Oswald Spengler

Neues Buch:

»Der lange Schatten Oswald Spenglers«

Vor 100 Jahren erschien der erste Band des »Untergangs des Abendlandes«, verfaßt von Oswald Spengler (1880-1936), der in der Folge einer der weltweit berühmtesten Geschichtsdenker der 1920er und 1930er Jahre werden sollte. Nun tritt die die »Oswald Spengler Society« mit »Der lange Schatten Oswald Spenglers« mit einer ersten Buchpublikation an die Öffentlichkeit.

https://www.freiewelt.net/nachricht/neues-buch-der-lange-schatten-oswald-spenglers-10074948/

https://www.oswaldspenglersociety.com/activities

https://www.amazon.de/lange-Schatten-Oswald-Spenglers-Schriftenreihe/dp/3944872711

Kommentar GB:

Hartmut Krauss über Oswald Spengler

Spengler und die Nazis1

Eine besonders markante und für die faschistische Ideologie konstitutive Verknüpfung von (a) ‚prämoderner‘ herrschaftskultureller Leitorientierung mit (b) ‚modernen‘ kapitalistischen Herrschaftsinteressen und -strategien auf der Grundlage (c) eines repressiv-antihumanistischen Menschenbildes findet sich in der zutiefst reaktionären Gedankenwelt Oswald Spenglers (1880-1936). Nach eigenem Zeugnis entscheidend von Nietzsche beeinflußt, ‚paradigmatisiert‘ Spengler zum einen die cäsaristisch-diktatorische Ausprägungsform der Sklavenhaltergesellschaft als Leitbild für den deutschen Imperialismus. D. h. das Imperium Romanum dient als exemplarisches bzw. formgebendes Vorbild für die Realisierung der nach außen expansiven und nach innen repressiven Interessen der herrschenden großkapitalistischen Kräfte mit dem Ziel der Eroberung fremder Territorien („Lebensraum“) und der kriegerischen Erbeutung von Arbeitssklaven („Fremdarbeiter“)2. Entscheidende Voraussetzung für die Durchsetzung dieses anvisierten neuen „Imperium Germanicum“ ist die Etablierung einer aktualisierten „Cäsarenherrschaft“3, d. h. die Installierung eines diktatorischen Regimes mit einer charismatischen Führerpersönlichkeit an der Spitze. Zum anderen glorifiziert Spengler das kapitalistische Profitstreben und generell die konkurrenzförmige bürgerlich-unternehmerische Wirtschaftspraxis. „Eigentlich ist Spengler der erste bürgerliche Philosoph in Deutschland gewesen, der das Streben nach Geld als Voraussetzung für die Macht in aller Offenheit verherrlichte und in seiner Zukunftsprognose die Technik über die Kunst stellte“ (Petzold 1982, S. 190). Die ‚not-wendige‘ Verknüpfung von prämodern-diktatorischer („cäsaristischer“) Herrschaftskultur mit ökonomisch-technischer und kapitalistisch-organisatorischer Modernität als den zwei funktionalen Seiten einer imperialistischen (Herrschafts-) Medaille ‚fundiert‘ Spengler mit Hilfe der ‚Anthropologisierung‘ der aggressiv-kriegerischen und räuberisch-expansiven Tendenzen der deutschen Herrschaftselite. So ist für ihn der Mensch im Grunde seines Wesens ein Raubtier. „Das Raubtier ist die höchste Form des freibeweglichen Lebens. Es bedeutet das Maximum an Freiheit von anderen und für sich, an Selbstverantwortlichkeit, an Alleinsein, das Extrem der Notwendigkeit, sich kämpfend, siegend, vernichtend zu behaupten. Es gibt dem Typus Mensch einen hohen Rang, daß er ein Raubtier ist“ (Spengler 1931, S. 17). Diese „Raubtier-Anthropologie“ liefert den apologetischen Begründungsrahmen für folgende integralen Herrschaftsaspekte:

1) Offensive Bekräftigung der bürgerlich-kapitalistischen Eigentumsideologie verbunden mit der absolutistischen Ausschließung demokratischer Kontrolle: „Ein Raubtier ist jedermanns Feind. Es duldet in seinem Revier niemand seinesgleichen – der königliche Begriff des Eigentums hat hier seine Wurzel. Eigentum ist der Bereich, in dem man unumschränkte Macht ausübt, erkämpfte, gegen seinesgleichen verteidigte, siegreich behauptete Macht. Es ist kein Recht auf ein bloßes Haben, sondern auf ein selbstherrliches Schalten und Walten damit“ (ebenda, S. 21).

2) Affirmative Verabsolutierung des Rechtes des Stärkeren als kriegerisches Grundprinzip der menschlichen Existenz: „Aus Raubtierkämpfen zwischen einzelnen ist der Krieg geworden, ein Unternehmen von Stamm gegen Stamm, mit Führern und Gefolgschaften, mit organisierten Märschen, Überfällen und Gefechten. Aus der Vernichtung des Besiegten wird das Gesetz, das dem Unterliegenden auferlegt wird. Das menschliche Recht ist immer ein Recht des Stärkeren, das der Schwächere zu befolgen hat, und dieses Recht zwischen Stämmen als dauernd gedacht ist der ‚Friede‘“ (ebenda, S. 53).

3) Biologistische Konstruktion von „Herrenrassen“ mit Blick auf das deutsche Volk: „Es gibt Völker, deren starke Rasse den Raubtiercharakter bewahrt hat, räuberische, erobernde Herrenvölker, Liebhaber des Kampfes gegen Menschen, welche den wirtschaftlichen Kampf gegen die Natur den anderen überlassen, um sie zu plündern und zu unterwerfen“ (ebenda, S. 54).

4) Begabungsideologische Naturalisierung des ‚volksinternen‘ Gegensatzes zwischen ‚Herrschenden‘ und ‚Beherrschten‘: „Die Gruppe der Führernaturen bleibt klein. Es ist das Rudel der eigentlichen Raubtiere, das Rudel der Begabten, das über die wachsende Herde der anderen in irgendeiner Weise verfügt. Aber selbst diese Herrschaft der wenigen ist von der alten Freiheit weit entfernt. Das liegt in dem Worte Friedrichs des Großen. ‚Ich bin der erste Diener meines Staates.‘ Deshalb der tiefe verzweifelte Drang der Ausnahmemenschen, innerlich frei zu bleiben. Hier und erst hier beginnt der Individualismus als der Widerspruch gegen die Psychologie der ‚Masse‘. Es ist das letzte Aufbäumen der Raubtierseele gegen die Gefangenschaft in der Kultur, der letzte Versuch, sich der seelischen und geistigen Einebnung zu entziehen, die durch die Tatsache der großen Zahl bewirkt und dargestellt wird“ (ebenda, S. 57f.).

Im Grunde liefert Spengler eine ‚vorauseilende‘ Legitimation des Naziregimes als diktatorisches Ordnungs- und Mobilisierungsgefüge für die Umsetzung der extensiven Reproduktionsstrategie des deutschen Industriekapitals. In seiner Rede vor dem Düsseldorfer Industrieklub am 27. Januar 1932 hat Hitler dann die Kerngedanken Spenglers eigentlich nur noch politisch-strategisch angewandt bzw. konkretisiert und antibolschewistisch-antimarxistisch präzisiert. Ausgehend von der sozialdarwinistischen („raubtieranthropologischen“) Apologie des Privateigentums werden zunächst die der großkapitalistischen Profitmaximierung entgegenstehenden Strukturen und Kräfte gebrandmarkt und zur Liquidierung vorgemerkt: „Ich sehe zwei Prinzipien, die sich schroff gegenüberstehen: das Prinzip der Demokratie, das überall, wo es sich praktisch auswirkt, das Prinzip der Zerstörung ist. Und das Prinzip der Autorität der Persönlichkeit, das ich als das Leistungsprinzip bezeichnen möchte, weil alles, was überhaupt Menschen bisher leisteten, alle menschlichen Kulturen nur aus der Herrschaft dieses Prinzips heraus denkbar sind“ (Domarus 1965, S. 74). Sodann wird der ‚Wille zur Diktatur‘ als probates Mittel der Reharmonisierung von politischer und wirtschaftlicher Herrschaftssicherung beschworen: „Wir stehen heute vor einer Weltlage, die für die weiße Rasse überhaupt nur dann verständlich ist, wenn man die Vermählung von Herrensinn im politischen Wollen und Herrensinn in der wirtschaftlichen Betätigung als unbedingt anerkennt, eine wunderbare Übereinstimmung, die dem ganzen vergangenen Jahrhundert ihren Stempel aufgedrückt hat und unter deren Folgen die weißen Völker zum Teil eine bemerkenswerte Entwicklung genommen haben“ (ebenda, S. 75). Erst die diktatorische Reharmonisierung der Herrschaftsstrategie setzt die ‚herrenrassische‘ Elite instand, gegen den „bösen Feind“ erfolgversprechend zu Felde zu ziehen: „Und wenn man uns unsere Unduldsamkeit vorwirft, so bekennen wir uns stolz zu ihr – ja, wir haben den unerbittlichen Entschluß gefaßt, den Marxismus4 bis zur letzten Wurzel in Deutschland auszurotten“ (ebenda, S. 88). Sehr klar wird die politisch-diktatorische Machtkonzentration und -ausdehnung als Voraussetzung für die ökonomische Expansion betont: „Es ist eine derartige Steigerung der Produktionsfähigkeit erzielt worden, daß der augenblicklich mögliche Absatzmarkt in keinem Verhältnis mehr dazu steht. Wenn aber der Bolschewismus als Weltidee den asiatischen Kontinent aus der menschlichen Wirtschaftsgemeinschaft herausbricht, dann sind auch nicht annähernd mehr die Voraussetzungen zur Beschäftigung dieser gigantisch entwickelten Industrien vorhanden … Es heißt in meinen Augen das Pferd von rückwärts aufzäumen, wenn man heute glaubt, mit wirtschaftlicher Methodik etwa die Machtstellung Deutschlands wieder zurückgewinnen zu können, statt einzusehen, daß die Machtposition die Voraussetzung auch für die Hebung der wirtschaftlichen Situation ist“ (ebenda, S. 79f.). Hitlers ‚Erlösungsversprechen‘ für die großkapitalistische Elite lautet dementsprechend: Vollständiger Einsatz des faschistisch-diktatorisch reorganisierten Staates für die imperialistischen Expansionsziele, Eroberung riesiger Absatzmärkte, Rohstoffquellen und billiger Arbeitskräfte vermittels der „besten Armee der Welt“ und gestützt auf eine zugleich ideologisch-weltanschaulich ‚gleichgeschaltete‘ und repressiv disziplinierte Bevölkerung bzw. einen ‚eisenharten Volkskörper‘5.

1 Auszug aus: Hartmut Krauss, Faschismus und Fundamentalismus. Osnabrück 2003, S. 72-75.

2 Das Streben nach imperialistischer Expansion wird von Spengler als ontologisches Zwangsgesetz ‚naturalisiert‘: „Die expansive Tendenz ist ein Verhängnis, etwas Dämonisches und Ungeheures, das den späten Menschen des Weltstadiums packt, in seinen Dienst zwingt und verbraucht, ob er will oder nicht, ob er es weiß oder nicht“ (Spengler 1972, S. 51).

3 Cäsar hatte die republikanische Ordnung Roms beseitigt, ohne die frühere Form der römischen Monarchie wiederherzustellen. Die Analogie dieses historischen ‚Deutungsmusters‘ zur ‚Weimarer Republik‘ (als Fessel imperialistischer Interessen) und zur alten Monarchie („zu schwach“) ist evident. So war Spenglers Ruf nach einem „neuen Cäsar“ „keine literarische Reminiszenz, sondern ein politisches Programm. Bei aller Sympathie für die gestürzten Hohenzollern ging Spengler doch davon aus, daß die von ihm erfaßte Krisensituation und die angestrebte Weltherrschaft eine Diktatur erforderte, die kein Zurück zur Vergangenheit im altkonservativen Sinn bedeutete, sondern den Sprung in eine Zukunft vollziehe, die mit dem Begriff Faschismus umschrieben werden kann“ (Petzold 1982, S. 42).

4 „Der politischen Demokratie analog ist auf wirtschaftlichem Gebiet der Kommunismus“ (Hitler zit. n. Hörster Philipps 1981, S. 147).

5 1941 blickte der Führer der deutschen Arbeitsfront, Robert Ley, auf Hitlers Versprechen zurück: „Die kapitalistische Wirtschaft war an einer Grenze angekommen, die sie mit ihr eigenen Mitteln nicht überschreiten vermochte. Die Risiken eines Vorstoßes in wirtschaftliches Neuland waren zu groß, um vom Privatkapital übernommen zu werden; das Kapital zog sich auf die Verteidigung der einmal erreichten Positionen zurück. So konnte es kommen, daß auf der einen Seite riesenhafte Produktionsanlagen und noch größere Warenvorräte ungenutzt liegen blieben, während auf der anderen Seite Millionen von Menschen am Rande des Elends dahinvegetierten. Der Nationalsozialismus hat nun den geglückten Versuch unternommen, der an den Grenzen zu ihrer unternehmerischen Leistungsmöglichkeiten festgefahrenen Wirtschaft neue Wege in die Zukunft zu erschließen, zu ebnen und zu sichern“ (zit. n. Marcuse 1998, S. 99).