Medienspiegel

«Der Mensch lässt sich nicht beliebig zurichten»

Freiheit endet da, wo der Staat für das Glück der Bürger sorgen will,
sagt Jörg Baberowski.
Im Gespräch erzählt der Berliner Historiker, wie er vom Linken zum Liberal-Konservativen wurde.
Martin Beglinger 30.9.2018

https://www.nzz.ch/amp/feuilleton/der-mensch-laesst-sich-nicht-beliebig-zurichten-ld.1419506?

und eine ähnliche Reflexion eines Liberalen:

https://www.nzz.ch/feuilleton/liberalismus-ist-auch-eine-charakterfrage-ld.1423981

https://www.nzz.ch/feuilleton/freiheit-ist-kein-eliteprojekt-aber-die-liberalen-muessen-zeigen-dass-sie-politische-probleme-loesen-koennen-ld.1423571

Kommentar GB:

Mir ist nicht mehr recht klar, was eigentlich gemeint ist, wenn heute von „Liberalismus“ geschrieben wird. Wenn damit der zentrale Bezug auf das selbständige, mündige Individuum, auf seine Freiheit im Denken und Handeln gemeint ist, letzteres im Rahmen von Gesetzen selbstverständlich, wenn also vom mündigen Menschen in einer Gesellschaft mündiger Menschen die Rede ist (Kant), dann würde ich das für mich in Anspruch nehmen.

Wenn damit – eingeschränkt – nur der Wirtschaftsliberalismus gemeint ist, also die perspektivische Weltsicht oder Ideologie der Besitzbürger, dann ist mindestens eine gewisse kritische Distanz angebracht. Denn damit die einen selbständig sein und selbständig wirtschaften können, mit dem Risko des Scheiterns und der Chance wachsenden Wohlstands, können das andere mangels Vermögen und dinglichem Eigentum eben nicht; sie sind und bleiben Abhängige, nämlich Lohnabhängige. Deren realen sozialen Problemlagen können der Sache nach keine nur liberale Antwort finden, weil die sozioökonomischen Existenzrisiken i. d. R. nicht individuell kompensiert werden können. Das ist in der Tat wohl nur kollektiv möglich, durch den Sozialstaat, und die Sozialdemokratie war der politische Ausdruck dieser historischen Herausforderung.

Der jüngere Gebrauch des Begriffs des Liberalismus oder der liberalen Gesellschaft bezieht sich jedoch weder auf das eine noch auf das andere, sondern bleibt unscharf, und erst bei genauerem Hinsehen wird erkennbar, daß hier heute fast immer ein multikultureller Liberalismus im Sinne eines „anything goes“ gemeint ist, der den Interessen und Neigungen der diversen  Minoritäten entstammt, der aber mit  den Interessen lohnabhängiger Mehrheiten sowenig zu tun hat wie mit den Perspektiven, die sich selbständigen Besitzbürgern bieten.

Wenn wir heute etwas über die „notwendige Verteidigung der liberalen Gesellschaft“ lesen, dann haben wir es in Wahrheit damit zu tun, daß sich minoritäre und multikulturalistische Interessen, die verallgemeinert und der Mehrheit aufgeherrscht wurden, jetzt davor zittern, entmachtet und in ihre Schranken verwiesen zu werden. Daher kommt die sich in zahlreichen Presseartikeln ausdrückende Nervosität in Verbindung mit einer aggressiv kompensierten  Ängstlichkeit: denn sie wissen, daß sie kleine Minderheiten sind, und daß sie bewußten und entschlossenen Mehrheiten nicht viel entgenzusetzen hätten.

Aus unbewußten, unentschlossenen und passiven Mehrheiten bewußte, entschlossene und aktive Mehrheiten zu machen, darum geht es heute politisch, weil nur so die derzeit minoritätsdominierten Politiken verändert werden können.