafiosen Geschäften. Erdogan sei 2002 vor allem aus Verzweiflung gewählt worden über den weitgehend mafiosen Charakter des türkischen Staates, der endemisch und ein Erbe der Geschichte sei. Daß Erdogan nun plötzlich, nach zwei Jahren, als gemäßigt gelte, vor allem bei den Europäern, gibt ihm zu denken. Raddatz fühlt sich an spätbyzantinische Zeiten erinnert, in denen die Byzantiner die sie bedrängenden Osmanen als „gemäßigter“ empfanden als ihre lateinischen Mitchristen zu Rom. 1453 wurde ihr Reich dann vernichtet. Raddatz zieht Parallelen zu einem kulturell, auch religiös defätistischen Europa, das da einem Bald-Mitglied von demnächst 90 oder 100 Millionen gegenüberstehe, das genau wisse, was es wolle. Demographie und Einwanderung erläutern, was er meint. Kritische Anmerkung der aufnehmenden Gesellschaft(en) würden als „dumpfes Stammtischgerede“ diskreditiert und weggewischt.

Die viele Jahrhunderte währende türkische Wander- und Reichsgeschichte sieht Raddatz als turkistischen „Ethno-Dschihad“, unter dem bis heute auch die Kurden zu leiden hätten. Im Osmanischen Reich sieht er vor allem eine militärisch aggressive „Beute- und Tributmaschine“ und in dessen sprichwörtlich gewordener Toleranz insbesondere nackte wirtschaftliche Notwendigkeit – weil die christlichen Minderheiten und die Juden den Staat wirtschaftlich am Leben gehalten hätten. Auch zu dem Reformer Atatürk fallen harsche Worte, die dessen totalitäres Gebaren geißeln, das außerdem nicht ausgereicht habe, um den „Turkislam“ seines geschichtlichen elan vital zu berauben und das Land wirklich zu verweltlichen. Er beschwört die fatale Dynamik der abgeschlossenen Gecekondus, jener Armenviertel im Umkreis der türkischen Großstädte, die fälschlicherweise als „Urbanisierung“ angesehen würden und sich jetzt auch in Deutschland ausbreiteten, das manche in Ankara und Istanbul schon im internen Sprachgebrauch „westtürkischen Gebieten“ zurechneten. Liegt hier Alarmismus vor, wird gar Hysterie genährt? Der Autor glaubt, daß sich ein europäisches, insonderheit deutsches „Leitkartell“ aus Wirtschaft und Politik mit der Elite der Türken irgendwie zusammengefunden hat respektive eine Interessengleichheit beider besteht. Tatsächlich, bei Raddatz ist das Glas der Türkei allenfalls halb leer – wenn überhaupt. Von den Chancen eines türkischen EU-Beitritts ist nirgendwo die Rede.“

und, ganz aktuell, zur Entwicklung der Türkei:

http://www.zeit.de/2016/46/cumhuriyet-pressefreiheit-tuerkei-can-duendar?campaign_id=A100

Kommentar GB:

Eine EU-Mitgliedschaft der Türkei ist m. E. gänzlich ausgeschlossen.