Medienspiegel

Vierzig Thesen

Islamwissenschafter will Religion reformieren
Eine humanistische Reform des Islam fordert Abdel-Hakim Ourghi mit seiner symbolträchtigen Geste. Sie enthält Zündstoff: Der Widerstand von konservativer Seite ist gross.
Beat Stauffer 6.11.2017

https://www.nzz.ch/feuilleton/vierzig-thesen-am-tor-der-moschee-ld.1326407

Kommentar GB:

Abdel-Hakim Ourghi zählt nach Ansicht von H. Krauss zu den äußerst seltenen Akteuren in diesem Feld, denen weder gute Absichten noch Ehrlichkeit abgesprochen werden können. Das ist zwar wichtig, aber wichtiger noch ist die Frage, ob und wie solche – sehr peripheren – Reformabsichten objektiv wirken. Hierzu schreibt

Hartmut Krauss

Woran ich nicht glaube:  Anmerkungen zum Tranquilizer-Islam

Was wir uns verdeutlichen müssen, ist Folgendes:

Die islamische Herrschaftskultur ist ein arbeitsteilig organisiertes und auf langfristige erweiterte Reproduktion und Machtausdehnung ausgerichtetes Gesamtsystem. Im Rahmen dieses durchaus nicht von Binnenkonflikten freien Systems wirken objektiv unterschiedliche Funktionsabteilungen. Reguliert und zusammengehalten wird dieses herrschaftskulturelle System durch das übergreifende Ensemble islamischer Behauptungen, Normen, Vorschriften, Aufrufe, Feindbilder etc. gemäß der Quellentexte.

Bei näherer Betrachtung lassen sich zum Beispiel folgende Funktionseinheiten unterscheiden:

  1. Militante Djihadgruppen einschließlich ideologischer, finanzieller und logistischer Unterstützergruppen innerhalb der teilsystemischen Djihadabteilung (Abteilung des Schreckens)
  2. Staatliche islamische Herrschaftssysteme (Saudi-Arabien, Iran, Türkei etc.)
  3. Supranationale Organisationen wie die OIC u.a.
  4. Unterschiedliche multistrategische Muslimverbände in nichtislamischen Zuwanderungsländern; darunter neuerdings vermehrt „liberale Muslime“ als Spezialgruppen zwecks Irreführung (Täuschung) und süßholzraspelnder „Einlullung“ der ungläubigen Mehrheitsgesellschaft. (Abteilung des sich Einschmeichelns)
  5. Orthodox-islamische Milieus in den westlichen Zuwanderungsgesellschaften

In dem Maße nun, wie der Schein des „friedliebenden und toleranten Islam“ (der im medialen Diskurs einzig erlaubte „Islam im Singular“) aufgrund der konkret-empirischen Gewaltagenda im Namen Allahs zunehmend bröckelt und apologetische Standardlegenden immer unglaubwürdiger werden, muss notwendigerweise die Abteilung der gezielten Täuschung verstärkt mobilisiert und ausgebaut werden. Ein Ausdruck hierfür ist der Aufbau einer Kulisse „liberaler Muslimverbände“ in Deutschland:

Liberal-Islamischer-Bund (LIB) (300 Mitglieder)

Muslimisches Forum Deutschland (MFD)

Verband Demokratisch-Europäischer Muslime

Diese Organisationen/Splittergruppen dienen primär dem Versuch, islamkritische Positionen zurückzudrängen und die unruhig gewordene Bevölkerung mit Hilfe dieser „liberal-muslimischen“ Kulisse wieder ein Stück weit zu beruhigen als dass sie einen realen Einfluss auf die überwiegende Mehrheit der islamischen Community ausüben würden oder ausüben könnten oder gar zur Mäßigung und Eindämmung der radikalen Akteure beitragen.

Dieser Tranquilizer-Islam will uns weismachen, dass der militant-aggressive Islam eine Fälschung bzw. ein Missbrauch sei. Genau das Gegenteil ist der Fall: Der IS und die anderen Gruppen der islamischen Glaubenskrieger folgen strikt dem Modell Mohammed: Eroberung von fremden Hoheitsgebieten; grausame Tötung und Versklavung von „Ungläubigen“; Ausrufung eines Kalifats; Errichtung einer Schreckensherrschaft; Eintreibung von Steuern; Lösegeldforderungen für die Freilassung von Geiseln etc. Nichts davon ist wirklich neu, nichts davon ist außergewöhnlich oder überraschend, alles liegt im Rahmen der überkommenen islamischen Matrix.

Demgegenüber ist aus kritisch-wissenschaftlicher Perspektive der subjektivistische „Self-Made-Islam der „liberalen Muslime“, der die „gefährlichen“, „anstößigen“, „problematischen“, „unliebsamen“ Aussagen einfach voluntaristisch ausblendet und so tut, als sei dieser willkürlich erdichtete Islam der „eigentliche“ Islam das tatsächliche Fake-Konstrukt.

Insgesamt betrachtet entspricht dem islamischen Streben nach universeller Herrschaft ein differenziertes strategisches Vorgehen, das konkrete Kräfteverhältnisse zu berücksichtigen weiß. Seine Grundmaxime lautet: Verpflichtung zum Kampf mit offenem Visier bei eigener Stärke und fremder Schwäche; Unterlassung des offenen Kampfes bei eigener Schwäche und fremder Stärke. Angesichts einer Machtkonstellation, wo die Kräfte der Ungläubigen überwiegen, was beispielsweise für die Situation immigrierter Muslime in einem nichtislamischen Einwanderungsland (noch) zutrifft, wird das Prinzip der Taqiyya empfohlen, d.h. die islamrechtliche Erlaubnis, bei ungünstigen Kräfteverhältnissen und widrigen Handlungsbedingungen den eigenen Glauben und die aus ihm hervorgehenden Absichten zu verbergen.

Als konkrete Verhaltensform tritt Taqiyya nicht zuletzt in Gestalt heuchlerischer Anpassung an die nichtislamische Umgebung bei gleichzeitiger Verschleierung der eigenen Absichten in Erscheinung. Das gilt insbesondere für die doppelbödige Praxis der dazu eigens geschulten islamischen Verbandsfunktionäre in Deutschland. Was über diese bereits vor längerer Zeit gesagt wurde, gilt nach wie vor in zugespitzter Weise auch für nichttürkische Muslime: „Gegenüber Deutschen und in deutscher Sprache betont man unablässig, auf dem Boden des Grundgesetzes zu stehen und den Dialog zu wollen. Gegenüber Türken und in türkischer Sprache überwiegen Hetzparolen gegen die deutsche Demokratie, den Pluralismus und die angeblich ‚sittlich verrottete‘ deutsche Gesellschaft‘“ (Hildegard Becker, zit. n. Spuler-Stegemann 2002, S. 55).

Zum Standardrepertoire dieser Mischform aus Halbwahrheiten, Lügen und Irreführungen gehören heute im Westen insbesondere die folgenden korrespondierenden Behauptungen, die von den Massenmedien begierig aufgesaugt und multipliziert, aber zunehmend nicht mehr „geglaubt“ werden:

  1. Der Koran und die Hadithe sind subjektiv völlig willkürlich auslegbar.
  2. Den Islam gibt es angeblich nicht, es gibt nur subjektiv willkürlich und beliebig konstruierte Islame.
  3. Nicht die orthodoxen und radikalen Muslime, sondern die Vertreter des „moderaten Islam“ sind in der Mehrheit.
  4. Deshalb muss jede Form grundsätzlicher Islamkritik unterdrückt oder zumindest zurückgedrängt werden, um das halluzinierte Werk der moderaten Muslime nicht zu stören.
  5. Wer den Islam grundsätzlich kritisiert, spielt den radikalen Kräften in die Hände.

De facto aber verhält es sich auch in diesem Fall genau umgekehrt: Wer – zumeist im Gewand des oberklug daherkommenden Beschwichtigungsstrategen – dazu aufruft, den Islam und seine objektiven Grundlagen nicht grundsätzlich zu kritisieren, spielt durch Schwächung der geistig-moralischen und praktisch-politischen Abwehrkräfte unmittelbar der islamischen Einschüchterungs- und Expansionsstrategie in die Hände.

Woran wir deshalb „glauben“ und entsprechend handeln sollten, sind nicht diese vielfältig verbreiteten islamapologetischen Legenden, sondern folgende gesellschaftspolitische Orientierung: Säkularisierung vollenden, Islamisierung beenden.

Das wäre doch mal ein Motto für eine ARD-Themenwoche…

16.06.2017  –  Quelle:

http://www.hintergrund-verlag.de/texte-islam-hartmut-krauss-woran-ich-nicht-glaube-anmerkungen-zum-tranquilizer-islam.html

und

Hartmut Krauss

Zur Frage der Auslegbarkeit und Reformierbarkeit des Islam

Der Verweis auf Gewalt legitimierende, Ungläubige herabsetzende und diffamierende, Herrschaft beanspruchende, die Ungleichstellung der Geschlechter festlegende Suren des Korans wird von den diversen Fraktionen der Islamapologetik immer wieder reflexartig mit der Standardaussage abgewehrt, die entsprechenden Koranzitate seien aus dem konkret-historischen Kontext gerissen worden und dürften gar nicht wortwörtlich ernst genommen werden. Damit wird aber tatsachenwidrig unterstellt, dass der orthodox-konservative Mainstream-Islam ein Verfechter und Anwender der historisch-kritischen Methode der Koraninterpretation sei. Genau das Gegenteil aber ist der Fall: Die auf Mohammed herabgesandten Suren des Korans gelten als unmittelbares, ewig und überall gültiges Gotteswort. Hinterfragendes und situativ relativierendes Interpretieren gilt im vorherrschenden orthodox-konservativen Gesetzes-Islam als Blasphemie. Entsprechend heißt es in einem Hadith:

Die beste Rede ist das Buch Gottes. Das beste Vorbild ist das Vorbild Muhammads. Und die schlechtesten aller Dinge sind Neuerungen, die in die Religion eingeführt werden. Und was versprochen wurde wird eintreten – ihr könnt euch dem nicht entziehen “ (al-Buhari 1991, S. 485).

Auch im Koran selbst werden bereits eigenmächtige Textauslegung sowie Neuerungen in Brauch und Gesetz kategorisch ausgeschlossen und damit das normative Gesamtgefüge des Islam „versiegelt“:

Sure 6, 115: „Und vollkommen ist das Wort deines Herrn in Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit. Niemand vermag seine Worte zu ändern; und er ist der Hörende, der Wissende“ (Rudolph, Werner).

Sure 10, 15: „Und wenn ihnen (d.h. den Ungläubigen) unsere Verse (w. Zeichen) als klare Beweise verlesen werden, sagen diejenigen, die nicht damit rechnen, uns (am Tag des Gerichts) zu begegnen: ‚Bring uns einen Koran, der anders ist als dieser (den du eben vorgetragen hast), oder ändere ihn ab (w. tausche ihn (gegen etwas anderes) aus)!’ Sag: Ich darf ihn nicht von mir aus abändern. Ich folge nur dem, was mir (als Offenbarung) eingegeben wird. Wenn ich gegen meinen Herrn widerspenstig bin, habe ich die Strafe eines gewaltigen Tages zu fürchten.“ (Der Koran, Paret)

Sure 33, 60-62: „Wahrlich, wenn die Heuchler und diejenigen, in deren Herzen Krankheit ist, und die Aufwiegler in Medina nicht aufhören, so werden wir dich gegen sie anspornen. Alsdann sollen sie nicht darinnen als Deine Nachbarn wohnen, es sei denn nur für kurze Zeit. Verflucht, wo immer sie gefunden werden, sollen sie ergriffen und niedergemetzelt werden. Das war Allahs Brauch mit denen, die zuvor hingingen, und nimmer findest Du in Allahs Brauch einen Wandel“ (Rudolph, Werner).

Grundsätzlich gilt also, dass jede Neuerung (bid’a), die nicht im Einklang mit dem Koran und der Sunna steht und eine Veränderung des orthodox-dogmatischen Lehrgebäudes bewirken könnte, als grundsätzlich verwerflich gilt und als Ketzerei gewertet wird1. Diesen Tatbestand zu leugnen oder zu vertuschen stellt ein ebenso simples wie untaugliches Betrugsmanöver dar.

Was die rechtlichen Aussagen des Korans betrifft, so gibt es nach Ansicht der islamischen Rechtsgelehrten solche, die verschieden interpretiert werden können und solche, die keiner Interpretation zugänglich sind. Von welcher Qualität und Bandbreite die Zulässigkeit von Interpretationen ist, zeigt das folgende von Heine (2007, S.186) angeführte Beispiel: So heißt es in Sure 5, 38: „’Und hackt dem Dieb oder der Diebin die Hände ab zur Vergeltung für das, was sie erworben haben; dies als abschreckende Strafe vonseiten Gottes …’, (hier, H.K.) bleibt offen, ob es sich um die linke oder die rechte Hand handelt, ob sie an der Handwurzel, am Ellenbogen oder gar an der Schulter amputiert werden soll. In solchen Fällen dürfen Rechtsgelehrte das Heilige Buch auslegen.“

Entscheidend für die gesamthistorische Beurteilung der islamischen Herrschaftskultur ist vor diesem Hintergrund der Tatbestand, dass der konservativ-traditionalistische Gesetzes-Islam und sein konzeptioneller Träger, die orthodoxen Gelehrten des islamischen Rechts, gegenüber den unterschiedlichen Varianten des heterodoxen Islam (Mutaziliten, Sufismus, islamischer Rationalismus) die Oberhand behielten: So wurden die Ansätze einer rationalen Philosophie infolge der Übersetzung griechischer (insbesondere aristotelischer) Schriften systematisch zurückgedrängt und zur Häresie erklärt sowie im Einklang damit die ra’y, die persönliche Ratio, aus dem System der Rechtsfindung und seinen Grundlagen ausgeschlossen. Verbindliche Richtlinie wurde somit al-Marwadis (974-1058) Grundsatz „auf der Basis des göttlichen Gesetzes, nicht der Vernunft“. Demgemäß sind nur die in Koran und Sunna offenbarten göttlichen Bestimmungen und Gesetze vollkommen, währenddessen Neuerungen als illegitime Veränderungen des Geoffenbarten (bida) angesehen und als Ketzerei bzw. Gotteslästerung verdammt werden. Auch hier kann die hegemoniale Orthodoxie wieder – gegen jede „reformislamische“ Versuchung – nahtlos an die Überlieferungen Mohammeds anknüpfen, denn nach folgenden Hadithen soll der Prophet gesagt haben:

Den Koran zu lesen und nicht über ihn zu disputieren, ist Wissen. Wahrlich, die Völker vor euch gingen zugrunde wegen ihrer Streitigkeiten über die (sc. heiligen) Schriften.“

Jene, die den Irrtum suchen, beschäftigen sich mit den Gleichnissen, bestrebt, Uneinigkeit zu schaffen, indem sie versuchen, diese zu erklären.“

Diejenigen aber, die rechtgeleitet sind, sagen: ‚Wir bezeugen unseren Glauben an alles, was von unserem Herrn kommt’“.

Ins Verderben gingen jene, die Haarspalterei trieben.“ (zit. n. Gopal 2004, S. 307).

Auf diese Weise wirkte der vorherrschende orthodoxe Gesetzes-Islam als massive Blockade der Erkenntnisgewinnung und Wissensaneignung. Außerhalb der orthodox-islamischen Weltanschauung durfte keine Wahrheit zugelassen werden; rationale Einsichten, Problemlösungen, Neuerungen etc. sind nur dann legitim, wenn sie mit Koran, Sunna und Scharia in Einklang zu bringen sind. Zusammenfassend heißt es z. B. in al- As ‘aris (gest. ca. 936) Schilderung der Summe der Ansichten der Anhänger der Tradition und der Sunna: „Was Gott will, ist geschehen, und was er nicht will, wird nicht geschehen. Sie (also die besagten Anhänger, H. K.) behaupten, daß niemand das Vermögen zu einer Handlung hat, bevor er sie (von Gott dazu befähigt) ausführt, oder daß er vermöchte, sich Gottes Wissen zu entziehen oder etwas zu tun, wovon Gott weiß, daß er es nicht tun wird. Und sie bekennen, daß es keinen Schöpfer gibt außer Gott, daß Gott es ist, der auch die Schlechtigkeiten der Menschen erschafft, daß es Gott der Erhabene ist, der die Taten der Menschen erschafft und daß die Menschen nichts schaffen können“ (zit. n. Endreß 1991, S. 65).

Generell muss bezweifelt werden, ob die Neuauslegung von grundrechtswidrigen bzw. antimenschenrechtlichen Aussagen, Normen, Vorschriften etc. am Wesen dieser Aussagen etc. etwas grundsätzlich zu ändern vermag, wenn sie nicht gänzlich deren Bedeutungsgehalt verkehren will. In diesem Fall wäre dann aber nicht eine Neuinterpretation, sondern eine Außerkraftsetzung angebracht. Welche Aussicht auf mehrheitliche Anerkennung oder Durchsetzbarkeit hätte aber eine solche Neuinterpretation oder Außerkraftsetzung? Und: Würden alle grund- und menschenrechtswidrigen, Aussagen, Bestimmungen, Anweisungen, Normen etc. des orthodoxen Islam außer Kraft gesetzt – handelte es sich dann überhaupt noch um „Islam“ bzw. gibt es einen „Islam ohne Scharia“?

Vor diesem Hintergrund ist die Zahl von „Reformern“ in der islamischen Herrschaftssphäre relativ klein. Dasselbe gilt für ihren Anhang und ihre muslimische Leserschaft. D. h. die relativ kleine Schar von unrepräsentativen Reformern ist innerhalb der Umma weitestgehend isoliert und lebt im Grunde von den taktischen Inszenierungen und Ablenkungsmanövern westlicher Islamapologeten.

Zu bedenken ist auch der folgende Hinweise: „Viele islamische Reformer, die westliche Einrichtungen übernehmen wollten, gaben vor, dafür islamische Vorbilder zu haben, um ihrem eigenen Volk diese Fremdeinflüsse schmackhafter zu machen. Diese Taktik hat zu intellektueller Verlogenheit geführt und das Problem keineswegs gelöst: ‚Der wahre Islam betrachtet die Frauen als gleichberechtigt’, ‚Der wahre Islam ist demokratisch’ usw. Das wirkliche Problem, ob die shari’a überhaupt noch akzeptabel ist, wird dadurch nicht einmal berührt“ (Warraq 2004, S.262f.).

Die Behauptung einer hermeneutischen Kontingenz und gewissermaßen ‚unendlichen’ Auslegbarkeit und Plastizität des Islam im Sinne einer Gummizaun-Ideologie hat sich erst als apologetische Ablenkungs- und Verwirrreaktion auf die westliche, kritisch-rationale Islamkritik herausgebildet. Mit dieser „hinterlistige(n) Philosophie des Verdrehens der Bestimmungen der Scharia, bis hin zur Gleichberechtigung der Frau“ (Arsel 2012, S. 74), hat sich, fernab von wissenschaftlichen Argumentations- und Belegstandards, eine „Disziplin“ etabliert, die immer wieder im Rahmen hektisch-oberflächlicher, unsystematischer und subtil manipulierter Talkshow-Diskussionen und in islamophilen Feuilletons zur Anwendung gelangt. So lautete der letzte Schrei dieser subjektivistischen Verleugnungsstrategie in Form einer einfachen Verkehrung ins Gegenteil schlicht und einfach „Islam heißt Liebe und nicht Scharia“ und „Islam ist Barmherzigkeit“2. Allerdings haben diese autistischen Umdeutungsversuche keine ernsthafte Chance auf nennenswerte Akzeptanz innerhalb der erdrückenden Mehrheit der islamischen Glaubensgemeinschaft und stoßen dementsprechend auch auf sofortige Ablehnung3.

1 Den dogmatischen Hintergrund für diese Neuerungsfeindlichkeit bildet vermutlich auch der folgende Umstand. Als Gott den Teufel dereinst verfluchte, habe dieser geantwortet: „und ich will sie (deine Diener, H.K.) irreführen und (nichtige) Wünsche in ihnen wecken und ihnen befehlen, den (geweihten?) Herdentieren die Ohren abzuschneiden (oder: einzuschlitzen) und die Schöpfung Gottes zu verändern“ (Sure 4, Vers 119). (Paret)

3 http://dawa-news.net/2012/10/12/die-liebesphilosophie-des-mouhanad-khorchide-teil-12/comment-page-1/