Medienspiegel

Lesen, lesen, lesen

Lesefähig macht zukunftsfähig – Wo und wie Kinder lesen lernen – Damit Deutsch für Deutsche nicht zur Fremdsprache wird – Weihnachten und die Zeit “zwischen den Jahren” sind auch Lesezeit

Klaus Peter Krause

„Wir alle wissen: Bildung bedeutet Zukunftsfähigkeit. Sie ist das unerlässliche Fundament eines Staatswesens, einer Gesellschaft, die bestehen bleiben, die weiterkommen will. Es gibt in Thomas Manns Roman „Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ eine schöne diesbezügliche Stelle. Es ist jene, wo Felix Krull eine längere Mußezeit vor sich liegen sieht, weil er darauf warten muss, ob er seinen Militärdienst abzuleisten hat, oder ob er davonkommt und ob er dann gleich nach Paris reisen kann, wo er das Hotelfach lernen soll, was sein Pate Felix Schimmelpreester so fürsorglich-praktisch vorgeschlagen und, ohne mit Widerspruch zu rechnen oder ihn zu dulden, wenn er denn gekommen wäre, in die Wege geleitet hat. Wir, die wir das Buch kennen, wissen, Felix Krull kommt davon, er selbst aber weiß es an dieser Stelle noch nicht. Er hängt herum und sinnt darauf, sich die Warte- und Mußezeit, „wie sie“ – so lesen wir – „dem höheren Jüngling zu stillem Wachstum so willkommen, so notwendig ist“, zu vertreiben. Und eben dann folgt jener Satz, über den ich ins Nachsinnen geriet und den ich Ihnen nun nicht vorenthalten will.

Ein Geschenk der Freiheit

„Bildung wird nicht in stumpfer Fron und Plackerei gewonnen, sondern ist ein Geschenk der Freiheit und des äußeren Müßiggangs; man erringt sie nicht, man atmet sie ein; verborgene Werkzeuge sind ihretwegen tätig, ein geheimer Fleiß der Sinne und des Geistes, welcher sich mit scheinbar völliger Tagdieberei gar wohl verträgt, wirbt stündlich um unsere Güter, und man kann wohl sagen, dass sie dem Erwählten im Schlafe anfliegt.“

Freiheit und Muße schaffen Raum für Bildung

Nun ja, schön wär’s schon, wenn das mit der Bildung immer so ginge, nämlich dass sie im Schlaf zu haben sei. Aber dass Bildung (zumindest auch) ein „Geschenk der Freiheit ist und des äußeren Müßiggangs“ – wohlgemerkt: nur des äußeren, nicht auch des inneren –  ist eine kluge und, wie mir scheint, nach wie vor zutreffende Bemerkung. Freiheit und Muße schaffen den Raum für eine Bildung, die man sich selbst aneignet, zumindest selbst aneignen kann.

Lesefähigkeit macht auch zukunftsfähig

Ein wesentlicher Bestandteil der Bildung ist das Lesen, das Lesen-können, die Lesefähigkeit. Richtiger muss man wohl sagen: Es ist der wesentliche Bestandteil. Aber Voraussetzung für die Lesefähigkeit ist die Sprachfähigkeit. Und bereits mit ihr hapert es: Schon 1992 hat eine Untersuchung ergeben, jedes fünfte deutsche Kind zwischen dreieinhalb und vier Jahren leide unter Sprachschwächen. Die gleiche Untersuchung hat zehn Jahre später, also 2002, festgestellt, die Sprachfähigkeit sei nicht besser, sondern eher noch schlechter geworden. Es gebe zu viele „sprachlose Familien“ mit berufstätigen Eltern. Väter und Mütter kämen zu wenig dazu, mit ihren Kindern zu reden. Ich vermute, der Befund heute, sechzehn Jahre später, wird nicht anders ausfallen, eher noch schlimmer.“ (…)

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