Medienspiegel

Selten gelogen, aber oft einseitig berichtet

Rainer Zitelmann

„Die Diskussion um die „Lügenpresse“ verdeckt mehr als sie aufhellt. Die Mehrheit der Journalisten lügt nicht. Und sie wird erst recht nicht von der Politik oder geheimen Mächten gesteuert. Aber die große Mehrheit der Journalisten denkt links – und das spiegelt sich in der Berichterstattung wider.“

(…) „Die Gleichförmigkeit im Denken vieler Journalisten ist weder ein Ergebnis von Zensur oder „Gleichschaltung“, wie uns das manche rechten Verschwörungstheoretiker suggerieren wollen. Absurd ist die Vorstellung, Journalisten folgten geheimen Anweisungen dunkler Mächte. Die weitgehende Gleichförmigkeit der Berichterstattung ist vielmehr ein Ergebnis ihrer universitären Prägung und hat vor allem etwas mit Konformitätsdruck in Gruppen zu tun. Wer als Journalist rechts steht, ist Außenseiter in der Medienzunft – wer links ist, steht in Übereinstimmung mit der Meinung der übergroßen Mehrheit seiner Berufskollegen. Die meisten Menschen mögen es nicht, Außenseiter in einer Gruppe zu sein.

Dennoch will ich nicht bestreiten, dass es Beispiele von Selbstzensur gibt. Ein Beispiel ist die Diskriminierungsrichtlinie 12.1. des Deutschen Presserates, der gerade sein 60-jähriges Jubiläum feierte. Jeder Journalist, der in einem Artikel über eine Straftat die Nationalität des Verbrechers benennt, verstößt damit gegen die Richtlinie des Presserates und riskiert eine Rüge. Es sei denn, es bestehe „für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug“. Wann das der Fall ist, soll jedoch nicht etwa der Leser entscheiden, sondern der Journalist. Der Journalist entscheidet also, ob er die Information, dass ein Einbrecher Rumäne war, erwähnt oder nicht. Kommt er zu dem Ergebnis, dass die Nennung der Nationalität für das Verständnis des Vorgangs nicht zwingend sei, muss er die Nationalität verschweigen.

Die Richtlinie soll „Minderheiten vor Vorurteilen schützen“. Das nenne ich Bevormundung. Sind die Leser und Zuschauer nicht selbst in der Lage, die Fakten zu bewerten? Ist es schon ausländerfeindlich, wenn jemand erwähnt, dass 28 Prozent der Gefängnisinsassen Ausländer sind, während der Anteil an der Gesamtbevölkerung nur bei 9,7 Prozent liegt? Leider hat man oft den Eindruck, das Motto vieler Journalisten lautet so wie bei Christian Morgensterns Palmström: „Und also schließt er messerscharf, dass nicht sein kann, was nicht sein darf.“

http://www.theeuropean.de/rainer-zitelmann/11572-was-ist-dran-am-vorwurf-luegenpresse

Kommentar GB:

Es ist dies ein m. E. recht treffender und sachlicher Artikel, der viele Beobachtungen verständlich macht.

Jedoch schreibt der Autor: „Absurd ist die Vorstellung, Journalisten folgten geheimen Anweisungen dunkler Mächte.“ Darin stimme ich ihm zwar zu, aber wie steht es um eine realistischerweise zu vermutende systematische und regelmäßige Einflußname staatlicher Presseverantwortlicher oder leitender Politiker auf die Chefredaktionen der privaten Presse und der öffentlichen Medien?

Es ist m. E. sehr wahrscheinlich, daß es auf dieser Ebene regelmäßig zu gewissen Verständigungen und inhaltlichen Abstimmungen über die wesentlichen Tendenzen von Berichterstattung und Kommentierung kommt: deren Parallelitäten sind sehr auffällig und deuten stark darauf hin, daß uns da jemand vorgeben will, was wir gefälligst denken und meinen sollen – und was nicht. Ich las neulich den sarkastisch-treffenden Ausdruck „Erziehungsjournalismus“ und wußte sofort, was damit gemeint war.

Da das mit einschüchternder Rhetorik kombiniert wird, lassen sich wohl tatsächlich viele einschüchtern und unterwerfern sich, oder sie rebellieren mehr oder weniger derb im Schutz der Anonymität des Netzes oder an der Wahlurne. Und dann ist der Erziehungsjournalismus wieder einmal völlig erstaunt, daß seine Bemühungen nichts gefruchtet haben, und daß alles anders gekommen ist als von ihm gewünscht und gedacht. Und da er an seiner überlegenen Klugheit nie zweifelt, weiß der Erziehungsjournalismus genau, daß das nur an der Dummheit oder Bosheit des Volkes liegen kann.  Und „gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens“, so ist er zugleich elegant entlastet. Fabelhaft.