Medienspiegel

Soziale Gerechtigkeit: Ungleich ist nicht immer ungerecht

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Die Orientierung der politischen Linken an sozialer Gerechtigkeit wird erst glaubwürdig, wenn sie Ausdruck einer integrativen Politik ist. Deren Grundlage ist die Idee, dass die ökonomische Dynamik der Märkte für das Wohlergehen der vielen eingesetzt werden muss.

28.12.2016, von Professor Dr. Julian Nida-Rümelin

(…) „Woran erkennt man Ungerechtigkeit? Jedenfalls nicht an dem Maß der Gleichheit, wenn es nach John Rawls geht, dem bedeutendsten Gerechtigkeitstheoretiker des 20. Jahrhunderts. Politische Gerechtigkeit hat für Rawls zwei Prinzipien. Das erste schafft die Voraussetzungen dafür, dass Menschen ihr Leben nach eigenen Vorstellungen ohne Eingriffe des Staates und Dritter leben können: ein System gleicher maximaler Freiheiten und Rechte. Das zweite Element lässt Ungleichheiten in der Gesellschaft nur in dem Maß zu, in dem es allen, zumal der am schlechtesten gestellten Gruppe von Personen, von Nutzen ist. Eine maximale Gleichverteilung kann also ungerecht sein: etwa dann, wenn eine Ungleichverteilung, die zum Beispiel dadurch entstehen mag, dass diejenigen, die sich besonders anstrengen, auch besser vergütet werden, allen einen Vorteil brächte, selbst denen, die dann am schlechtesten vergütet würden.

Das Argument von John Rawls kann man auch anders präsentieren: Es beruht auf der Grundidee, dass wir die Gesellschaft als eine Form der Kooperation verstehen sollten, die allen zugutekommt und deren Früchte entsprechend verteilt werden müssen. Wenn Vorteile der ohnehin schon Bessergestellten den Schlechtergestellten nicht mehr zugutekämen, dann wären die gewissermaßen nicht mehr Teil dieser Kooperation. Sie wären dann möglicherweise noch Gegenstand der Wohlfahrt, aber nicht mehr Teil des sozioökonomischen Kooperationsgefüges. Es ist also nicht so sehr der Befund wachsender Ungleichheit, sondern derjenige der Abkoppelung ganzer Bevölkerungsteile von wachsender Prosperität, der in vielen Ländern die Ungerechtigkeit der aktuellen Entwicklung ausmacht.

Dass ein Prozent der Weltbevölkerung die Hälfte des Vermögens besitzt, ist noch kein Beweis von Ungerechtigkeit. Wenn aber extreme Vermögensungleichheit dazu führt, dass einige wenige die Geschicke der Welt nach ihren Vorstellungen gestalten, während mehr als zwei Milliarden Menschen unter unwürdigen Bedingungen und einer Kaufkraft von weniger als zwei Dollar am Tag leben müssen, dann gibt es ein Gerechtigkeitsdefizit.“ (…)

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