Richard Sennett: Zusammenarbeit

Was unsere Gesellschaft zusammenhält

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Buchbesprechung

von Michael Mansion

Der Soziologe und Historiker von der London School of Economics und der New York University hat ein Anliegen, welches sich durch dieses Werk wie ein roter Faden zieht und das heißt: Kooperation. Was sich durchaus nicht revolutionär und eher wie ein Gemeinplatz anhört, hat es aber in sich, denn er bringt diesen Begriff gegen den der Solidarität gewissermaßen in Stellung, wobei er dieser unterstellt, sie konstruiere gesellschaftliche Unterschiede dort, wo Kooperation angesagt wäre.

Das wirft die Frage nach einem hier dingfest zu machenden Grenzverlauf auf, der sich möglicherweise am besten mit einem Umkehrschluss beantworten lässt.

Wenn nämlich Kooperation der zentrale Schlüssel für ein gedeihliches menschliches Miteinander ist, was sind dann die solches verhindernden Faktoren und warum?

Sennett begreift Solidarität mit der eigenen Community als eine gegen die jeweils andere gerichtete, wobei er dem Solidaritätsverständnis ein Unterscheidungsmerkmal zwischen einer, dies artikulierenden, politischen und einer sozialen Linken unterstellt.

Für ihn muss geklärt werden, ob das Prinzip Einheit oder eine vielfältige Inklusion Vorrag haben soll. Das – so der Autor – müssen die politischen Bewegungen jeglicher Couleur unterscheiden und entscheiden.

Sennetts Haltung ist sozialdemokratisch. Er sieht die unterschiedlichen Haltungen innerhalb der Linken (der er sich zugehörig fühlt) ausgelöst durch einen radikalen „Faktor X“.

Das, was er unter der politischen Linken versteht, sieht er gefangen im Streben nach gemeinsamen Schlussfolgerungen. Die soziale Linke verfolge dagegen den dialogischen Prozess, welcher der politischen Linken verdächtig, da kompromittierend sei.

Im kooperativen Verhalten macht er eine Sensibilität ausfindig, die sich der vorgefertigten Kategorie entzieht. Sie sucht das Verbindende und vermittelt prozesshaft auch Selbsterkenntnis.

Dabei sind die modernen Gesellschaften nicht eben hilfreich durch die vermittelte Ungleichheit, ständigen Zeitdruck, zunehmend nur noch oberflächliche Bindungen und das Bedürfnis nach Konfliktvermeidung, bis hin zu einem medial erzeugten homogenisierten Geschmack.

Erscheinungen, denen Sennett eine Dequalifikation im Hinblick auf mögliche Kooperation bescheinigt.

Die soziale Entwicklung im Kindesalter, zwischen einsamer und kollektiver Erfahrung, erhält eine Schlüsselrolle, ähnlich dem Hinweis auf die für jede Kooperation erforderlichen und erlernten kulturellen Rituale.

Das zunehmend verloren gehende Element des Dialogischen, findet seine negative Entsprechung in einem zunehmend digitalen Behauptungsfetischismus, der ein Überspringen von wesentlichen Unterschieden in eine vorschnelle Sympathie/Empathie Denkfigur oder deren Gegenteil auflösen will.

Die erfolgreiche politische Erhebung ist für ihn von erkennbarer Disziplin begleitet. Hier steht Solidarität für straffe Organisation und feste Hierarchie, aber welcher mögliche und substantielle Protest genießt (noch) den Schutz des Staates?

Das Spannungsverhältnis von Reform und Gleichschaltung, lässt den Faktor Identität zwischen Gesichtswahrung und Kompromiss pendeln.

Dabei ist das Kooperationsritual ein fester und jeweils unterschiedlicher, da kulturell gefärbter Ablauf in dem Bestreben, auch dem Schwächeren eine Teilnahme am gemeinsamen Ehrenkodex zu ermöglichen.

Die Entfremdung der politischen Klasse zur Basis, hat eine weitere, durch die zwischen Politik und Medien erfahren, wobei sich seit dem 19. Jahrhundert das Bündnis zwischen Politik und Journalismus professionalisiert hat.

Man spricht zu den Menschen, aber mehr und mehr nicht mehr mit ihnen.

Auch die Blogs hält Sennett nicht für einen Ausweg, da die wirklich Einflussreichen auch die Herausgeber der Blogs sind.

Es entsteht ein Ressentiment-Gefühl vor allem dort, wo die einfachen Leute das Empfinden haben, die Eliten wüssten nichts von ihren Problemen. Es überkreuzen sich zudem soziale, ethnische und Klassenzugehörigkeiten.

So identifiziere sich ein Teil der US-Eliten zwar mit den schwarzen, jedoch nicht mit den weißen Arbeitern, was an das durchaus vergleichbare Verhalten sog. Eliten in Deutschland erinnert, die im Migranten einzig den exotischen „Wilden“ sehen wollen, dem uneingeschränkt Solidarität zu bekunden ist.

Nicht jede Koalition sei eine Verschwörung und Bürgerbewegungen können Gesprächsfähigkeiten wecken, wobei der Autor Saul Alinsky zitiert, der auch das gemeinsame Saufen empfahl und damit auf eine Ebene verweist, die nicht zielgerichtet im thematischen Sinne funktioniert, sondern eine dialogische Zwanglosigkeit pflegt, die in jedem Falle vertrauensstiftend ist.

Hier setzt Sennett einen Schwerpunkt seiner Überlegungen, weil Konventionen und Rituale, also der ganze gesellschaftliche Habitus sowohl eine Tradition haben und andererseits für den freien Umgang in freier Interaktion erarbeitet werden müssen.

Er verweist auf das Musée Social in Paris, wo man sich mit nachhaltigen Strukturen erwünschten Handelns beschäftigt hat, einer Mischung aus formaler und informeller Kooperation, die zielgerichtet zu sein hat.

Im Rückblick auf die Antike gebührt hier dem Handwerk eine kooperative Betrachtung, hielten doch sowohl Konfuzius als auch Platon die Handwerker für „gute Bürger“.

Das Wort Multikulturalismus sagt laut Sennett nicht, wie man zusammenleben soll. Er hält jedoch ethnische Unterschiede für auflösbar, wenn man gemeinsam anspruchsvolle Dinge tut.

Die Fähigkeit, als freier Mensch zu kooperieren, sollte in speziellen Einrichtungen erworben werden können. Kompetenz muss sich in gemeinschaftliche soziale Erfahrung wandeln.

Aktive Kooperation statt bloßer Toleranz (Kautsky).

Projekte ohne Gegenleistung in lokalen Gemeinschaften im Gleichgewicht zwischen Kooperation und Konkurrenz. So entsteht auch eine Neustrukturierung aller von Ritualisierung durchzogenen gesellschaftlichen Bereiche.

Im Spannungsfeld zwischen sakraler und weltlicher Macht im späten Mittelalter, hatte diese etwas Theatralisches in mythischer Durchdrungenheit und politischer Kunstform und die Kanzel war der wichtigste Moderator der öffentlichen Meinung, aber die Priester waren keine guten Redner.

Im 16. und 17. Jahrh. kommt es zur Trennung von Religion und Wissenschaft. Das Experiment lud zum dialogischen Gespräch ein. Der Verhaltenskodex der oberen Klassen verlagerte das Gewicht von ritterlichen zu höfischen Umgangsformen. Dieser Wandel prägte wesentlich das neuzeitliche Verständnis von Kooperation. Dies zeigte sich auch in der Architektur etwa der Burgen, die ihre militärische Funktion zugunsten zeremonieller und sozialer Orte verloren.

Im 17. Jahrh. Gab es bereits sog. Anstandsbücher, welche die Regeln des höfischen Verhaltens codifizierten.

Sennett zitiert den Soziologen Norbert Elias mit der Aussage, dass die Umgangsformen an den Höfen im 16. und 17. Jahrh. die Grundlage für das lieferten, was wir heute Höflichkeit nennen.

Es waren die Diplomaten der Renaissance, welche diese „guten Sitten“ quasi transportierten.

Jede Gesellschaft braucht ein gemeinsames „Sozialkapital“, wobei die aktuelle Zivilgesellschaft durch passive Partizipation gekennzeichnet ist.

Die Werbung schafft neue Identitäten, welche die Leute glauben macht, sie seien das, was sie besitzen. Die „Wertigkeit der Person“ wird durch Besitz gesetzt. Die Werbung spielt mit dem Ressentiment.

Zugleich breitet sich Depression bei Kindern z.B. in den USA aus, wo 6 Mill. von Medikamenten abhängig sind.

Die neuen sog. Sozialen Medien machen ihre Nutzer zu Selbstdarstellern einer Kultur der Belanglosigkeiten. Je ärmer die Haushalte (Beispiel England), um so mehr Zeit verbringen die Kinder vor dem Bildschirm. Ungleiche Möglichkeiten zur Teilhabe am Massenkonsum führen zu neidvollem Vergleich.

Die sog. Sozialen Netzwerke stellen das Prinzip der Kooperation durch Inklusion in Frage, denn sie können nicht nur ein-, sondern auch ausschließen.

Der neidvolle Prozess eines Beteiligtseins oder Nicht-Beteiligtseins erzeugt bei Kindern etwas Ungeselliges.

Soziale Bindungen werden online im Sinne einer theatralischen Darbietung konsumiert.

Eine kooperative Verpflichtung gehört nicht zu den Dingen, welche online lebendig wird.

Erodieren solche sozialen Verpflichtungen auch in der Arbeitswelt und wenn —– warum?

Der Kapitalismus – so der Autor – hat sich von zeitlich stabilen Organisationsformen zunehmend entfernt, was zugleich die Möglichkeiten für informelle Bindungen minimiert.

Die Auflösung in Dienstleister und in die Finanzbranche ist signifikant.

Auch das kurzfristig angelegte „ungeduldige“ Kapital ist eine moderne Erscheinung in Erwartung ebenso kurzfristiger Gewinne und dies oft zu Lasten der Unternehmen.

Transaktionen lösen dauerhafte Beziehungen ab. Die Arbeitsverhältnisse verkürzen sich und Kontext-bezogenes Wissen nimmt ab zugunsten eines abstrakten Flexibilitätsgebotes.

Der Begriff der Stabilität wird zum Stigma.

Die unerklärlichen Produkte der Finanzwelt sind das Glaubensbekenntnis an das Prinzip Unsicherheit und Inkompetenz versteckt sich hinter Sorglosigkeit.

Die nur kurzfristige Orientierung zersetzt derweil die höflichen Umgangsformen.

Kooperation wird geschwächt durch strukturelles Ungleichgewicht und die neuen Formen der (Zeit-) Arbeit.

Es erfolgt ein Rückzug in die Psyche eines unkooperativen „Ich“,dem es kein Unbehagen mehr bereitet, sich nicht kooperativ zu verhalten.

Der desavouierte Begriff der Autorität wäre neu und im Sinne verantwortungsbewussten und verantwortlichen gesellschaftlichen Handelns zu besetzen, weil es gesamtgesellschaftlich nicht um einen Egalitarismus gehen kann, sondern um eine Gleichheit der gesellschaftlichen Bedingungen (A. de Tocqueville).

Der professionelle Mediator hätte dem aktuellen Berater einiges voraus, denn er beherrscht die Alltagsdiplomatie und provoziert einen ständigen Neuabgleich, was den höflichen Umgangsformen wieder zuträglich ist.

Kooperation ist auf aktive Beteiligung angewiesen.

Was im Mittelalter die Zünfte und Gilden im Sinne ihrer ordnenden Funktion leisteten, können Mediatoren übernehmen, meint Sennett.

Gegenseitiger Nutzen in erkennbar fairem Einvernehmen muss das Ziel sein. Dabei ist Inklusion erreichbar, wenn alle Teilnehmer sich auf einen Kodex einigen konnten.

Gemeinschaft bedeutet Engagement und Partizipation.

Nach Max Webers Meinung kann Gesinnungsethik Unterschiede nur ausschließen oder bestrafen.

Werden abweichende Meinungen zugelassen, brechen die Überzeugungen zusammen.

Wie aber kann man durch Kooperation Sinnhaftigkeit erzeugen?

Kooperation verbessert die Lebensqualität, wofür der lokale Raum, die lokale Gemeinschaft, hierfür der beste Ort sind.

Montaignes Katze spielt bei alldem auch noch eine kleine Rolle, aber die von Erwin Schrödinger nicht mehr, was auch zu weit führen würde, weil der Autor Soziologe und nicht Physiker ist, eine mögliche Kooperation beider Wissenschaften aber dennoch nicht ausschließen müsste.

Die Sache bleibt spannend und der Umgang damit empfehlenswert. – (Hervorhebungen GB)