Medienspiegel

Die große Verlogenheit in der Türkei-Politik

Europa belügt sich im Umgang mit der Türkei selbst, das hat die Debatte bei Maybrit Illner gezeigt. Selbst eine einfache Frage wollen Konservative und Linke gar nicht erst beantworten.

17.03.2017, von Frank Lübberding

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Kommentar GB:

Die Türkei ist auf dem Weg in eine islamisch-orientalische Despotie eines Neuen Sultanats unter der AKP. Für alle, die nicht AKP-Anhänger sind, läßt das die schlimmsten Befürchtungen zu. Der Hinweis auf die Vernichtung der Armenier zur Zeit des Ersten Weltkrieges ist eine wichtige Warnung.

Was wird die okzidentale Politik tun, wenn sich ähnliches erneut anbahnt oder ereignet?

Weder der Islam noch die Türkei gehören zu Europa.

Nur in der jetzt abgeschlossenen Periode der halbmodernen kemalistischen Türkei war es möglich, eine Zugehörigkeit zu Europa zumindest in Erwägung zu ziehen, denn der Islam schien kemalistisch gebändigt zu sein.

Das ist nun vorbei.

Die USA hatten zur Zeit des Kalten Krieges ein starkes militärstrategisches und geopolitisches Interesse an der Türkei, was sich an ihrer dortigen Stationierung von Jupiter-Mittelstreckenraketen ausdrückte, die den sowjetischen Versuch der Stationierung von Mittelstreckenraketen auf Kuba nach sich zog.

Im Verlauf und im Ergebnis der Kuba-Krise verzichteten die Russen auf eine Stationierung auf Kuba, und die Amerikaner im Gegenzug und in aller Stille auf ihre – zeitlich frühere – Stationierung in der Türkei. Das rettete damals den prekären Frieden.

Die Gegenleistung für die NATO-Gefolgschaft der kemalistischen Türkei erbrachte die Bundesrepublik Deutschland, vermutlich eher unfreiwillig, durch die Öffnung für die türkische Immigration. Die NATO-Mitgliedschaft einer kemalistischen Türkei wäre geopolitisch zwar wohl auch heute noch sinnvoll oder wenigstens vertretbar, die einer islamisierten Türkei m. E. hingegen nicht.

Die NATO – Mitgliedschaft der Türkei erscheint daher heute als ein verzichtbares Relikt des Kalten Krieges.