Medienspiegel

Zur tatsächlichen Bedeutung des islamischen Kopftuchs

11. April 2018

Hartmut Krauss

Da momentan ja zahllose (zumeist niveausenkende) Raderfinder, Diskurschaoten, Weichspüler und Späterweckte in der islamkritischen „Kampfarena“ auftauchen, lohnt sich ein Blick zurück in Bezug auf die Kopftuchdebatte.

Ich würde schon von 2008 (Islam, Islamismus, muslimische Gegengesellschaft) aus betrachtet im folgenden Textauszug (2004) nur „parallelgesellschaftlich“ durch „gegengesellschaftlich“ ersetzen und die Passage ansonsten (wie auch einige andere aus dem Text) mit einem markanten Ausrufungszeichen versehen.

Das Kopftuch ist genauso wie das Hakenkreuz ein bekennendes Zugehörigkeitssymbol zu einer grund- und menschenrechtsfeindlichen Weltanschauungsgemeinschaft mit absolutem Herrschaftsanspruch.

 

Ob die zugrunde liegende (totalitär-antihumanistische) Weltanschauung religiös oder nichtreligiös (oder wie im Falle des deutschen Faschismus politreligiös/ähnliches gilt für den Stalinismus) begründet ist, spielt bei der Urteilsbildung und Bewertung keine maßgebliche Rolle.

Weder ist es akzeptabel, willkürlich-subjektivistisch aus dem Hakenkreuz ein rein ästhetisches Abzeichen  zu machen, noch kann man es durchgehen lassen, das Kopftuch als rein spirituell-religiöses Symbol auszugeben.

(…) Was … negativ auf den aufklärungsethisch entkernten deutschen Gesetzgebungs- und Rechtsprechungsapparat zurückschlägt, ist die … Fehlbeurteilung des Islam als „reine“ Religion. Tatsächlich aber sind im Islam Spiritualität, Herrschaftsideologie und grundrechtswidrige Normativität so eng miteinander verwachsen wie im menschlichen Körper, Knochen, Muskeln und Sehnen. Das Kopftuch als passiven Ausdruck ausschließlich religiöser/spiritueller Überzeugung anzusehen ist deshalb nicht nur naiv, sondern selbstbeschädigend, denn es ist ein Symbol der Verachtung, das sich zum einen gegen die Werte der kulturellen Moderne richtet und zum anderen antiaufklärerische Integrationsverweigerung signalisiert17. (…)

(…) Treibendes Motiv bei dem hartnäckigen Versuch der rechtlichen Durchsetzung des Kopftuchs im staatlichen Raum westlicher Aufnahmegesellschaften ist auch nicht die „unschuldige“ Identitätsfindung angeblich ausdrucksbehinderter Muslime. Vielmehr handelt es sich hierbei um den handfesten Bestandteil einer schleichenden Islamisierungsstrategie auf leisen Sohlen. Ihr Ziel besteht darin, demokratische, soziokulturelle und rechtliche ‚Normalitätsstandards‘ innerhalb der Aufnahmegesellschaft zugunsten der Schaffung parallelgesellschaftlicher Entfaltungsräume zu verschieben, d. h. grund- und menschenrechtsfreie Zonen zu schaffen, in denen nicht die hiesige Verfassungs- und Rechtsordnung gilt, sondern islamische Regeln, Rechtsvorschriften und Strafen das Alltagsleben bestimmen. Dieses Vorgehen läuft darauf hinaus, unter Ausnutzung eines in Deutschland leider sehr verbreiteten abstrakten Rechtsformalismus, einer substanzethisch entkernten bzw. kastrierten Demokratieauffassung sowie einer pervertierten Toleranzideologie20 die einheimische Bevölkerung einschließlich ihrer geistig-kulturell säkularisierten Teile an Zwangsverheiratung, Koranschulen, kopftuchtragende Lehrerinnen, Schächtung, islamistische Erziehungs- und Sozialisationszonen etc., kurzum: an eine permanent und umfassend angelegte religiöse Konterrevolution zunächst auf soziokulturellem, später politischem Gebiet zu gewöhnen und anschließend zur rechtlich sanktionierten Akzeptanz zu verpflichten. Zum taktischen Instrumentarium dieser Vorgehensweise gehören zum Beispiel die Selbstinszenierung als ‚Opfer‘21 oder ‚verfolgte Minderheit‘22 sowie eine gleichzeitige Anbiederung an rechte und linke Kräfte. Während man sich der einheimischen konservativen und christlichen Rechten als Verbündeter zur Zurückdrängung einer säkular-humanistischen Bildung und liberalen Sexualmoral andient, präsentiert man sich gegenüber der poststalinistischen Linken als Bündnispartner im Kampf gegen den US-Imperialismus und gegen die kapitalistische Globalisierung. Wie erfolgreich diese Mischung aus taqiya23 und Anbiederung sein kann, zeigt das Beispiel Frankreichs, wo Tariq Ramadan, der Enkel von Hassan al-Banna, dem Gründer der ägyptischen Moslembruderschaft, zum Star der ATTAC aufsteigen konnte24. Die Erfolgsbedingung dieser islamistischen Täuschungs- und Annäherungsmanöver hat Raddatz (2002, S. 295) prägnant umrissen: „Ein auf Täuschung geschaltetes System, das auf ein System trifft, dem die Fähigkeit zur Erkennung der Täuschung fehlt, begründet die klassische Konstellation von Betrüger und Altruist, die sich in jedem Falle zugunsten des Betrügers stellt.“

‚Globalisierung‘ ist nicht nur ein ökonomischer Prozess, sondern insbesondere auch ein Vorgang der Beschleunigung, Verdichtung und Intensivierung interkultureller Wahrnehmung, einschließlich der damit verbundenen Häufung von lebensweltlichen Kontakten und normativen Kollisionen. Die Folge davon ist die verstärkte Erfahrung und Bewertung kultureller Differenz. Im Zusammenspiel mit verstärkten Migrationsbewegungen und vor dem Hintergrund des Nichtvorhandenseins eines allgemeinverbindlichen Wertekonsenses stärkt Globalisierung somit nicht das menschliche Zusammengehörigkeitsgefühl, sondern schwächt es. Diese intensivierte Erfahrung kultureller Differenz hat nun bei zahlreichen Menschen eine (politisierungsfähige) kognitive Dissonanz hervorgerufen, für deren Verarbeitung gemeinhin zwei unmittelbarkeitsfixierte Deutungs- und Handlungsmuster bereitgehalten werden:

1) eine abstrakt-pauschale Fremdenfeindlichkeit, oftmals gepaart mit rassistischer und nationalistischer Ideologie (rechte Variante), und

2) eine abstrakt-pauschale Fremdenfreundlichkeit, oftmals gepaart mit multikulturalistischer und kulturrelativistischer Ideologie. („linke“ Variante).

Angesichts dieser sich wechselseitig negierenden und emotional hochschaukelnden Bipolarität der vorherrschenden Einstellungsmuster hat es ein drittes, u. E. adäquates Verarbeitungsmuster der beschriebenen Dissonanz schwer, sich zureichend Gehör zu verschaffen, nämlich die (herrschafts-)kritische Analyse und Bewertung des Fremden auf der Basis universell gültiger emanzipatorischer Maßstäbe, die man auch an sich selbst bzw. die eigene Kultur/Gesellschaft anlegt. Charakteristisch für diese dritte Position sind folgende Merkmale: Sie ist nicht vorausurteilend, korrekturoffen und basiert auf transparenten Begründungen. Ausschlaggebend für die Analyse und Bewertung ist hier nicht die – entweder verteufelte oder romantisierte – Fremdheit des Anderen, sondern die konkrete Beschaffenheit seiner praktizierten Gesinnung, seiner Intentionen, handlungsrelevanten Überzeugungen und sozialen Verhaltensweisen (in Abhebung von sekundären Aspekten wie Äußerlichkeiten, Körpermerkmale, Essgewohnheiten etc.). (…)  –

http://www.glasnost.de/autoren/krauss/kpst.html

Dies alles offenbar (auch) mit Bezug auf:

https://www.focus.de/politik/deutschland/neues-buch-vorgestellt-autor-hamed-abdel-samad-kopftuch-debatte-birgt-wurzel-fuer-viele-integrations-probleme_id_8741436.html