1968, die Linke und die «Arbeiterklasse»

Philipp Sarasin / 25. Mrz 2018 –

Sie interessiere sich nicht mehr für «die Arbeiter», betreibe nur noch «Identitätspolitik». Stimmt dieser Vorwurf an «die Linke»?

Red. Philipp Sarasin lehrt Geschichte der Neu­zeit an der Universität Zürich. Er ist Mit­be­gründer des Zentrums Geschichte des Wissens, Mitglied des wissen­schaft­lichen Beirats der Internet­plattform H-Soz-Kult und Heraus­geber von Geschichte der Gegenwart. Er kommentiert privat auf Twitter.

https://www.infosperber.ch/Artikel/Gesellschaft/1968-die-Linke-und-die-Arbeiterklasse

Kommentar GB:

Die Abkehr von der Arbeiterklasse, also der sozialen Frage, und ihr Ersatz durch die ökologische Frage, sowie die Übernahme von Feminismus, Genderismus, Homophilie, rechtsradikal- islamophilem Kulturrelativismus mit postkolonialen Positionen und der postmodernistische Philosophie im allgemeinen (Foucault u. a.) kennzeichnet den Wandel der Neuen Linken zur postmodernen Linken, wie sie sich in den 80er – Jahren mit zunehmender Irrationalität in den Grünen und ihrem Milieu ausprägte, das stark in benachbarte Parteien hineinwirkte. Es ist dies genau jenes pseudo-avantgardistische „antideutsche“ intellektuelle Verfallsmilieu, das von rechts polemisch zugespitzt als „links-grün versifft“ bezeichnet wird.

Hartmut Kraus kommentiert:

Die „Linke“ ist nur noch ein Phantomschmerz

Ohne genauere Definition von „links“ und „die Linke“ führt eine Debatte über 1968 und die Selbsteliminierung der „Linken“ aus meiner kritisch-marxistischen Sicht nicht weiter.

http://www.glasnost.de/autoren/krauss/herrschaft1.html

Gerade weil „68“ der politisierte Höhepunkt einer Kulturrevolution war, in der die Emanzipation des Individuums aus einengenden Zwängen tradierter Herrschaftskultur und repressiver Sexualmoral im Mittelpunkt stand, war sie intellektuell nahtlos anschließbar an Marx kategorischen und herrschaftskritisch-universalistischen Imperativ alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ (MEW 1, S. 385).

Deshalb war es schon immer falsch bzw. reduktionistisch, Herrschaftskritik auf den westlichen Kapitalismus/Imperialismus/Kolonialismus einzuengen.

Aber lediglich– wie sich heute zeigt – ein sehr kleiner Teil der 68er folgte konsequent dieser Linie und schon in den 1970er Jahren löste sich die Bewegung im Grunde in „postmarxistische“ Alternativbewegungen auf, während gleichzeitig der Formaspekt der kulturellen Veränderung (Mode, Ästhetik, Musikgeschmack etc.) von der spätkapitalistisch-konsumistischen Massenkultur als Innovationsschub genutzt und werbeindustriell absorbiert wurde.

Nur die Verdrängung bzw. Negation der universalistisch-herrschaftskritischen Leitlinie des Marxschen Imperativs erlaubte nun die Verklärung und Fraternisierung mit vormodernen nichtwestlichen Herrschaftskulturen im Stile jener „Dritte-Welt“-Romantisierung und Neuanbetung des „edlen Wilden“, für die auch die postindustrielle Heterogenisierung der nach wie vor existierenden „Klasse der Lohnabhängigen“ keinen triftigen Erklärungs- oder Rechtfertigungsgrund abgibt.

http://www.glasnost.de/autoren/krauss/ungleich.html

Wie absurd diese mit pervertiertem „Antirassismus“ gepaarte Verklärung von „Migrantenkulturen“ de facto gerade auch in der Perspektive von „68“ ist, zeigt sich zum Beispiel hier: Wie der Erziehungswissenschaftler von Wensierski in einem Interview mit der TAZ am 21.12.2008 feststellte, ist die Bindungskraft traditioneller Familienstrukturen unter muslimischen Zuwanderern nach wie vor ungebrochen. Die Sexualmoral der jungen Muslime entspräche in etwa der deutschen Sexualmoral der 1950er Jahre. „Ein großer Teil unserer Interviewpartner hat eine ausgesprochen asketische und verbotsorientierte Sexualmoral, also: kein Sex vor- und außerhalb der Ehe, keine sexuelle Erfahrungen im Jugendalter. Das heißt auch: Die Jugendlichen werden zu Hause nicht aufgeklärt, dort wird über Sexualität nicht gesprochen. Damit einher geht eine starke Sexualisierung insbesondere des weiblichen Körpers, der wiederum tabuisiert wird.“ Zwar gäbe es eine Doppelmoral bei jungen muslimischen Männern, die ihrer eigenen sexuellen Erfahrungen mit nichtmuslimischen Frauen außerhalb der eigenen Community mache. „Aber auch bei ihnen dürfen die Eltern in den meisten Fällen von den Beziehungen nichts wissen, oder zumindest wird der Schein gewahrt. Interessanterweise ändern aber auch die eigenen sexuellen Erfahrungen nichts an den Werten dieser jungen Männer. Sie sagen nicht: Unsere Sexualmoral ist überholt. Im Gegenteil. Insbesondere am Ende der Jugendphase werden diese Erfahrungen eher als Fehltritte gewertet. Allerdings wiegen diese Fehltritte bei Frauen weit schwerer, weil die Jungfräulichkeit durch das Jungfernhäutchen überprüfbar ist und durch die Ehre auch noch ideologisch überhöht wird.“

Und zur Fehlverarbeitung des Drucks sozioökonomischer Veränderungen neben diesen Hinweisen

http://www.cddc.vt.edu/digitalfordism/fordism_materials/krauss.htm

http://www.hintergrund-verlag.de/texte-kapitalismus-krauss-importierte-armut-prekarisierte-lohnarbeit-und-neue-soziale-verteilungskonflikte.html

folgende Anmerkung:

In seiner Schrift „Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850“, beschreibt Karl Marx – noch vor dem Zeitalter der politisch korrekten Sprachverstümmelung – jene Gruppe von „jungen Leuten von 15 bis 20 Jahren“, die von der reaktionären Bourgeoisie gekauft und als konterrevolutionäre Mobilgarde gegen das aufständische Proletariat eingesetzt wurden, folgendermaßen:
„Sie gehörten großenteils dem Lumpenproletariat an
, das in allen großen Städten eine vom industriellen Proletariat genau unterschiedene Masse bildet, ein Rekrutierplatz für Diebe und Verbrecher aller Art, von den Abfällen der Gesellschaft lebend, Leute ohne bestimmten Arbeitszweig, Herumtreiber, gens sans feu et sans aveu (Menschen ohne Heim und ohne gesellschaftliche Anerkennung), verschieden nach dem Bildungsgrade der Nation, der sie angehören, nie den Lazzaronicharakter (Tagediebcharakter) verleugnend; in dem jugendlichen Alter, worin die provisorische Regierung sie rekrutierte, durchaus bestimmbar, der größten Heldentaten und der exaltiertesten Aufopferung fähig, wie der gemeinsten Banditenstreiche und der schmutzigsten Bestechlichkeit“ (Marx 1976, S. 26; Einschübe in Klammern von mir, H. K.).
Zur politischen Rolle des Lumpenproletariats allgemein stellen Marx und Engels fest:
„Das Lumpenproletariat, dieser Abhub der verkommenen Subjekte aller Klassen, der sein Hauptquartier in den großen Städten aufschlägt, ist von allen möglichen Bundesgenossen der schlimmste. Dies Gesindel ist absolut käuflich und absolut zudringlich. Wenn die französischen Arbeiter bei jeder Revolution an die Häuser schrieben: Mort auy voleurs! Tod den Dieben! Und auch manche erschossen, so geschah dies nicht aus Begeisterung für das Eigentum, sondern in der richtigen Erkenntnis, dass man vor allem sich diese Bande vom Hals halten müsse. Jeder Arbeiterführer, der diese Lumpen als Garde
(= Kerntruppe) verwendet oder sich auf sie stützt, beweist sich schon dadurch als Verräter an der Bewegung.“ (Engels 1976, S. 536.)
„Das Lumpenproletariat, diese passive Verfaulung der untersten Schichten der alten Gesellschaft wird durch eine proletarische Revolution stellenweise in die Bewegung hineingeschleudert, seiner ganzen Lebenslage nach wird es bereitwilliger sein, sich zu reaktionären Umtrieben erkaufen zu lassen“ (Marx 1980, S. 472.)
Eine aktualisierende Bestimmung des „Lumpenproletariats“ (und dessen Verhältnis zu aktuellen Formen der „Lumpenbourgeoisie“) unter den Bedingungen sozialrechtlich regulierter spätkapitalistischer Zuwanderungsgesellschaften mit offenen (deregulierten) Arbeitsmärkten und gravierenden Integrationsproblemen, lässt sich zum Teil aus dem bereits oben angegeben Text zur „Importierten Armut“ ablesen:

Halten wir fest:

Nicht „68“ und schon gar nicht Marx sind für das heutige Elend der sich islamisierenden „postmigrantischen“ Gesellschaften verantwortlich, sondern die Träger des postrealsozialistischen Globalkapitalismus und die ihnen folgenden, durch postmoderne Ideologie degenerierten Sozialdemokraten, Grünen und Poststalinisten, die man m. E. mit „Linke“ fehletikettiert. Eine politische Linke existiert real überhaupt nicht mehr. Sie ist ein Phantom der Medien und bei diversen Akteuren purer Schwindel in der Selbstbezeichnung. (Hervorhebung GB)