Medienspiegel

Die Theorie hinter dem Zeitgeist der Beliebigkeit

Eine Buchbesprechung

16. Januar 2017, von Prof. Adorján Kovács

„Der Philosoph Daniel von Wachter unterschied in einem Vortrag vor drei Jahren zwischen zwei Arten von „Philosophie“: Es gebe einmal die „literarische oder existenzielle Philosophie“, die „oft dunkel, geheimnisvoll, kryptisch, quasireligiös“ sei, sich „oft unklar und unscharf ohne Definitionen“, dafür aber „mit langen Sätzen“ ausdrücke.“ (…)

„Das neue Buch des Philosophen und Soziologen Alexander Ulfig mit dem Titel „Wege aus der Beliebigkeit“ gehört glücklicherweise eindeutig zur wissenschaftlichen Philosophie. Er bietet in ihm, wie der Untertitel präzise sagt, klare „Alternativen zu Nihilismus, Postmoderne und Gender-Mainstreaming“, also auch und gerade politisch sehr einflussreiche Strömungen der Gegenwart.

Das Werk besteht aus einer Einleitung und zwölf Abhandlungen zu unterschiedlichen Themen. Offenkundig handelt es sich um eine Aufsatzsammlung und keine durchgehende Monographie, doch ist Ulfig dennoch eine Vereinheitlichung gelungen. Beim Lesen findet sich ein roter Faden und der Bezug zu den genannten Hauptthemen. Ulfig formuliert klar und auch für Laien verständlich; beispielhaft sei die erste Abhandlung vom „Mythos von der »sozialen Konstruktion«“ genauer vorgestellt.

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Ulfig bringt nach einer Übersicht über seinen Argumentationsgang seine These vor, nämlich dass es keine sozialen Konstrukte gebe, wie das die Postmoderne z. B. beim soziokulturellen Geschlecht, dem Gender, behauptet. Er definiert zunächst den Begriff der „Konstruktion“ und weist nach, dass der Begriff von den Vertretern der Gender Studies, deren zu seiner konträre Positionen Ulfig ausführlich referiert, unklar verwendet wird. Danach geht er begrifflich in die Tiefe und führt aus, dass „Konstruktion“ mit „Produkt“ verwechselt werde, d. h. wir seien zwar entgegen der Behauptung der Genderisten nicht in der Lage, unsere Identität frei zu konstruieren, sondern seien ein Produkt der Sozialisation, was uns aber keineswegs komplett determiniere. Schließlich zeigt Ulfig die Grenzen des sozialen Konstruierens (oder besser von dessen Konzeption) auf, der jeder Bezug auf die empirische Realität fehle, wodurch eine wissenschaftliche Überprüfbarkeit anhand dieser Realität unmöglich werde. Trotzdem behaupten die Vertreter der Gender Studies im Einklang mit der Postmoderne, es handle sich bei ihren Vorstellungen um Wissenschaft, was nur möglich ist, weil auch wissenschaftliche Theorien als „Konstruktionen“ und damit gleichwertig aufgefasst werden, egal ob sie überprüfbar sind oder nicht. Die Politik akzeptierte diesen Nonsens, was zur Einrichtung von Lehrstühlen für Gender Studies an den Universitäten führte. Diese dienen der Durchsetzung des politischen Programms des Gender-Mainstreamings, d. h. nicht der bislang eigentlich angestrebten universellen Gleichberechtigung gesellschaftlicher Gruppen, sondern ganz offiziell einer partikularistischen Lobbypolitik für eine bestimmte Gruppe von Frauen. Zwei weitere Kapitel schließen direkt daran an, um Klientelpolitik durch mehr innerparteiliche Demokratie zu verhindern  und eine an Qualifikation orientierte Stellenvergabe zu fordern.“ (…)

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