Medienspiegel

Identitätspolitik

In der Sackgasse

Kolumne: Schöne Aussicht. Die Ereignisse in Charlottesville zeigen: Politik wird immer stärker von Identitätsgruppen dominiert. Denen geht es nicht um Verständigung, sondern um die Bekämpfung der „Anderen“. Das ist antipolitisch und spalterisch.

Wir sollten lieber über Inhalte streiten.

http://cicero.de/kultur/identitaetspolitik-in-der-sackgasse

und

Nachteile einer Identitätspolitik

Thesen zur säkular-demokratischen „Leitkultur“1 für die europäischen Gesellschaften

http://www.gam-online.de/text-thesen.html

Hartmut Krauss

Was ist kritisch-emanzipatorischer Humanismus? (1)

„Seit dem Ende des Kalten Krieges und der dadurch bedingten Auflösung des bipolaren Blockdenkens ist ein vielgestaltiges und mehrdimensionales Wiederaufleben religiöser Bewegungen zu konstatieren. Dieser Vorgang zeigte sich sowohl in der kulturübergreifenden Ausbreitung fundamentalistischer Bewegungen und der Zunahme religiös motivierter (Gewalt-)Akteure (vgl. z. B. Riesebrodt 2000, Krauss 2003, Kippenberg 2008, Juergensmeyer 2009) als auch in der verstärkten Präsenz religiöser Kräfte in der medialen Öffentlichkeit. Von herausragender Bedeutung war hier zweifellos die Herausbildung des global wirksamen militanten Islamismus. Auch die abscheulichen Terroranschläge in Norwegen, begangen von einem psychopathischen Einzeltäter mit einem verworrenen rechtsradikalen Gedankenhintergrund, können den Tatbestand nicht verdrängen, dass islamisch motivierte Akteure im Rahmen der weltweiten religiösen Gewaltagenda absolut dominieren.
Generell ist festzustellen, dass die „Rückkehr der Religionen“ offenkundig nicht mit einer Zunahme von Massenspiritualität, Moralexpansion und andächtiger Gottesschau verbunden ist, sondern sich vielmehr in einem Anstieg religiös motivierter und legitimierter Gewaltausübung manifestiert. Insbesondere in Gestalt der Konfrontation der islamischen Herrschaftskultur mit der westlich-abendländisch generierten ‚Moderne’ ist ‚Religion’ zu einem relevanten Faktor der postrealsozialistischen Weltpolitik geworden (Röhrich 2004).

In Europa, wo kulturintern bestimmte Säkularisierungsprozesse innerhalb der schrumpfenden einheimischen Bevölkerungen ungebrochen fortwirken und durch die aufgedeckten Missbrauchsfälle insbesondere in christlichen Erziehungseinrichtungen noch verstärkt werden, wird der öffentliche Religionsdiskurs vor allem durch die leidenschaftlichen Auseinandersetzungen um den Islam überformt (vgl. hierzu Krauss 2010). Dabei gilt es festzuhalten, dass der Islam primär ein einwanderungsbedingter Kulturimport ist, der seinerseits einer phasenspezifischen Interessenlage des Großkapitals entsprang. Was nun die aktuelle islambezogene Debattenlage betrifft, so spielt der Umstand eine zentrale Rolle, dass die kulturhistorische und politisch-rechtliche Determination, die das Christentum durch den aufklärungsbestimmten Übergangsprozess von der vormodernen Feudalgesellschaft zur modernen bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft ertragen und verarbeiten musste, „unter der Hand“ auf den Islam als „ungebrochen“-vormoderne ‚Religion’ übertragen wird. Hinzu kommt, dass die für Deutschland typische „staatkirchenrechtliche“ Tradition einer unvollendeten Trennung von Religion und Staat/Politik und die damit gesetzte Privilegierung religiöser gegenüber nichtreligiösen Weltanschauungen sich immer wieder nachteilig auf eine wissenschaftlich-analytisch angemessene Religionsbetrachtung auswirkt. D. h.: Die aus herrschaftsstrukturellen Gründen in Deutschland erfolgte ‚restaurative’ Abwehr, Abschwächung und Zurückdrängung der religionskritischen Wucht der französischen Aufklärung erschwert bis heute eine öffentlichkeitswirksame kritische Reflexion des Religiösen und hat zur Etablierung eines umfassenden ideologischen Abwehrsystems geführt, dass sich gegenwärtig sehr vorteilhaft und begünstigend für die Protagonisten einer schleichenden Islamisierung auswirkt.
Als wesentliche Knotenpunkte dieses Abwehrsystems sind folgende, immer wieder vorgetragene Behauptungen/Postulate anzuführen:
1) Die Hervorkehrung des Religiösen als exklusive und unersetzbare Moralinstanz.
2) Die Hervorkehrung der spirituellen und kultischen (rituellen) Dimensionen des Religiösen.
3) Die Reduktion des Religiösen auf ‚Religiosität’ (als subjektivierte bzw. individuell verinnerlichte Form religiöser Weltanschauung).
4) Die Postulierung einer intersubjektiv-rational nicht überprüfbaren spezifisch-religiösen Erfahrungsebene; und insbesondere
5) Die Verleugnung oder Bagatellisierung eines weltlich-diesseitsbezogenen Herrschaftsstrebens religiöser Akteure in Form des Aufstellens von Gesetzestafeln in Verbindung mit dem Anspruch auf absolute (göttlich legitimierte) Deutungs- und Normierungsmacht.

Angesichts dieser Entwicklungstendenzen und gravierenden Herausforderungen ist es unabdingbar, die Konturen eines situationsgerechten kritisch-humanistischen Überzeugungsprofils zu schärfen bzw. neu zu justieren und darauf eine anforderungsadäquate Praxis zu gründen.“ (…)

http://www.gam-online.de/text-emanzip-human.html#wiederum