Kolonialismus ist keine Schwarz-Weiss-Geschichte

Links wie rechts grassiert die Kolonial-Nostalgie. Unverbesserliche «Kalte Krieger» und abgehängte Marxisten bleiben lieber in ihren alten Schemen verhaftet, anstatt sich den neuen Realitäten zu stellen: Die einst beherrschten Länder sind heute unabhängig – und damit auch verantwortlich für ihre Taten.
Pascal Bruckner 3.2.2018

https://www.nzz.ch/feuilleton/kolonialismus-ist-keine-schwarz-weiss-geschichte-ld.1352169

Kommentar

Hartmut Krauss:

Postmoderner Aufklärungsverrat und Kulturrelativismus als geistige Alterskrankheiten der westlichen Spätmoderne1

In ihrer militanten Abwehr der westlichen Moderne mit der Absicht der Verteidigung bzw. totalitären Restrukturierung von autochthonen Herrschaftsverhältnissen finden die Akteure des orthodoxen und radikalisierten („islamistischen“) Islam strategisch nützliche Unterstützung seitens prominenter westlicher Denkströmungen, die sich ihnen gegenüber gewissermaßen als geistige Komplizen bewähren. Das gilt vorzugsweise für Kerngehalte des postmodernen Denkens sowie für den damit eng liierten Kulturrelativismus, aber auch für einige besonders bornierte Ausdruckweisen des poststalinistischen „Antiimperialismus“. Um dieses geistige Zusammenspiel näher zu ergründen, bedarf es zunächst einer kurzen historischen Rekapitulation.

Rückblickend betrachtet, lässt sich die Entwicklung der bürgerlich-kapitalistisch bestimmten ‚Moderne‘ folgendermaßen periodisieren:

1) Die Epoche der emanzipatorisch-„heroischen“ Aufstiegsphase des Bürgertums vom Beginn der Renaissance bis zur französischen Revolution. In diesem „Zeitalter der (anwachsenden) Aufklärung“ formieren sich die städtebürgerlichen Schichten unter Einschluss bäuerlicher und plebejischer Teile der Volksmassen zum Subjekt antifeudaler Befreiungskämpfe und bringen in Gestalt eines reichhaltigen Fundus emanzipatorischer Ideen, Programme, Theorien, Leitvorstellungen etc. das Projekt der sog. kulturellen Moderne hervor (Religionskritik, Humanismus, Rationalismus, Philosophie der Aufklärung, Idee der Menschenrechte, Trennung von Staat und Religion, Konzept des „freien“ Individuums, Idee der Volkssouveränität etc.).

2) Die Epoche der Umwandlung des vormals revolutionär-antifeudal auftretenden Bürgertums zur herrschenden Bourgeoisie. In dieser Ära der industriellen Revolution und der freien Konkurrenz entfaltet sich der Widerspruch zwischen den allgemeinmenschlich-emanzipatorischen Gründeridealen und der kapitalistisch werdenden Wirklichkeit. In dem Maße nämlich, wie im Prozess der Entfaltung der kapitalistischen Produktionsweise sich die Subsumtion des bürgerlichen Sinnhorizonts unter die Logik des Profits immer deutlicher offenbart, zerreißt der humanistische Schein der präkapitalistischen bürgerlichen Emanzipationsideologie. Im Rahmen seiner Metamorphose zur „herrschenden Bourgeoisie“ enthumanisiert und entdemokratisiert sich folglich das Bürgertum. Es streift geistig-moralischen Ballast ab, der seine neu gewonnene Handlungsfähigkeit als ökonomisch, politisch und ideologisch herrschendes Subjekt – in Konfrontation mit der sich herausbildenden Arbeiterbewegung – nur behindern könnte2.

3) Die Epoche der „expandierenden“, zu Raub- und Eroberungskriegen tendierenden imperialistischen Bourgeoisie in der Phase der extensiv erweiterten Reproduktion des Kapitals. In dieser ‚fordistisch-imperialistischen‘ Ära der militaristischen Rivalität und kolonialistischen Eroberungskonkurrenz findet eine ebenso radikale wie systematische Umwertung des ursprünglichen bürgerlich-revolutionären Werte- und Menschenrechtshorizonts statt. Wiedereinsetzung des Religiösen als konservative Machtressource, Irrationalismus, Rassismus, Sozialdarwinismus und Chauvinismus avancieren als ideologische Fermente der „Zerstörung der Vernunft“ und der Austreibung des humanistischen Denkens zur neuen antiaufklärerischen Leitkultur. Den Brenn- und Zielpunkt bildet die emphatische Verteidigung sozialer Ungleichheit bzw. antagonistischer Herrschaftsverhältnisse sowie die Konstruktion des neuen „Herrenmenschen“.

4) Die gegenwärtige Epoche der „postnationalen“, kosmopolitisch gewordenen Bourgeoisie der „global players“ in der Phase der mikroelektronisch gestützten intensiv erweiterten Reproduktion des Kapitals. In dieser Entwicklungsetappe der ‚postfordistischen‘ Deregulierung und strukturellen Überproduktion von Waren und warenförmigen Dienstleistungen erlangt die ‚besitzindividualistisch-konsumistische Massenkultur des Habens‘ als Lösungsinstanz des kapitaltypischen Realisationsproblems eine herausragende gesellschaftliche Bedeutung. Sie fungiert als marktförmiger ‚Bewährungsort‘ der verdinglichten Wahlfreiheit der Konsumbürger zugleich als gesellschaftlicher Schnittpunkt, „an dem die systemische Reproduktion, die gesellschaftliche Integration und die individuelle Lebenswelt koordiniert und harmonisiert werden“ (Baumann 1995, S. 82). Weder werteideologische Mobilisierung (wie in der Aufstiegsphase) noch normative Indoktrination (wie in der Phase der Herrschaftsetablierung und -expansion) sind nunmehr primär erforderliche Machttechniken der Bourgeoisie, sondern fortan rücken warenästhetische und werbemethodische Maßnahmen zur „Verführung“ und verkaufsstrategischen Standardisierung der vielfältig differenzierten KonsumentInnen ins Zentrum der Akkumulation. Auf diese Weise wird der Spätkapitalismus zunehmend wertenihilistisch, anarchisch, pluralistisch und kontingent: Anything goes – wenn’s der Kapitalverwertung (und politischen Loyalitätssicherung) nützt.

(…)

Ein zentraler Umwälzungsaspekt des Aufklärungsdenkens ist die Idee des freien Individuums. Nach dieser Auffassung verfügen die individuell-konkreten Menschen als Gattungsindividuen unabhängig von ihren jeweiligen sozialen und kulturellen „Einbettungen“ über das ‚artspezifische‘ Vermögen, sich ihres „Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen“ (Kant). Im Lichte dieser ‚allgemeinmenschlichen‘ Fähigkeit zur Mündigkeit (d. h. Tradiertes kritisch zu reflektieren)3 werden die überlieferten Gemeinschaftsformen (Sippe, Stamm, Kaste, Stand, Religionszugehörigkeit etc.) nicht mehr als zwangsdeterministische Gebilde aufgefasst, die den Menschen eine unwandelbare und nichttranszendierbare Identität auferlegen. Dem individuellen Subjekt wird vielmehr die Kompetenz und das Recht zuerkannt, sich vom Tradierten (Althergebrachten, Gewohntem) zu distanzieren, die unmittelbar-zufälligen sozialen Bindungen, Standesgrenzen und Glaubenszugehörigkeiten zu überschreiten und seine Identität – im Rahmen des konkret-historisch limitierten Raumes alternativer Wahlmöglichkeiten – frei zu gestalten.

Die Idee des ‚freien‘ Individuums setzt wiederum die Vorstellung einer ‚einzigen Menschheit‘ voraus4. Zwar unterscheiden sich demnach die konkret-empirischen Individuen in ihrer personalen Einzigartigkeit, ihren soziokulturellen Bezügen, reproduktiven Besonderheiten, spezifischen Lebensführungspraxen etc., aber sie sind zugleich ‚vereint‘ in gemeinsamen Dispositionen, Bedürfnissen, Fähigkeitsstrukturen und Interessen. Folglich gibt es nicht nur Besonderes, Einzelnes und Differentes im zwischenmenschlichen und interkulturellen Verkehr, sondern gleichzeitig immer auch Allgemeines, ‚Übergreifendes‘ und Gemeinsames als Basis reziproker Kooperation, Verständigung und Perspektivenverschränkung. Nur weil ein bedeutungshaftes „gemeinsames Drittes“ in Gestalt von intersubjektiv geteilten Erkenntnissen, Werturteilen, Normen, Erfahrungen etc. existiert, kann zivilisiertes menschlich-interkulturelles Zusammenleben als tätige Begegnung von Gleichberechtigten gedeihen5.

Die Ideen des ‚freien Individuums, der ‚einzigen Menschheit‘ und der Menschenrechte als Kernaspekte der Aufklärung sind nun im konkret-historischen Entfaltungsprozeß der bürgerlich-kapitalistischen ‚Moderne‘ in Form von Klassenpolarisierung, Neopatriarchalismus und Kolonialismus nachhaltig negiert und beschädigt worden. So wurde die Idee des ‚freien‘ Individuums auf das Konzept des männlichen egoistisch-utilitaristischen Konkurrenzsubjekts „zurückgeschnitten“; die ‚einzige Menschheit‘ zerfiel in den Gegensatz zwischen Kolonialherren und kolonisierten Knechten; die Menschenrechte wurden durch Imperialismus, Rassismus, Chauvinismus und Militarismus zerfetzt. Auf diese Weise verkam die frühbürgerliche Fortschrittsideologie zur ethnozentristischen Rechtfertigungsideologie kolonialistischer Eroberung, Ausbeutung und Unterdrückung, wobei Andersartigkeit und Fremdheit a prori als Minderwertigkeit kogniziert und bewertet wurde.

Diese herrschaftspraktische Demontage der im Aufklärungsdenken manifest gewordenen Leitkultur des säkularen Humanismus provozierte nun einen „edlen Verrat“ in Gestalt eines einfach-negatorischen Übergangs vom imperialistisch zerschundenen „Aufklärungshumanismus“ zum abstrakten Antihumanismus und Kulturrelativismus: Um den westlich-kapitalistischen Kolonialismus zu delegitimieren, der die Unterdrückung nichtwestlicher (fremder) Völker selbstgefällig als „zivilisatorische Notwendigkeit“ rationalisiert hatte, wurde jetzt im Rahmen der strukturalistischen ‚Philosophie der Entkolonialisierung‘ die Idee der ‚einzigen Menschheit‘ verworfen und durch das Dogma der kriterienlosen Gleichsetzung der Kulturen ersetzt. An die Stelle zivilisationsideologischer Herrschaftsanmaßung trat nicht die kritische Reaktivierung der emanzipatorischen Gehalte der Aufklärung, sondern das Credo kultureller Gleichmacherei. Während man das Konzept der ‚einzigen Menschheit‘ in den „Plural der Kulturen“ auflöste, wurde zugleich das humanistische Grundprinzip preisgegeben, „demzufolge der Mensch ein (potentiell, H. K.) vernunftbegabtes und moralisches Wesen ist, bevor er in diese oder jene Sprache eingepfercht wird, Angehöriger dieser oder jener Rasse, Mitglied dieser oder jener Kultur ist“ (Renan, zit. n. Finkielkraut 1989, S. 40). Das durchaus edle Ursprungsmotiv, angesichts der kolonialistischen Expansions- und Unterdrückungsorgien der kapitalistisch gewordenen Moderne den Fremden zu rehabilitieren und den westlich-kapitalistischen Überlegenheitsanspruch zu dekonstruieren, wurde genau an der Stelle zu einem „Fressen der Reaktion“, wo der herrschaftliche Ethnozentrismus als linearer Ausdruck der Aufklärung und nicht als Verrat an deren Emanzipationsidealen begriffen wurde. Damit wurde leichtfertig das kritisch-humanistische Konzept des freien Gattungsindividuums verworfen und mit der Verbannung des Universellen auch die Möglichkeit und Notwendigkeit der Geltung von allgemeinen/kulturübergreifenden Regeln desavouiert bzw. pauschal als „Fremdherrschaft“ diffamiert. Andere/fremde Kulturen wurden jetzt nicht mehr – wie im kolonialistischen Diskurs – als „minderwertig“ angesehen, sondern als homogene Ganzheiten stilisiert, die in ihrer angeblich unzugänglichen ‚Differenzialität‘ a priori als „‚legitim“ zu akzeptieren seien. Berechtigte Kritik am westlichen Kolonialismus/Ethnozentrismus schlug somit um in das intellektuelle Verbot, fremde Kulturen herrschaftskritisch zu analysieren und zu bewerten.

Damit wurde auch der aggressiv-kulturzerstörerische vorkapitalistische Imperialismus und Kolonialismus nichtwestlicher Herrschaftskulturen, insbesondere der islamische Imperialismus einschließlich seines innewohnenden Sklavereisystems diskursiv eliminiert (Zum islamischen Imperialismus und Rassismus inklusive Massensklaverei vgl. Lewis 1994, Ibn Warraq 2004, Gopal 2006, Krauss 2008 und 20013, Flaig 2009).

Unter dem konzeptionellen Deckmantel der als unantastbar gesetzten „kulturellen Identität“, die zugleich nichtwestlichen Traditionalismus tabuisiert und das fremde Individuum zum passiven Schicksalsobjekt unmittelbar vorgegebener Einflüsse degradiert, wird nicht nur die andersartige Kultur kritischer Reflexion entzogen, sondern der Fremde entsubjektiviert bzw. kulturalistisch verdinglicht. Indem man nämlich den Anderen/Fremden auf seine kulturelle Herkunft festlegt, eliminiert man von vornherein die subjektive Möglichkeit des „Bruchs“, d. h. man nimmt ihm seine Freiheit: „sein Eigenname verschwindet im Namen seiner Gemeinschaft, er ist nur noch ein Muster, der austauschbare Repräsentant einer bestimmten Klasse von Menschen. Unter dem Vorwand, ihn bedingungslos anzunehmen, verbaut man ihm jede Bewegungsfreiheit, jeden Ausweg, verbietet man ihm die Eigenständigkeit, lockt man ihn hinterhältig in die Falle seiner Andersartigkeit“ (Finkielkraut 1989, S. 81).

Indem der kulturrelativistische Antikolonialismus die befreiten postkolonialen Nationalkulturen in ihrer eigenständigen/autochthonen Herrschaftsförmigkeit ausblendet bzw. hinter dem Schleier des Differenzfetischs verschwinden lässt, fällt er schließlich zurück auf das Niveau jener schon von Marx (1988b, S. 380) kritisierten historischen Rechtsschule6, „welche die Niederträchtigkeit von heute durch die Niederträchtigkeit von gestern legitimiert, eine Schule, die jeden Schrei des Leibeigenen gegen die Knute für rebellisch erklärt, sobald die Knute eine bejahrte, eine angestammte, eine historische Knute ist.“ Wie soll man sich nun zu einer Kultur verhalten, „wo man über Delinquenten körperliche Züchtigungen verhängt, wo die unfruchtbare Frau verstoßen und die Ehebrecherin mit dem Tode bestraft wird, wo die Aussage eines Mannes soviel wert ist wie die von zwei Frauen, wo eine Schwester nur Anspruch auf die Hälfte des Erbes hat, das ihrem Bruder zufällt, wo die Frauen beschnitten werden, wo die Mischehe verboten und die Polygamie erlaubt ist?“ (Finkielkraut 1989, S. 111). Darauf lautet die Antwort der Kulturrelativisten: „Die Nächstenliebe gebietet ausdrücklich die Achtung vor solchen Bräuchen. Der Leibeigene muß in den Genuß der Knute kommen können: ihm dies zu nehmen würde bedeuten, sein Innerstes zu verstümmeln, seine Menschenwürde zu verletzen, kurz, Rassismus an den Tag zu legen“ (ebenda).

Die von den „Meisterdenkern“ des Postmodernismus so variantenreich praktizierte Missdeutung der Aufklärung als „Grundübel“ wirkt in Verbindung mit der kulturrelativistischen Ausblendung bzw. Tabuisierung der repressiv-antiemanzipatorischen Beschaffenheitsmerkmale und des barbarischen Potentials prämoderner (Herrschafts-)Kulturen in zweierlei Richtung: Zum einen schwächt diese negative Synergie nachhaltig die geistig-moralischen Widerstands- und Abwehrkräfte innerhalb der entwickelten kapitalistischen Länder gegenüber der sich aktuell verstärkenden Doppelbedrohung von „McWorld“ und „Dschihad“. Und zum anderen fungiert sie als unmittelbare geistige Bestärkung der sich weltweit ausbreitenden fundamentalistischen Ideologisierungsprozesse. So fällt es den diversen Fundamentalismen leicht, das (post-)strukturalistische, kulturrelativistische und postmoderne Ideengut in den eigenen Diskurs zu integrieren und apologetisch zu instrumentalisieren. „Man muß gesehen haben“, so Al-Azm (1996, S. 10), „wie die Sprecher und Vertreter repressiver Regime rund um den Erdball auf der Internationalen Menschenrechtskonferenz in Wien 1993 ganz unerwartet und überaus zynisch eine Haltung einnahmen, die aussah wie eine relativistische, postmoderne, avantgardistische und multikulturelle ‚Sensibilität‘ für Leben, Politik und Kultur, für die Menschenrechte, die Rechte der Frauen und die Unantastbarkeit kultureller Unterschiede. Doch mit ihrer neuen Argumentation versuchen diese Regime nur, jene charakteristischen Verletzungen von Menschenrechten zu legitimieren, die bei ihnen zu Hause praktiziert werden. Und das alles im Namen einer praktischerweise entdeckten Authentizität, im Namen von Nativismus, Partikularismus, kultureller Vielfalt, im Namen der Heiligkeit von Tradition, Sitte, und des Endes aller großen universalistischen Erzählungen!“

Bei näherer Betrachtung zeichnen sich insbesondere die folgenden diskursiven „Brückenschläge“ zwischen Postmodernismus/Kulturrelativismus und Fundamentalismus/religiösem Neototalitarismus ab:

1) Die im postmodernen Denken zum Ausdruck gebrachte pauschale (d. h. die gesellschaftlich-historische Dialektik des bürgerlich-kapitalistischen Formationsprozesses ausblendende) Verdammung des Aufklärungsdenkens einschließlich des darin enthaltenen Übergangs vom theozentrischen zum anthropozentrischen Weltbild bestärkt unmittelbar das fundamentalistische Streben nach Wiedereinsetzung des Religiösen als absoluter Geltungs- und Normierungsmacht7. Neben der Denunzierung der Vernunft als emanzipatorische Gattungspotenz der Menschen munitioniert nicht zuletzt die antihumanistische Dekonstruktion des modernen Subjekts den fundamentalistischen Feldzug gegen die kulturelle Moderne bzw. den säkularen Humanismus. In diesem Kontext gerät vor allem die moderne Idee des freien Individuums als mit allgemeinmenschlichen Fähigkeiten ausgestatteter Gestalter seines Lebensprozesses ins Fadenkreuz des religiösen Totalitarismus. So heißt es in einem Manifest der ägyptischen ‚Dschihad‘-Gruppe von 1987: „Wir möchten dem modernen Heidentum und dem modernen Götzendienst, die sich in unseren Ländern und in den meisten Ländern der Islamisten … als Nachahmung des gottlosen und heidnischen Europas verbreitet haben, den Krieg erklären – wie unsere Vorfahren gegen das Heidentum und die alte Götzendienerei gekämpft haben“ (zit. n. Al-Azm 1993, S. 101.).

2) Die postmodernistische Destruktion allgemeingültiger Regeln begreifender Wirklichkeitsanalyse und -bewertung, die Auflösung des Wahrheitsbegriffs sowie generell die Dekonstruktion wissenschaftlicher Realitätsverarbeitung fügt sich nahtlos ein in die fundamentalistische Verketzerung moderner Bildung. Dabei erregen insbesondere die materialistische Anmaßung, das Universum ohne Gott erklären zu wollen, das Prinzip der „Selbstvervollkommnung des Menschen“ sowie überhaupt der Entwicklungsgedanke die hasserfüllte Ablehnung seitens der religiösen Glaubenseiferer. So heißt es bei einem Sprecher der von Maududi gegründeten islamistischen Partei Pakistans, der Dschamaat-e-Islami: „Niemals wurden in der islamischen Gesellschaft Selbständigkeit, Neuerung und Wandel als (…) Werte betrachtet. Das Vorbild sind vielmehr die dauerhafte, unveränderliche, transzendentale und von Gott geoffenbarte Moral sowie die theologischen und geistigen Werte von Koran und Sunna“ (ebenda, S. 126)8.

3) Der postmoderne Fortschrittsdefätismus und die Verschmähung der Emanzipationsmöglichkeit der Menschen als „große Erzählung“ spielen unmittelbar der traditionsideologischen Herrschaftsapologetik der Fundamentalisten in die Hände. So sind für die Akteure des ägyptischen Dschihad die Menschen „keineswegs frei, einer Idee, die Gottes Religion und Gesetz entgegengesetzt ist, oder gar dem Atheismus, der Verdorbenheit und der Neuerung anzuhängen“ (ebenda. S. 116). Und weiter: „Demokratie fordert Gleichheit aller Bürger. Die Staatsbürgerschaft ist ohne Ansehen von Religion und Frömmigkeit das Fundament dieser Gleichheit. Der Islam lehnt diese Ansicht ab. Ebenso wie er die Gleichheit von Muslimen und Ungläubigen (…), von Wissenden und Unwissenden (…), von Gottesfürchtigen und Gottlosen ablehnt“ (ebenda, S. 117). Sehr klar wird der totalitäre Herrschaftsanspruch des orthodoxen Islam im „Sendschreiben des Glaubens“ von Saleh Sirriya zum Ausdruck gebracht: „Ein islamischer Staat ist jener, dessen innerstes Anliegen es ist, den Islam zu verbreiten und für ihn in toto einzutreten, innerlich und äußerlich (…) Dies bedeutet: Herrschaft über alle staatlichen Apparate und über alle Lebenszusammenhänge. Jegliche Information würde dann im Dienste der islamischen Mission stehen. Und nichts, was dem Islam entgegengesetzt ist, würde in Funk oder Presse veröffentlicht. Der Zweck der Erziehung bestünde darin, Generationen heranreifen zu lassen, die an den Islam glauben, mit ihm vertraut sin, ihn als ihre Richtschnur akzeptieren und sich für sein Wohl opfern. Daher müßten alle Curricula in diese Richtung ausgearbeitet werden – einschließlich der Wissenschaften. Und niemand wird Verantwortung in den Bereichen Information und Erziehung erhalten, wenn er nicht ein Missionar für den Islam ist“ (ebenda, S. 111f.).

4) Die kulturrelativistische Auflösung der Menschheit in ‚inkommensurable‘, absolut differente und deshalb gleichberechtigte Kulturen unabhängig von ihrer realen Beschaffenheit wird von den fundamentalistischen und totalitären Protagonisten nichtwestlicher Herrschaftskulturen als „geistige Waffe“ instrumentalisiert, um ihre lokalen Menschenrechtsverletzungen zu rechtfertigen. Diese Vorgehensweise ist eindrucksvoll von Al-Azm (1996, S. 10) exemplifiziert worden: „Als amnesty international und andere Menschenrechtsorganisationen das Regime Saddam Husseins anprangerten, weil Bagatelldieben die Ohren abgeschnitten und bei geringfügigen Gesetzesübertretungen die Nasen entfernt werden, antwortete Tariq Aziz nach diesem Muster. Er beschuldigte die Kritiker des irakischen Regimes öffentlich, eurozentrisch zu sein, einem voreingenommenen westlichen Bezugspunkt anzuhängen, zu wenig Verständnis für die irakische Gesellschaft aufzubringen, es an Achtung vor Besonderheiten und Eigenheiten der arabischen Kultur, den muslimischen Werten, der Scharia usw. fehlen zu lassen. Offenkundig sind Partikularismus, Nativismus und kultureller Relativismus die letzten Rückzugsgebiete dieser Verbrecher – ganz in der Art, wie der Patriotismus stets die letzte Zuflucht für gewisse Schurken war.“

1 Leicht überarbeiteter Auszug aus: Hartmut Krauss, Faschismus und Fundamentalismus, Osnabrück 2003.

2 Der allgemeine Begriff des Menschen, wie er im emanzipatorisch-antifeudalistischen Diskurs verwendet wurde, wird zurückgenommen und dem herrschenden Interesse im Rahmen der kapitalistischen Klassenrealität angepasst. D. h.: Das „freie“ Individuum wird nun als „freier männlicher Eigentümer“ konzipiert. „Vernunft“ wird aus den heroischen Höhen der Revolutionsphase auf den funktionalen Boden der kapitalistischen Systemreproduktion geholt, also der via Konkurrenz „eingepaukten“ Logik des Profits untergeordnet. Sie schrumpft mithin zur „instrumentellen Vernunft“.

3 Das Konzept der allgemeinmenschlichen Fähigkeit zur Mündigkeit bzw. der Kompetenz, den Status „selbst verschuldeter Unmündigkeit“ eigenständig verlassen zu können, ist ein zugleich herrschafts- und subjektkritisches Konzept par excellence.

4 „Gerade dadurch, daß die Neuzeit sich von jedem religiösen Bezug lossagt, vollendet sie die biblische Offenbarung: es gibt nur eine einzige Menschheit“ (Finkielkraut 1989, S. 110).

5 „Vor der französischen Kultur, der deutschen Kultur, der italienischen Kultur, gibt es die menschliche Kultur“ (Renan, zit. n. Finkielkraut 1989, S. 41).

6 Die „historische Rechtsschule“ war eine am Ende des 18. Jahrhunderts in Deutschland entstandene Richtung in der Geschichts- und Rechtswissenschaft. Ihre Grundausrichtung war die Legitimation feudaler Privilegien und Institutionen durch den Nachweis langfristiger historischer Traditionen.

7 In der Sicht Bassam Tibis dient die Kritik am Projekt der Moderne primär dazu, „die Revitalisierung des Religiösen zu rechtfertigen. Die Religionskritik der Aufklärung setzte kognitive Potentiale frei; diese gilt es nun zu bändigen und die Sicherheit des Glaubens bei der Welt- und Selbstdeutung wieder herzustellen. Die Leistung der kulturellen Moderne, den Glauben an das Absolute reflexiv zu machen und das religiöse Leben in eine Verkörperung des Prinzips der Subjektivität umzuwandeln, wird gegenwärtig von Vertretern der Postmoderne in Frage gestellt. Einer unter ihnen, Peter Koslowski, versteht die Postmoderne als eine Überwindung der ‚Schranke totalisierender … Vernunftherrschaft‘, um den Weg für die Wiederherstellung der ‚messianische(n) Hoffnung auf das Absolute‘ zu ebnen“ (1991a, S. 206).

8 Eine wesensgleiche Einstellung formuliert auch der katholisch-fundamentalistische Erzbischof Lefebvre. Für ihn bedeutet jede Entwicklung, d. h. die Abkehr von der beständigen „Wiederkehr des Gleichen“, den Tod des Glaubens. Die intellektuelle Neugier bzw. den modernen Forschergeist geißelt er als „morbide Liebe zur Neuerung unter dem Vorwand des Fortschrittes“. Deshalb sei auch „ein freier Forscher“ nicht mehr zu unterscheiden vom Feind der Religion schlechthin: dem „Freidenker“. (Vgl Al-Azm 1993, S. 125f.).