Medienspiegel

Der neu-entstandene Feminismus nach 1968

Veröffentlicht
  • „Unter dem Pflaster, da liegt der Strand.“*

  • Von Heidemarie Ambrosch | 05 Sep 18 |
  • Die bürgerliche aber auch linke Geschichtsschreibung hat viele Lücken und Verfremdungen Frauen betreffend. Insbesondere ab 1968 haben Feministinnen begonnen, diese Lücken zu füllen. Im Folgenden ein auf Frigga Haug basierender Ansatz, marxistische und feministische Geschichtsschreibung zu verknüpfen.

https://www.transform-network.net/de/blog/article/unter-dem-pflaster-da-liegt-der-strand-der-neu-entstandene-feminismus-nach-1968/

Kommentar GB:

(…) „Geschlechterverhältnisse als Produktionsverhältnisse zu begreifen, ist der zentrale Gedanke in der Theorie von Haug“ (…)

Es handelt sich hier noch nicht um eine „Theorie“, sondern um ein thesenhaftes Postulat, aber an zentraler Stelle innerhalb des marxistischen Geschichtsdenkens, also des  Historischen Materialismus, innerhalb dessen im Sinne eines methodischen Postulates bekanntlich von einer fortwährenden Wechselwirkung zwischen gesellschaftlichen Produktivkräften (Entwicklung der Produktivität der Arbeit im engen Zusammenhang mit dem technologischen Fortschritt) und den Produktionsverhältnissen (Eigentumsverhältnissen) ausgegangen wird.

Das o. g. Haug-Postulat zielt m. E. ab auf die vollständige Umformung der Marxschen Theorie unter Einbezug und Erweiterung der zentralen Kategorie der gesellschaftliche Arbeit. Ob und inwieweit ein solcher Eingriff in die vorliegende Theoriesystematik des Marxschen Werkes hinreichend begründet und gerechtfertigt werden kann, das wäre allererst zu diskutieren.

Mit Frigga plädiere ich dafür, den Feminismus in den Kern des Marxismus hineinzuschreiben, in den zentralen von Marx besetzten Begriff Produktionsverhältnisse.

Bei Marx ist das die Frage, wie Menschen ihr Leben produzieren. Marx selbst beschreibt, dass Menschen dies auf doppelte Weise tun. Sie produzieren ihr Eigenes und das Fremde. Das Fremde in der Fortpflanzung, das Eigene, indem sie sich als Menschen in diesem Prozess entwickeln und reproduzieren. Und das tun sie auch mittels der Produktion von Lebensmitteln und Waren. Wir haben also von Anfang an zwei Weisen der Produktion, aus der einen kommen die Menschen heraus und aus der anderen die Lebensmittel und Güter, die diese Menschen brauchen.

Ein weiterer Gedanke ist, dass die Produktion des Lebens, sowohl des eigenen in der Arbeit wie auch des fremden in der Erzeugung, von Anfang an ein doppeltes, ein natürliches und ein gesellschaftliches Verhältnis ist. Gesellschaftlich in dem Sinne, dass darunter das Zusammenwirken mehrerer Individuen verstanden wird. Marx fordert schlussfolgernd, dass die Geschichte der Menschheit stets als Geschichte der Industrie und des Austausches der Arbeit bearbeitet werden muss.

Aber es fehlt der weitere Schritt, dass nämlich die Geschichte der Industrie und des Austausches immer auch mit der Geschichte des natürlichen gesellschaftlichen Verhältnisses, der Fortpflanzung, zusammen studiert werden muss.“

Soweit würde ich der Argumentation folgen, hier aber nicht mehr:

Der Blick auf Familien- und Bevölkerungspolitik setzt nämlich auch voraus, den Blick für die Konstruktionen dessen zu öffnen, was als natürlich gilt, was Geschlechter sein sollen und wie diese Fragen auf den Ebenen von Moral, Ideologie und Symbolen abgestützt und gesichert werden. Dies eröffnet den Blick auf die patriarchalen Strukturen.

Genau hier beginnt die Autorin, den postmodernen Konstruktivismus einzuführen und zu seinen Sicht- und Deutungsweise überzugehen. Dennoch ist die weitere Lektüre sinnvoll und notwendig: entweder kann dem Gedankengängen gefolgt werden, oder – in begründeter Art und Weise – eben nicht. – Ich lasse das an dieser Stelle offen.

Abschließend anzumerken ist allerdings, daß dieser theoretische Zweig des Feminismus innerhalb des Gender-Feminismus eine kleine Minorität darstellt, was allerdings die mögliche Gültigkeit der Theoriebildung nicht berührt.

Der Gender-Feminismus insgesamt wird vom postmodernen Gleichheitsfeminismus  dominiert, und zwar sowohl in Absetzung vom Differenzfeminismus als auch von marxistisch beeinflußten Randgruppen, was sich praktisch in der politisch-praktischen Gleichmachung von Frauen und Männern geltend macht, und zwar unter dem Kampfbegriff „Gleichberechtigung“ (bzw., damit immer gemeint: Gleichstellung im Ergebnis). Die gesamte Frauenquotenpolitik ist Ausdruck dieser Politik, die aus ökonomischer Sicht eine nackte (weil unbegründete) Verteilungspolitik ist, ein bloßer Anspruch, der mit seiner politischen Macht steht und fällt.