Medienspiegel

Warum man Ourghis 40 Thesen zum Reformislam nicht ernst nehmen kann

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Veröffentlicht: 27/11/2017

„In der aktuellen Islam-Debatte wird stark polarisiert zwischen denjenigen, die sich selbst als liberale „Reformer“ sehen und anderen Muslimen, denen allzu schnell der Stempel der konservativen bis fundamentalistischen „Hard-Liner“ aufgedrückt wird.

Dabei gibt es durchaus gute Gründe seitens „normaler“ Muslime etwa den „40 Thesen“ von Abdel-Hakim Ourghi zu einer „Reform des Islam“ kritisch gegenüberzustehen.

Denn abgesehen von tatsächlich notwendigen Reformen und berechtigter Kritik an Missständen werden hier Thesen genannt, die von den meisten gläubigen Muslimen unterschiedlichster Couleur nicht ernst genommen werden können, weil sie schlichtweg aus der islamischen Glaubenslehre hinausführen.“ (…)

http://www.huffingtonpost.de/joerg-imran-schroeter/10-thesen-reformislam_b_18660548.html?utm_hp_ref=germany#

Kommentar Hartmut Krauss:

„Makaberer Streit zwischen „Reform-Muslimen“

Zitat aus dem angegebenen Text der huffingtonpost:

„Zu wissenschaftlich unhaltbaren Thesen gehört auch die Behauptung: „Jede Muslimin und jeder Muslim hat die Freiheit, den Koran so zu interpretieren, wie sie oder er will.“ (S. 49). Das ist eben nicht so, und wäre auch nicht wünschenswert! (in der Tat!! H.K.)

Gerade die „aufgeklärten“ und „reformerischen“ islamischen Theologen bemühen sich weltweit der „freien“ und damit willkürlichen Koranauslegung entgegenzutreten.

Gegen eine methodenlose „Bruchsteinexegese“ der Extremisten muss eine vernünftige Koranhermeneutik die Verse aus der Offenbarung in ihren historischen Offenbarungskontext einbetten und damit auch mögliche Grenzen ihres Geltungsanspruchs deutlich machen.

(Aber auch das ist Unsinn. Denn „Allahs Wort“ bedarf keiner (gotteslästerlichen) „Auslegung“ bzw. „Hermeneutik“! Wäre es anders, würde nämlich seine „Allweisheit“, nämlich sich unabhängig von Raum und Zeit absolut gültig zu äußern,  negiert. H.K.)

Der auch hier zum Ausdruck gebrachte Streit um die Grenzen und die Reichweite von „Auslegung“/Hermeneutik bezüglich irrationaler Setzungen verdeutlicht ja gerade in wissenschaftlicher Perspektive den buchstäblichen Irrsinn von Theologie, religiöser Hermeneutik „Islamwissenschaft“ etc.

Zudem (Siehe auch Anhang) :

„Die beste Rede ist das Buch Gottes. Das beste Vorbild ist das Vorbild Muhammads. Und die schlechtesten aller Dinge sind Neuerungen, die in die Religion eingeführt werden. Und was versprochen wurde wird eintreten – ihr könnt euch dem nicht entziehen “ (al-Buhari 1991, S. 485).

Auch im Koran selbst werden bereits eigenmächtige Textauslegung sowie Neuerungen in Brauch und Gesetz kategorisch ausgeschlossen und damit das normative Gesamtgefüge des Islam „versiegelt“:

Sure 6, 115: „Und vollkommen ist das Wort deines Herrn in Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit. Niemand vermag seine Worte zu ändern; und er ist der Hörende, der Wissende“ (Rudolph, Werner).

Sure 10, 15: „Und wenn ihnen (d.h. den Ungläubigen) unsere Verse (w. Zeichen) als klare Beweise verlesen werden, sagen diejenigen, die nicht damit rechnen, uns (am Tag des Gerichts) zu begegnen: ‚Bring uns einen Koran, der anders ist als dieser (den du eben vorgetragen hast), oder ändere ihn ab (w. tausche ihn (gegen etwas anderes) aus)!’ Sag: Ich darf ihn nicht von mir aus abändern. Ich folge nur dem, was mir (als Offenbarung) eingegeben wird. Wenn ich gegen meinen Herrn widerspenstig bin, habe ich die Strafe eines gewaltigen Tages zu fürchten.“ (Der Koran, Paret) „

Anhang

Hartmut Krauss

Zur Frage der Auslegbarkeit und Reformierbarkeit des Islam

Der Verweis auf Gewalt legitimierende, Ungläubige herabsetzende und diffamierende, Herrschaft beanspruchende, die Ungleichstellung der Geschlechter festlegende Suren des Korans wird von den diversen Fraktionen der Islamapologetik immer wieder reflexartig mit der Standardaussage abgewehrt, die entsprechenden Koranzitate seien aus dem konkret-historischen Kontext gerissen worden und dürften gar nicht wortwörtlich ernst genommen werden. Damit wird aber tatsachenwidrig unterstellt, dass der orthodox-konservative Mainstream-Islam ein Verfechter und Anwender der historisch-kritischen Methode der Koraninterpretation sei. Genau das Gegenteil aber ist der Fall: Die auf Mohammed herabgesandten Suren des Korans gelten als unmittelbares, ewig und überall gültiges Gotteswort. Hinterfragendes und situativ relativierendes Interpretieren gilt im vorherrschenden orthodox-konservativen Gesetzes-Islam als Blasphemie. Entsprechend heißt es in einem Hadith:

Die beste Rede ist das Buch Gottes. Das beste Vorbild ist das Vorbild Muhammads. Und die schlechtesten aller Dinge sind Neuerungen, die in die Religion eingeführt werden. Und was versprochen wurde wird eintreten – ihr könnt euch dem nicht entziehen “ (al-Buhari 1991, S. 485).

Auch im Koran selbst werden bereits eigenmächtige Textauslegung sowie Neuerungen in Brauch und Gesetz kategorisch ausgeschlossen und damit das normative Gesamtgefüge des Islam „versiegelt“:

Sure 6, 115: „Und vollkommen ist das Wort deines Herrn in Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit. Niemand vermag seine Worte zu ändern; und er ist der Hörende, der Wissende“ (Rudolph, Werner).

Sure 10, 15: „Und wenn ihnen (d.h. den Ungläubigen) unsere Verse (w. Zeichen) als klare Beweise verlesen werden, sagen diejenigen, die nicht damit rechnen, uns (am Tag des Gerichts) zu begegnen: ‚Bring uns einen Koran, der anders ist als dieser (den du eben vorgetragen hast), oder ändere ihn ab (w. tausche ihn (gegen etwas anderes) aus)!’ Sag: Ich darf ihn nicht von mir aus abändern. Ich folge nur dem, was mir (als Offenbarung) eingegeben wird. Wenn ich gegen meinen Herrn widerspenstig bin, habe ich die Strafe eines gewaltigen Tages zu fürchten.“ (Der Koran, Paret)

Sure 33, 60-62: „Wahrlich, wenn die Heuchler und diejenigen, in deren Herzen Krankheit ist, und die Aufwiegler in Medina nicht aufhören, so werden wir dich gegen sie anspornen. Alsdann sollen sie nicht darinnen als Deine Nachbarn wohnen, es sei denn nur für kurze Zeit. Verflucht, wo immer sie gefunden werden, sollen sie ergriffen und niedergemetzelt werden. Das war Allahs Brauch mit denen, die zuvor hingingen, und nimmer findest Du in Allahs Brauch einen Wandel“ (Rudolph, Werner).

Grundsätzlich gilt also, dass jede Neuerung (bid’a), die nicht im Einklang mit dem Koran und der Sunna steht und eine Veränderung des orthodox-dogmatischen Lehrgebäudes bewirken könnte, als grundsätzlich verwerflich gilt und als Ketzerei gewertet wird1. Diesen Tatbestand zu leugnen oder zu vertuschen stellt ein ebenso simples wie untaugliches Betrugsmanöver dar.

Was die rechtlichen Aussagen des Korans betrifft, so gibt es nach Ansicht der islamischen Rechtsgelehrten solche, die verschieden interpretiert werden können und solche, die keiner Interpretation zugänglich sind. Von welcher Qualität und Bandbreite die Zulässigkeit von Interpretationen ist, zeigt das folgende von Heine (2007, S.186) angeführte Beispiel: So heißt es in Sure 5, 38: „’Und hackt dem Dieb oder der Diebin die Hände ab zur Vergeltung für das, was sie erworben haben; dies als abschreckende Strafe vonseiten Gottes …’, (hier, H.K.) bleibt offen, ob es sich um die linke oder die rechte Hand handelt, ob sie an der Handwurzel, am Ellenbogen oder gar an der Schulter amputiert werden soll. In solchen Fällen dürfen Rechtsgelehrte das Heilige Buch auslegen.“

Entscheidend für die gesamthistorische Beurteilung der islamischen Herrschaftskultur ist vor diesem Hintergrund der Tatbestand, dass der konservativ-traditionalistische Gesetzes-Islam und sein konzeptioneller Träger, die orthodoxen Gelehrten des islamischen Rechts, gegenüber den unterschiedlichen Varianten des heterodoxen Islam (Mutaziliten, Sufismus, islamischer Rationalismus) die Oberhand behielten: So wurden die Ansätze einer rationalen Philosophie infolge der Übersetzung griechischer (insbesondere aristotelischer) Schriften systematisch zurückgedrängt und zur Häresie erklärt sowie im Einklang damit die ra’y, die persönliche Ratio, aus dem System der Rechtsfindung und seinen Grundlagen ausgeschlossen. Verbindliche Richtlinie wurde somit al-Marwadis (974-1058) Grundsatz „auf der Basis des göttlichen Gesetzes, nicht der Vernunft“. Demgemäß sind nur die in Koran und Sunna offenbarten göttlichen Bestimmungen und Gesetze vollkommen, währenddessen Neuerungen als illegitime Veränderungen des Geoffenbarten (bida) angesehen und als Ketzerei bzw. Gotteslästerung verdammt werden. Auch hier kann die hegemoniale Orthodoxie wieder – gegen jede „reformislamische“ Versuchung – nahtlos an die Überlieferungen Mohammeds anknüpfen, denn nach folgenden Hadithen soll der Prophet gesagt haben:

Den Koran zu lesen und nicht über ihn zu disputieren, ist Wissen. Wahrlich, die Völker vor euch gingen zugrunde wegen ihrer Streitigkeiten über die (sc. heiligen) Schriften.“

Jene, die den Irrtum suchen, beschäftigen sich mit den Gleichnissen, bestrebt, Uneinigkeit zu schaffen, indem sie versuchen, diese zu erklären.“

Diejenigen aber, die rechtgeleitet sind, sagen: ‚Wir bezeugen unseren Glauben an alles, was von unserem Herrn kommt’“.

Ins Verderben gingen jene, die Haarspalterei trieben.“ (zit. n. Gopal 2004, S. 307).

Auf diese Weise wirkte der vorherrschende orthodoxe Gesetzes-Islam als massive Blockade der Erkenntnisgewinnung und Wissensaneignung. Außerhalb der orthodox-islamischen Weltanschauung durfte keine Wahrheit zugelassen werden; rationale Einsichten, Problemlösungen, Neuerungen etc. sind nur dann legitim, wenn sie mit Koran, Sunna und Scharia in Einklang zu bringen sind. Zusammenfassend heißt es z. B. in al- As ‘aris (gest. ca. 936) Schilderung der Summe der Ansichten der Anhänger der Tradition und der Sunna: „Was Gott will, ist geschehen, und was er nicht will, wird nicht geschehen. Sie (also die besagten Anhänger, H. K.) behaupten, daß niemand das Vermögen zu einer Handlung hat, bevor er sie (von Gott dazu befähigt) ausführt, oder daß er vermöchte, sich Gottes Wissen zu entziehen oder etwas zu tun, wovon Gott weiß, daß er es nicht tun wird. Und sie bekennen, daß es keinen Schöpfer gibt außer Gott, daß Gott es ist, der auch die Schlechtigkeiten der Menschen erschafft, daß es Gott der Erhabene ist, der die Taten der Menschen erschafft und daß die Menschen nichts schaffen können“ (zit. n. Endreß 1991, S. 65).

Generell muss bezweifelt werden, ob die Neuauslegung von grundrechtswidrigen bzw. antimenschenrechtlichen Aussagen, Normen, Vorschriften etc. am Wesen dieser Aussagen etc. etwas grundsätzlich zu ändern vermag, wenn sie nicht gänzlich deren Bedeutungsgehalt verkehren will. In diesem Fall wäre dann aber nicht eine Neuinterpretation, sondern eine Außerkraftsetzung angebracht. Welche Aussicht auf mehrheitliche Anerkennung oder Durchsetzbarkeit hätte aber eine solche Neuinterpretation oder Außerkraftsetzung? Und: Würden alle grund- und menschenrechtswidrigen, Aussagen, Bestimmungen, Anweisungen, Normen etc. des orthodoxen Islam außer Kraft gesetzt – handelte es sich dann überhaupt noch um „Islam“ bzw. gibt es einen „Islam ohne Scharia“?

Vor diesem Hintergrund ist die Zahl von „Reformern“ in der islamischen Herrschaftssphäre relativ klein. Dasselbe gilt für ihren Anhang und ihre muslimische Leserschaft. D. h. die relativ kleine Schar von unrepräsentativen Reformern ist innerhalb der Umma weitestgehend isoliert und lebt im Grunde von den taktischen Inszenierungen und Ablenkungsmanövern westlicher Islamapologeten.

Zu bedenken ist auch der folgende Hinweise: „Viele islamische Reformer, die westliche Einrichtungen übernehmen wollten, gaben vor, dafür islamische Vorbilder zu haben, um ihrem eigenen Volk diese Fremdeinflüsse schmackhafter zu machen. Diese Taktik hat zu intellektueller Verlogenheit geführt und das Problem keineswegs gelöst: ‚Der wahre Islam betrachtet die Frauen als gleichberechtigt’, ‚Der wahre Islam ist demokratisch’ usw. Das wirkliche Problem, ob die shari’a überhaupt noch akzeptabel ist, wird dadurch nicht einmal berührt“ (Warraq 2004, S.262f.).

Die Behauptung einer hermeneutischen Kontingenz und gewissermaßen ‚unendlichen’ Auslegbarkeit und Plastizität des Islam im Sinne einer Gummizaun-Ideologie hat sich erst als apologetische Ablenkungs- und Verwirrreaktion auf die westliche, kritisch-rationale Islamkritik herausgebildet. Mit dieser „hinterlistige(n) Philosophie des Verdrehens der Bestimmungen der Scharia, bis hin zur Gleichberechtigung der Frau“ (Arsel 2012, S. 74), hat sich, fernab von wissenschaftlichen Argumentations- und Belegstandards, eine „Disziplin“ etabliert, die immer wieder im Rahmen hektisch-oberflächlicher, unsystematischer und subtil manipulierter Talkshow-Diskussionen und in islamophilen Feuilletons zur Anwendung gelangt. So lautete der letzte Schrei dieser subjektivistischen Verleugnungsstrategie in Form einer einfachen Verkehrung ins Gegenteil schlicht und einfach „Islam heißt Liebe und nicht Scharia“ und „Islam ist Barmherzigkeit“2. Allerdings haben diese autistischen Umdeutungsversuche keine ernsthafte Chance auf nennenswerte Akzeptanz innerhalb der erdrückenden Mehrheit der islamischen Glaubensgemeinschaft und stoßen dementsprechend auch auf sofortige Ablehnung3.

1 Den dogmatischen Hintergrund für diese Neuerungsfeindlichkeit bildet vermutlich auch der folgende Umstand. Als Gott den Teufel dereinst verfluchte, habe dieser geantwortet: „und ich will sie (deine Diener, H.K.) irreführen und (nichtige) Wünsche in ihnen wecken und ihnen befehlen, den (geweihten?) Herdentieren die Ohren abzuschneiden (oder: einzuschlitzen) und die Schöpfung Gottes zu verändern“ (Sure 4, Vers 119). (Paret)

3 http://dawa-news.net/2012/10/12/die-liebesphilosophie-des-mouhanad-khorchide-teil-12/comment-page-1/