Kulturelle ‚Moderne‘ und kapitalistische Gesellschaft

Kulturelle ‚Moderne‘, kritischer Marxismus und eine radikal-humanistische Antwort auf den religiösen Fundamentalismus

Hartmut Krauss

Das ideologisch dominante Kernstück der ‚prämodernen‘ (vorindustriell-agrarisch fundierten) Herrschaftsorganisation – als nach wie vor aktuelle Erscheinungsform antagonistischer Zivilisation – war und ist das theozentrische Weltbild.

Sein Grundcharakteristikum ist die Leugnung der autonomen Subjektqualität der Menschen als vernunftbegabte Selbstgestalter ihres eigenen Lebensprozesses und statt dessen die Setzung Gottes als allmächtiger Schöpfer, Gestalter und Richter des Weltgeschehens. Die gattungsspezifischen Wesenskräfte der Menschen werden damit auf eigentümliche Weise in „verhimmelter“ Form vom irdischen Grund abgetrennt, auf das transzendentale Medium „Gott“ projiziert und damit „unrealistisch“ zu einem ‚Metaphysikum‘ überhöht: Mit dem Glauben an diese abgetrennte, personifizierte und sakralisierte Wesenskraft will man „Berge versetzen“. Der Mangel an Realitätskontrolle („das irdische Jammertal“) wird mit dem „Setzen“ auf eine übernatürliche Instanz kompensiert („Erlösung im Jenseits“).

Diese theozentrische Weltanschauung beinhaltet in den unterschiedlichen konkreten Glaubenssystemen eine religiös-ontologische Rechtfertigungslehre bezüglich der bestehenden irdischen Herrschaftsbeziehungen (zwischen Herrschern und Untertanen; Gläubigen und Ungläubigen; Männern und Frauen, Stämmen, Sippen und Ethnien etc.). Insofern fungierten und fungieren die religiösen Glaubenssysteme immer auch als „ausgesprochene“ Herrschaftsideologien. So gilt die soziale (geburtsrechtlich-ständische) Ungleichheitsstruktur der feudalen Gesellschaft mit ihren spezifischen Ausbeutungs-, Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnissen in der dominanten christlich-religiösen Sichtweise als durch göttlichen Willen vorherbestimmte und damit unveränderbare bzw. hinzunehmende Ordnung. In der dominanten Lesart des Islam werden unter Verweis auf den Koran, Sure 4/Vers 59 („O ihr, die ihr glaubt, gehorchet Allah und gehorchet dem Gesandten und denen, die Befehl unter euch haben“) die irdischen Herrschaftsbeziehungen sakralisiert, d.h. als heiliges Gebot Allahs sanktioniert. Insofern der Imam Nachfolger des Propheten (Kalif) ist, agiert er gleichzeitig als unantastbarer religiöser und politischer Führer im Interesse der Erhaltung/Einhaltung der göttlichen Gesetzesordnung. In kulturell unterschiedlicher Ausprägung firmiert damit die theozentrisch-religiöse Weltanschauung als ‚ideologischer Kitt‘ z.B. der christlich-abendländischen Feudalordnung sowie der orientalischen Despotie.“ (…)

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