Medienspiegel

Der Islam und die Muslime

Veröffentlicht

Hartmut Krauss

Beständige Vertauschung der Ebenen „Islam“ und „Muslime“1

[1 Auszug aus: Hartmut Krauss, „Feindbild Islamkritik. Wenn die Grenzen zur Verzerrung und Diffamierung überschritten werden. Osnabrück 2010, S. 6o-63.]

„Sowohl in der medialen Berichterstattung als auch in den Diskursen der Islamapologetik werden – ob unbewusst oder ganz bewusst zwecks gezielter Irreführung, sei hier dahingestellt – beständig die Bezugsebenen „Islam“ und Muslime“ vertauscht. Mithilfe dieses semantischen Tauschmanövers wird unterstellt, dass Kritik am Islam immer gleichzeitig bedeuten würde, sämtliche Menschen zu kritisieren, die als Kinder eines muslimischen Vaters geboren worden sind und bislang noch nicht ihren Austritt aus dem Islam erklärt haben. Tatsächlich aber bezieht sich eine kritisch-wissenschaftliche Analyse auf den Islam als ein objektives religiös-weltanschauliches System von Behauptungen, Normen, Vorschriften, Handlungsaufforderungen etc., das ein kulturspezifisches Gefüge zwischenmenschlicher Herrschaftsbeziehungen vor- und festschreibt. Die wesentlichen Manifestationsformen dieses objektiven Systems sind 1) der Koran; 2) die Sunna des Propheten Mohammed, seiner engsten Umgebung und der frühmuslimischen Gemeinde (Hadithsammlung); 3) das primär aus Koran und Sunna abgeleitete islamische Recht (Scharia) in Form von vier Rechtsschulen und 4) die dominanten Auslegungsdogmen der Religionsgelehrten in engstem Verweisungszusammenhang zu den vorgenannten Quellen1. In der konkret-historischen Praxis hat dieses objektive Bedeutungssystem die Form regionalspezifischer Ausgestaltungsvarianten angenommen und Auslegungskonflikte (zum Beispiel zwischen Sunniten und Schiiten) in sich aufgenommen, ohne in diesen modifizierten Formen seinen Grundcharakter als vormoderne Herrschaftsideologie einzubüßen. Da der Islam religiöses Glaubenssystem, gesellschaftliche Ordnungslehre, Alltagsethik, Sozialisations- und Erziehungsgrundlage in einem ist, ist er per se „politisch“, d. h. auf die umfassende soziale Regelung zwischenmenschlicher Beziehungen ausgerichtet2.

Vom Islam als einem objektiven Bedeutungssystem strikt zu unterscheiden sind dann die subjektiven Einstellungen und Verhaltensweisen konkreter Muslime. Entscheidungstheoretisch betrachtet können sich diese zum Beispiel entweder rigoros und dogmatisch („fundamentalistisch“) an die objektiven Vorgaben halten, diese nur partiell befolgen, diese ignorieren (ohne das nach außen zu zeigen), sich öffentlich distanzieren (austreten) oder aber einen subjektivistisch interpretierten „Self-Made-Islam“ kreieren, der die „gefährlichen“, „anstößigen“, „problematischen“, „unliebsamen“ Aussagen einfach voluntaristisch ausblendet und so tut, als sei dieser subjektivistisch konstruierte Islam der „eigentliche“ Islam. Aus herrschaftskritisch-wissenschaftlicher Perspektive wäre es jedenfalls verfehlt, aus Rücksicht auf vermeintlich „unpolitische Self-Made-Muslime“ bzw. unreflektierte „Mitläufer“ des Islam die Kritik an der islamischen Herrschaftskultur und ihrer strenggläubigen Protagonisten zu verwässern oder abzubremsen.

Der primäre ‚Block’, auf den sich Islamkritik bezieht, ist demnach der orthodoxe und radikal aktualisierte („islamistische“) Islam einschließlich seiner streng gläubigen Akteure. Es ist davon auszugehen, dass deren Zahl beträchtlich ist3, so dass der Hinweis auf die Existenz „moderater“ Muslime zwar beachtet werden muss, aber die Kritik weder außer Kraft zu setzen noch abzuschwächen vermag4. Vielmehr wäre zu klären, was denn nun genau unter einem „moderaten Islam“ zu verstehen ist, von dem der türkische Ministerpräsident Erdogan, eine durchaus schwerwiegende Meinungsinstanz in Bezug auf die in Deutschland befindlichen türkischstämmigen Muslime, bereits erklärt hat, dass es ihn gar nicht geben könne5. Auch dürften wohl nicht die westlichen Islamkritiker die primär zu überzeugenden Ansprechpartner für die „moderaten Muslime“ sein, sondern vielmehr die gelehrten und autoritativen Glaubensbrüder in Ägypten, Saudi-Arabien, im Iran, Pakistan und an anderen Orten. Nicht zuletzt aber ist es gänzlich verfehlt bzw. abwegig, mit Hinweis auf die Existenz diverser „Reformer“ die kritische Reflexion und Bewertung des orthodoxen Mainstream-Islam zu unterlaufen oder gar außer Kraft setzten zu wollen. Zwar mag es subjektivistische Umdeutungen und „Schönungen“ von vereinzelten Islam-Gläubigen geben, wie man sie auch gegenüber andersartigen totalitären Ideologien vornehmen kann, aber das ändert nichts am objektiv überprüf- und bewertbaren Aussage- und Regelsystem, um das es hier geht.

Darüber hinaus wird immer wieder ausgeblendet, dass gerade der Islam als offenbarungsreligiöses Behauptungssystem keine beliebige Interpretation zulässt. So gelten die auf Mohammed herabgesandten Suren des Korans als unmittelbares, ewig und überall gültiges Gotteswort. Hinterfragendes und situativ relativierendes (historisch-kritisches) Interpretieren gilt im vorherrschenden orthodox-konservativen Gesetzes-Islam als Blasphemie. Entsprechend heißt es in einem Hadith: „Die beste Rede ist das Buch Gottes. Das beste Vorbild ist das Vorbild Muhammads. Und die schlechtesten aller Dinge sind die Neuerungen, die in die Religion eingeführt werden. Und was versprochen wurde wird eintreten – ihr könnt euch dem nicht entziehen“ (al-Buhari 1991, S. 485).

Auch im Koran selbst werden eigenmächtige Textauslegung sowie Neuerungen in Brauch und Gesetz kategorisch ausgeschlossen und damit das normative Gesamtgefüge des Islam gegenüber „Reformen“ grundsätzlich versiegelt.

Zudem muss bezweifelt werden, ob die Neuauslegung von grundrechtswidrigen bzw. antimenschenrechtlichen Aussagen, Normen, Vorschriften etc. am Wesen dieser Aussagen etc. etwas grundsätzlich zu ändern vermag, wenn sie nicht gänzlich deren Bedeutungsgehalt verkehren will. In diesem Fall wäre dann aber nicht eine Neuinterpretation, sondern eine Außerkraftsetzung angebracht. Welche Aussicht auf mehrheitliche Anerkennung oder Durchsetzbarkeit hätte aber eine solche Neuinterpretation oder Außerkraftsetzung?

Vor diesem Hintergrund ist die Zahl von „Reformern“ in der islamischen Herrschaftssphäre relativ klein. Dasselbe gilt für ihren Anhang und ihre muslimische Leserschaft. D. h. die relativ kleine Schar von unrepräsentativen Reformern ist innerhalb der Umma weitestgehend isoliert und lebt im Grunde von den taktischen Inszenierungen und Ablenkungsmanövern westlicher Islamapologeten.

1 „Nach dem Zerfall des arabo-islamischen Reiches im 13. Jahrhundert“, so Tibi (1991, S. 54), „sind bis zum 19. Jahrhundert keine bedeutenden Koran-Kommentare mehr entstanden.“

2 Als Vorbild für diesen ganzheitlichen Geltungsanspruch ist die Gründung und gesetzliche Regulierung der medinesischen Sozialordnung durch den Propheten Mohammed anzusehen. „In Medina war der Islam jedenfalls nicht nur der Glaube an Gott, er wurde vielmehr auch zur Grundlage eines neuen Rechtssystems und eines arabischen Staates. Alle Regeln und Pflichten dazu wurden während des Aufenthalts des Propheten in Medina in den letzten Jahren seines Prophetendaseins festgelegt“ (Dashti 1997, S. 135). Vgl. auch Nagel 2008.

3 Betrachten wir hierzu ein paar empirische Daten: Bei einer repräsentativen Meinungsumfrage unter 1.003 britischen Muslimen waren 36 Prozent der 16-24-Jährigen der Meinung, dass Muslime, die sich einem anderen Glauben zuwenden, getötet werden sollten. 37 Prozent wollen lieber unter der Scharia als unter dem Common Law leben (vgl. Lau 2007, S. 781).

Die vom Bundesinnenministerium herausgegebene Studie „Muslime in Deutschland“ (2007) klassifiziert die Befragten in folgende vier Gruppen: 1. „Fundamental orientierte“ Muslime: 40,6%. 2. „Orthodox-religiöse“ Muslime: 21,7%. 3. „Traditionell-konservative“ Muslime: 21,7%. 4. „Gering religiöse“ Muslime 18,8%.

Der Aussage „Der Islam ist die einzig wahre Religion“ stimmten 65,6% „völlig“ (53,4%) oder „eher“ (12,2%) zu. 45% sind der Meinung, „Nur der Islam ist in der Lage, die Probleme unserer Zeit zu lösen“ und 50,6% sind der Überzeugung „Auf lange Sicht wird sich der Islam in der ganzen Welt durchsetzen“. Der Aussage „Die Befolgung der Gebote meiner Religion ist für mich wichtiger als Demokratie“ stimmen 46,7% zu. Laut der Studie „Integration in Österreich“(Bundesministerium für Inneres der Republik Österreich, GfK Austria GmbH) gaben 72% der befragten türkisch-muslimischen Zuwanderer an, „dass die Befolgung der Gebote ihrer Religion für sie wichtiger ist als die Demokratie“ (S. 45). 90% meinen, der Staat solle Fernsehen und Zeitungen kontrollieren, um Moral und Ordnung sicherzustellen.

In einer Vergleichsstudie zur Wertewelt der Deutschen, Deutsch-Türken (Türken in Deutschland/TiD) und Türken (Erste internationale Studie zur Wertewelt der Deutschen, Deutsch-Türken und Türken 2009) wird festgestellt, dass 20% der Deutschen, 79% der Deutsch-Türken und 93% der Türken an die Hölle glauben. An die Evolutionslehre nach Darwin glauben 61% der Deutschen, aber nur 27% der Deutsch-Türken und 22% der Türken. Dort wird auch festgestellt: „Die religiöse Toleranz findet insgesamt ihr Ende, wenn es um ein mögliches Einheiraten in die eigene Familie geht: 28% der Deutschen fänden es unangenehm, wenn ein gläubiger Moslem in ihre Familie einheiraten würde. Dagegen fänden es 49% der TiD und 63% der Türken unangenehm, einen gläubigen Christen in die Familie aufnehmen zu müssen. Noch schlimmer wäre ein gläubiger Jude (Ablehnung bei 48% der TiD und 72% der Türken), der Gipfel wäre jedoch ein bekennender Atheist (Ablehnung von 69% der TiD und 87% der Türken).“

4 Was das Kräfteverhältnis zwischen radikalen und moderaten Kräften des Islam betrifft, dürfte folgende Einschätzung zutreffend sein: „Die radikalislamischen Ansätze mit ihren vereinfachenden, aber sehr konkreten, politischen Forderungen und Lösungsvorschlägen stossen auf ein ungleich größeres Echo in der Bevölkerung als die mit philosophischen, soziologischen und sprachanalytischen Konzepten durchsetzten Gedankengänge der Intellektuellen. Viele Intellektuelle und Dissidenten werden gelegentlich sogar verdächtigt, ganz bewusst für ein westliches Publikum zu schreiben, da ihre kritischen Bemerkungen im Westen verschiedentlich Anlass geben für umfangreiche Buchpublikationen“ (Wick 2009, S. 107).

5 Auch der Botschaftsrat und Vorsitzende der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB), Sadi Arslan, hatte in einem Gespräch mit der HÜRRIYET einen „Euro-Islam“ strikt abgelehnt. „Die Quellen des Islams sind der Koran und die Sunna des Propheten“, sagte Arslan. http://www.migazin.de/2010/02/02/turkische-presse-europa-31-01-und-01-02-2010-assimilation-moscheekontrollen-euro-islam-imamausbildung/all/1/