Der Generalverdacht gegen die Aufklärung

Dr. Alexander Ulfig

Oder: Warum die Dialektik der Aufklärung die Verbreitung der Aufklärung verhinderte

„Die Kritische Theorie, auch “Frankfurter Schule“ genannt, gehört zu den einflussreichsten philosophischen Strömungen des 20. Jahrhunderts. Ihr programmatisches Werk ist die 1947 von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno verfasste Dialektik der Aufklärung.“ (…)

Der Generalverdacht gegen die Aufklärung

Kommentar GB:

Das Tragische am Denken von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, der sich wiederum stets eng auf Walter Benjamin bezogen hat (1), welcher sich auf der Flucht vor den Nazis in den Pyrenäen in auswegloser Lage selbst tötete, um nicht in ihre Hände zu fallen, besteht m. E. darin, daß sie die Erfahrung der Praxis des entfesselten Nihilismus, zentriert in der Shoah, als einen endgültigen Weltuntergang des Humanen schlechthin gedeutet haben.

Sie sind daher im Banne der Shoah geblieben; wie anders könnte es denn auch sein?

Der Eingang zur Hölle ist bei Dante, nämlich in der Göttlichen Komödie (2), genau mit dieser – der realen Lage entsprechenden – Reflexion der endgültigen Aufgabe der Hoffnung schlechthin verbunden. (3)

Aus dieser nicht gewählten, sondern historisch aufgezwungenen  Erfahrungs- und Denkposition heraus gibt es nur noch Verzweiflung, man denke hier an Horkheimers späte und große Nähe zu Schopenhauer, oder ein Rückbezug auf eine messianische Erlösung; ein Gedanke, der dem Judentum entstammt und vom frühen Christentum übernommen wurde.

In säkularisierter Form findet sich dieser Gedanke bei Adorno, dem Komponisten, in der  Erfahrung der Kunst wieder (5), die dennoch, so bei Samuel Beckett, der Verzweiflung nicht sich entziehen kann. (6)

Anmerkungen

(1) Walter Benjamin

https://www.zweitausendeins.de/walter-benjamin-gesammelte-schriften.html

(2) Dante Alighieri: Die Göttliche Komödie, Wegweiser-Verlag: Berlin 1924

(3) Horkheimer /Adorno: Die Dialektik der Aufklärung,

https://www.amazon.de/Dialektik-Aufkl%C3%A4rung-Philosophische-Fragmente-Horkheimer/dp/3596274044

(4) Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften 7 – Ästhetische Theorie, Suhrkamp Verlag: Frankfurt/Main 1970

(5) Detlev Claussen: Theodor W. Adorno – Ein letztes Genie, 3. Aufl., S.Fischer Verlag: Frankfurt/Main 2003;

(6) Samuel Beckett: Das Endspiel

https://www.amazon.de/Endspiel-partie-Endgame-Dreisprachige-Ausgabe/dp/3518366718/ref=sr_1_1/258-1740914-9939248?ie=UTF8&qid=1517391675&sr=8-1&

Anmerkung und Ergänzung:

Hartmut Krauss schreibt hierzu:

Geschichte und Subjektivität

http://www.glasnost.de/autoren/krauss/subgesch.html

Ein Auszug hieraus:

„Unter dem Eindruck der traumatisierenden Doppelerfahrung von Faschismus und Stalinismus gelangten Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in ihrer berühmten ‚Dialektik der Aufklärung‘ zu einer radikalen Umkehrung des von Hegel entworfenen fortschrittsdeterministischen Geschichtsbildes. Ihre Leitfrage, die bereits eine Diagnose impliziert, lautet: Warum versinkt die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Barbarei?

Den Erklärungsgrund für die damit aufgeworfene Gattungsproblematik sehen sie in der multiphänomenalen Selbstzerstörung der Aufklärung, so – exemplarisch – in der Gleichzeitigkeit von naturwissenschaftlich-technischem Wissensfortschritt und wachsendem Zerfall theoretischer Bildung; den Metamorphosen von Kritik in Affirmation sowie im spätkapitalistischem Totalitarismus der Konsensproduktion. „In der Meinung, ohne strikte Beschränkung auf Tatsachenfeststellung und Wahrscheinlichkeitsrechnung bliebe der erkennende Geist allzu empfänglich für Scharlatanerie und Aberglauben, präpariert es (das Erziehungssystem, H.K.) den verdorrenden Boden für die gierige Aufnahme von Scharlatanerie und Aberglauben“ (S.2).

Die petitio principii der Autoren liegt in der These von der elementaren Ambivalenz der Aufklärung, wonach das aufklärende Denken zwar einerseits mit dem gesellschaftlichen Freiheitsstreben unabtrennbar verbunden ist, aber andererseits – als kognitives Substrat des aufstrebenden Bürgertums in seiner Eigenschaft als neues HERRSCHAFTSSUBJEKT – schon den Keim zu jenem Rückschritt enthält, der heute überall sich ereignet. „Nimmt Aufklärung die Reflexion auf dieses rückläufige Moment nicht in sich auf, so besiegelt sie ihr eigenes Schicksal“ (S.3).

Die der kapitalistischen Systemreproduktion eingeschriebene permanente Produktivitätssteigerung, die einerseits die Bedingungen für eine gerechtere Welt herstellt, verleiht andererseits dem technischen Apparat und seinen Sachwaltern eine unmäßige Überlegenheit über den Rest der Bevölkerung. „Der Einzelne wird gegenüber den ökonomischen Mächten vollends annulliert…Während der Einzelne vor dem Apparat verschwindet, den er bedient, wird er von diesem besser als je versorgt. Im ungerechten Zustand steigt die Ohnmacht und Lenkbarkeit der Masse mit der ihr zugeteilten Gütermenge. Die materiell ansehnliche und sozial klägliche Hebung des Lebensstandards der Unteren spiegelt sich in der gleißnerischen Verbreitung des Geistes…Die Flut präziser Information und gestriegelten Amüsements witzigt und verdummt die Menschen zugleich“ (S.4). Unter diesen Bedingungen werden die Glücksgüter selbst zu Elementen des Unglücks.

Die aktuelle (spätkapitalistische) Misere der menschlichen Lebensbewältigung sehen Horkheimer/Adorno als durch die ‚moderne‘ Form der Naturbeherrschung fatalistisch vorbestimmt an. Bacon, ‚der Vater der experimentellen Wissenschaft‘ (Voltaire), verortet die Überlegenheit des Menschen im Wissen, wobei Technik als Wesen dieses Wissens gilt. Der Verstand, der den Aberglauben besiegt, soll über die Natur gebieten. Diese Einstellung bezeichnen Horkheimer/Adorno als patriarchal. Das patriarchal-gebieterische Wissen „zielt nicht auf Begriffe und Bilder, nicht auf das Glück der Einsicht, sondern auf Methode, Ausnutzung der Arbeit anderer, Kapital…Was die Menschen von der Natur lernen wollen, ist, sie anzuwenden, um sie und die Menschen vollends zu beherrschen“ (S.8). Indem Macht und Erkenntnis synonym sind, wird die aus Wahrheit und Einsicht entspringende Befriedigung entwichtigt und negativ besetzt; stattdessen, so Bacon (und Luther) komme es auf ‚wirksame Verfahren‘ zwecks utilitaristischer Lebensverbesserung an. „Es soll kein Geheimnis geben, aber auch nicht den Wunsch seiner Offenbarung“. Die Entzauberung der Welt wäre demnach nicht nur die Ausrottung der Götter, sondern die Austreibung wahrheitsorientierter, ‚aufs Ganze‘ zielender Erkenntnisinteressen. Oder: „Auf dem Weg zur neuzeitlichen Wissenschaft leisten die Menschen auf Sinn Verzicht. Sie ersetzen den Begriff durch die Formel, Ursache durch Regel und Wahrscheinlichkeit“ (S.9). Konstituiert wird somit eine szientistisch reduzierte Form von ‚Wissenschaftlichkeit‘, die den Wahrheitsanspruch der Universalien als Aberglaube verfolgt und in der Autorität der allgemeinen Begriffe noch die Furcht vor den Dämonen zu erblicken meint, durch deren Abbilder die Menschen im magischen Ritual die Natur zu beeinflussen suchten. Was dem Maß von Berechenbarkeit und Nützlichkeit sich nicht fügen will, gilt der Aufklärung (besser: der positivistisch-utilitaristischen Wissens- und Denkform) für verdächtig. „Aufklärung ist totalitär“ (S.10 ).

Die moderne, durch die Aufklärung konstituierte Form der Naturbeherrschung und Wissensreproduktion gilt Horkheimer/Adorno aber letztlich doch nur als Kulminationspunkt eines die Menschheitsgeschichte von Beginn an bestimmenden Verhängnisses, daß der gattungsspezifischen Lebensbewältigung in Gestalt gesellschaftlicher Arbeit unentrinnbar anhaftet. So enthält bereits der Mythos, der schließlich der Aufklärung zum Opfer fällt, selbst schon das Rational-Herrschaftliche als übergreifendes Kernmoment. „Der Mythos wollte berichten, nennen, den Ursprung sagen: damit aber darstellen, festhalten, erklären… Ohne Rücksicht auf die Unterschiede wird die Welt dem Menschen untertan. Darin stimmen jüdische Schöpfungsgeschichte und olympische Religion überein“ (S.11). Und: „Vor den Göttern besteht nur, wer sich ohne Rest unterwirft. Das Erwachen des Subjekts wird erkauft durch die Anerkennung der Macht als des Prinzips aller Beziehungen… Als Gebieter über Natur gleichen sich der schaffende Gott und der ordnende Geist. Die Gottesebenbildlichkeit des Menschen besteht in der Souveränität übers Dasein, im Blick des Herrn, im Kommando“ (S.12).

Die unerschütterliche Zuversicht auf die Möglichkeit der Weltbeherrschung, die sich erst im szientistischen Weltverhältnis der Aufklärung vollendet, ist bereits der Zauberei inhärent. Freilich verfolgt letztere ihr Ziel durch Mimesis, nicht in fortschreitender Distanz zum Objekt. „Die Mythologie selbst hat (folglich) den endlosen Prozeß der Aufklärung ins Spiel gesetzt, in dem mit unausweichlicher Notwendigkeit immer wieder jede bestimmte theoretische Ansicht der vernichtenden Kritik verfällt, bis selbst noch die Begriffe des Geistes, der Wahrheit, ja der Aufklärung zum animistischen Zauber geworden sind…Wie die Mythen schon Aufklärung vollziehen, so verstrickt Aufklärung mit jedem ihrer Schritte tiefer sich in Mythologie“ (S.14).

An den Wendestellen der westlichen Zivilisation wurde die Furcht vor der unerfaßten, drohenden Natur zum animistischen Aberglauben herabgesetzt und die Beherrschung der Natur drinnen und draußen zum absoluten Lebenszweck gemacht. „Die Menschen“, so Horkheimer/Adorno, „hatten immer zu wählen zwischen ihrer Unterwerfung unter Natur oder der Natur unter das Selbst. Mit der Ausbreitung der bürgerlichen Warenwirtschaft wird der dunkle Horizont des Mythos von der Sonne der kalkulierenden Vernunft aufgehellt, unter deren eisigen Strahlen die Saat der neuen Barbarei heranreift“ (S.32).

Die Handlungsweise des Odysseus zwecks Bemächtigung des Sirenengesanges gilt den Autoren als Metapher für die fatale Korrespondenz von äußerer und innerer Naturbeherrschung bzw. für den Preis der Selbstdeformation, den die Menschheit als Subjekt der Naturbeherrschung zu entrichten hat: „Furchtbares hat die Menschheit sich antun müssen, bis das Selbst, der identische, zweckgerichtete, männliche Charakter des Menschen geschaffen war, und etwas davon wird noch in jeder Kindheit wiederholt. Die Anstrengung, das Ich zusammenzuhalten, haftet dem Ich auf allen Stufen an, und stets war die Lockung, es zu verlieren, mit der blinden Entschlossenheit zu seiner Erhaltung gepaart“ (S.33).

Während Hegel, als ’system‘-philosophischer Ideologe der (gerade) zur (Staats-)Macht gelangten Bourgeoisie, die Weltgeschichte als vernunftdeterminierten Prozeß der ’notwendigen‘ Höherbewegung begreift, insistieren Horkheimer/Adorno auf der Divergenz von sich historisch steigernder Naturbeherrschung und anthropologischer Regression, „denn die Dauer der Herrschaft bedingt bei technischer Erleichterung des Daseins die Fixierung des Instinkts durch stärkere Unterdrückung. Die Phantasie verkümmert“ (S.35). So involviert Anpassung an die Macht des Fortschritts den Fortschritt der Macht; der Fluch des unaufhaltsamen Fortschritts ist die unaufhaltsame Regression. Der Teleologie der Vernunft wird somit konterkariert als Teleologie der (Selbst-)Destruktion der zur Naturbeherrschung verdammten Menschheit. Als Knotenpunkt dieses pessimistisch geschlossenen Geschichtsbildes erweist sich die fatale Dreieinigkeit von Naturbeherrschung, Selbstunterdrückung und zwischenmenschlicher Herrschaft, wobei die Naturbeherrschung via gesellschaftliche Arbeit ‚an sich‘ und nicht die antagonistische Form der menschlich-sozialen Lebensreproduktion als erzeugendes Substrat des gattungsgeschichtlichen Verfallsprozesses erscheint. Die Abwendung vom Hegelschen Fortschrittsdeterminismus vertiert bei Horkheimer/Adorno so im Kern zu einer Säkularisierung der augustinischen Geschichtskonstruktion: Die Ausbildung der Fähigkeit zu bewußt-zweckmäßiger, werkzeugvermittelter, kooperativ-kommunikativer, naturverändernder Arbeit als die evolutionär hervorgebrachte Lösung des Widerspruchs zwischen vergesellschafteten Menschen und außermenschlicher Natur wird abstrakt-monokausal zur unentrinnbaren ‚Erbsünde‘ uminterpretiert. Geschichte ist damit nur noch als auswegloses Verhängnis beschreibbar; die Entstehung und Tradierung einer ‚Zweiten Kultur‘ widerständig-gesellschaftverändernder Theorie und Praxis gerät in diesem ‚arbeitsdefätistischen‘ Horizont zu einer unbedeutenden/vernachlässigenswerten Marginalie. Herr und Knecht werden durch das mit dem Zwang zur Naturbeherrschung gesetzte Auseinandertreten von Arbeit und Genuß gleichermaßen ‚gebeutelt‘ angesehen: „Der Knecht bleibt unterjocht an Leib und Seele, der Herr regrediert“ (S.35). Infolge der Einbuße von sinnlich-konkreter Unmittelbarkeit im Tätigkeitsvollzug sowie der formallogischen Verarmung der erfahrungsabgetrennten intellektuellen Funktion degeneriert der auf Organisation und Verwaltung beschränkte Geist der Herrschenden. Von der den antagonistischen Vergesellschaftungsbedingungen geschuldeten geistig-moralischen Unreife der Beherrschten lebt wiederum die Überreife der Gesellschaft. Zwar ist die Entfremdung das übergreifende Allgemeine der ‚modern‘-antagonistisch vergesellschafteten Menschen, aber innerhalb der Systemreproduktion wähnen sich die Herrschenden als ‚Ingenieure der Weltgeschichte‘, während die Beherrschten im Sinne verabsolutierter Unmittelbarkeit ein fatalistisches Verhältnis zur Welt einnehmen und pflegen. „Das Elend als Gegensatz von Macht und Ohnmacht wächst ins Ungemessene zusammen mit der Kapazität, alles Elend dauerhaft abzuschaffen. Undurchdringlich für jeden Einzelnen ist der Wald von Cliquen und Institutionen, die von den obersten Kommandohöhen der Wirtschaft bis zu den letzten professionellen Rackets für die grenzenlose Fortdauer des Status sorgen“ (S.38).

Indem Horkheimer/Adorno das nachhaltige Erlebnis des Faschismus geschichtstheoretisch dahingehend überdehnen, daß die Nazibarbarei als offenbar gewordenes Telos einer a priori als Verhängnis feststehenden Zivilisationsgeschichte des Verfalls und der Entartung erscheint, unterlaufen ihnen zwei fundamentale Fehler:

1) Sie fehlinterpretieren den Faschismus als lineare Emanation eines sich steigernden rationalistischen Weltverhältnisses bzw. als Ausgeburt der ‚instrumentellen Vernunft‘ schlechthin. Dabei entgeht ihnen aber der Aspekt der ‚kulturellen Moderne‘ als Wesensprinzip der Aufklärung und damit deren schreiende Gegensätzlichkeit zum Faschismus. D.h.: Die ‚Dialektik der Aufklärung‘ ist blind gegenüber der eigentümlichen Synthese von instrumenteller Vernunft und Zerstörung der kritischen Vernunft (Irrationalismus) als hervorstechendes Charaktermerkmal nicht nur des Faschismus, sondern sämtlicher ‚moderner‘ Totalitarismen (vgl. Krauss 1996/97).

2) Die Verabsolutierung ihrer defätistischen Sicht auf gesellschaftliche Arbeit/Naturbeherrschung hat die vollständige kategorial-reflexive Ausblendung praktisch-kritischer Tätigkeit als geschichtlich omnipräsente Alternative zur Konsequenz. Damit bleibt zum einen – wie bei Hegel – der Charakter der Geschichte als offener Prozeß, der immer auch als Reihung ‚verspielter Möglichkeiten‘ zu dechiffrieren ist, unbegriffen. Zum anderen wird damit die Entsubjektivierung der Beherrschten befestigt. „Der Einfluß des geschichtsphilosophischen Grundmotivs auf die gesellschaftstheoretische Argumentation der Dialektik der Aufklärung ist so stark, daß Adorno und Horkheimer nicht umhin können, die sozial unterdrückten Subjekte in Entsprechung zur beherrschten Natur als passiv-intentionslose Opfer gezielter Herrschaftstechniken zu begreifen; die Verfügungsprozeduren prägen sich, so scheint es, den Individuen ein, ohne auf Versuche sozialen Widerstandes und kultureller Gegenwehr zu stoßen“ (Honneth 1994, S.68).“  –  [Hervorhebungen: GB]