Europäische Moderne und islamische Herrschaftskultur

Zur Problematik importierter psychischer und kultureller Traditionalität1

Hartmut Krauss

Einleitung

„Infolge der Herausbildung eines mehrstufigen Umwälzungsprozesses fand in Europa der revolutionäre Übergang von der mittelalterlich-feudalen Vormoderne zur neuzeitlichen Moderne statt, der schließlich zur Etablierung der bürgerlich kapitalistischen Gesellschaftsformation geführt hat. Getragen und praktisch-kritisch durchgesetzt wurde diese Umwälzung von antifeudalen Oppositionskräften unter Führung städtebürgerlicher Schichten im Rahmen sehr heterogener Bündniskonstellationen2.

Soziokulturell betrachtet basiert dieser Umwälzungsprozess auf den Kernetappen Renaissance, Reformation und Aufklärung. Politisch stechen hier die englische und französische Revolution hervor. Ökonomisch wurde der qualitative Übergang durch die industrielle Revolution als Ausgangsfundament der kapitalistischen Produktionsweise vorangetrieben.

Trotz des Kolonialismus, Imperialismus und zweier Weltkriege sowie der kapitalistischen Negation zahlreicher emanzipatorischer Gründerideale gelang hier, also in Europa, erstmalig und nachhaltig die endogene (auf eigenen kulturinternen Ressourcen beruhende) Überwindung vormoderner Herrschaftsverhältnisse sowie die Hervorbringung eines ganzen Ensembles „moderner“ (posttraditionaler) Prinzipien: So das Konzept der universellen Menschenrechte (gegen die ständisch-religiöse bzw. geburtsrechtliche Zuteilung von Lebenschancen), die Trennung von Religion einerseits und Staat, Recht und Privatsphäre andererseits, die Idee des freien und emanzipationskompetenten Individuums, das Regulativ der Gewaltenteilung, die Prinzipien der Volkssouveränität, der Demokratie sowie der Rechtsbindung des Regierungsinstanzen etc. Kurzum:

Europa ist die Geburtsstätte der kulturellen Moderne und einer säkular-menschenrechtlichen Lebensordnung.

Dieses revolutionäre Sozialerbe könnte und müsste die probate Identitätsgrundlage einer kulturhistorisch gewachsenen Wertegemeinschaft bilden, die es gegen spätkapitalistische (Selbst-)Negationen einerseits und nichtwestlich-herrschaftskulturelle Anfeindungen und Zersetzungen andererseits zu bewahren und auszubauen gälte.

Eine zentrale Voraussetzung hierfür ist aber auch, dass diese zivilisatorischen Leitprinzipien der kulturellen Moderne auf Seiten der europäischen Gesellschaftsmitglieder eine wirksame subjektive Verankerung erfahren, d.h. in die psychische Tätigkeitsregulierung Eingang finden und somit die Gestalt einer stabilen Überzeugungsbasis annehmen. Für die Psychologie wäre es durchaus eine wichtige Aufgabe, diese Transformation von kulturhistorisch relevanten Werten in subjektive Überzeugungen bzw. Einstellungen genauer zu beleuchten.“ (…)

http://www.gam-online.de/text-eu-moderne.html